Brauerei in Mariendorf: Craftbeer brauen ist Leidenschaft

In der riesigen Halle ist der Atem vor dem eigenen Gesicht zu sehen. Es ist kalt und unwirtlich. Das soll sich bald ändern, schneller als es diese Atmosphäre erahnen lässt. Schon im März sollen im ehemaligen Gaswerk in Mariendorf eine Brauerei und ein Restaurant eröffnen. Auf einer Seite des Backsteinbaus stehen große Biertanks, auf der anderen herrscht Leere, der Boden ist übersät mit feinem Baustaub.

Am Ende der Halle steht Greg Koch: groß, lange Haare, Rauschebart, Sonnenbrille auf der Nase. Im kalifornischen San Diego betreibt der 51-Jährige mit Stone Brewing eine der zehn größten Craftbrauereien des Landes. Nun will er die größte Europas aufbauen, Berlin soll das Zentrum für den Vertrieb der Stone-Biere auf dem alten Kontinent werden. Vor einem Fenster hängt das Markenzeichen, ein mystischer Gargoyle, die Sonne wirft seinen Schatten an die Wand.

Noch ein Nischenprodukt

Vor drei, vier Jahren erreichte der Craft-Beer-Trend Deutschland, Berlin hat sich seither zur ungekrönten Hauptstadt der Bewegung gemausert: Es gibt Mikrobrauereien, zahlreiche Bars bieten offene Biere, Verkostungen und Brauereikurse an. Craft Beer wird geschätzt wie ein guter Wein, auch die Preise sind ähnlich. Eine Flasche kann schon mal zehn Euro kosten. Das Angebot trifft einen Nerv: Das Bewusstsein für gute Produkte und Zutaten wächst.

Koch zieht einen Vergleich zur Theke im Supermarkt: „Dieses eingeschweißte Fleisch für 2,50 Euro – das ist doch kein gutes Produkt.“ So ähnlich sei es mit industriell hergestelltem Massenbier. Und was ist mit dem Image des deutschen Biers, dem besten der Welt? Koch runzelt die Stirn: „Sterni?“, fragt er mit Blick auf das beliebte Leipziger Billigbier. Und noch ein deutsches Wort ringt ihm ein abschätziges Lächeln ab: Reinheitsgebot. „Man preist die Reinheit und mischt dann künstliche Farbe und Süße zu Mixgetränken dazu.“ Seine Meinung ist eindeutig: Es gibt Bedarf an Qualität.

Der Deutsche Brauer-Bund hebt die Vielfalt der mehr als 5000 deutschen Biermarken hervor, kann dem Trend aber einiges abgewinnen. „Craft ist eine Chance, die Braukunst und den Biergenuss in Deutschland wieder stärker in den Vordergrund zu rücken durch kreative Premium-Biere“, sagt Verbandssprecher Marc-Oliver Huhnholz. Craft Beer sei aber noch eine Nische. „Wir gehen davon aus, dass der Absatz in Deutschland derzeit einen mengenmäßigen Marktanteil von unter 0,5 Prozent hat“, sagt er und weist darauf hin, dass sich die ersten Craftbrauer in den Staaten einst an der deutschen Braukunst orientierten

Greg Koch ist sich dessen bewusst. Nun könnten aber wiederum die Deutschen eine andere Beziehung zum Bier erlernen. An Selbstvertrauen mangelt es ihm nicht. In San Diego braute Stone 330.000 Hektoliter 2014, in Berlin sollen perspektivisch mehr als 100.000 Hektoliter pro Jahr fließen. Im Vergleich zu den deutschen Großbrauereien, die jeweils mehrere Millionen Hektoliter verkaufen, ist das wenig. Aber es könnte Craft Beer aus der Nische helfen.

Sein persönliches Erweckungserlebnis hatte Koch 1987 mit Anchor Steam, einem Bier der ersten Craftbrauerei der USA. „Vorher wusste ich nicht, wie gut Bier schmecken kann.“ Er hat sich mit der Materie beschäftigt, tat sich mit einem Braumeister zusammen, bis ihm sein Vater 1996 ein Darlehen von 400.000 Dollar gab, ohne an den Erfolg zu glauben. „Das habe ich erst erfahren, als ich ihm alles zurückgezahlt habe und er sagte, dass er damit nie gerechnet hätte.“

Erfolg kommt mit Leidenschaft

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt – the American Dream also? Koch lächelt über das Klischee, aber er versteht es, sein Geschäft zu emotionalisieren. Er spricht von einer Graswurzelbewegung, jeder könne Bier brauen, unabhängig vom großen Geld eigene Vorstellungen umsetzen, solange man nur daran glaubt. Und Greg Koch glaubt: 25 Millionen kostet die Umgestaltung des 1901 erbauten Gaswerks, ob Dollar oder Euro weiß er nicht so genau. Der 51-Jährige wirkt nicht wie der landläufige Investor, dem bei der Expansion die Dollarzeichen in den Augen stehen. „Wenn man etwas macht, um damit Geld zu verdienen, geht es schief“, meint Koch. „Musiker machen auch nicht Musik, um berühmt zu werden, sondern weil es ihre Leidenschaft ist. Und erst dann kommt der Erfolg.“

Auf der Außenanlage macht Koch weite Schritte über die tiefen Gräben, in denen bald die Starkstromleitungen verlegt werden. Gegenüber thronen wuchtiger Felsblöcke, sie sollen den Biergarten prägen. 130 Locations in neun Ländern habe er gesichtet, erzählt Koch. Hier habe er die Seele eines Ortes gespürt, der zum Produkt passe. Doch die Szeneviertel, in denen Craft Beer bislang verortet ist, sind rund eine Dreiviertelstunde entfernt.

„In San Diego sind wir genauso weit vom Stadtzentrum weg“, sagt Koch. Dass Amerikaner ihrem Auto deutlich verbundener sind, während Berliner gerne im eigenen Kiez bleiben, wischt er beiseite: „Wenn man etwas Großartiges anbietet, werden die Leute kommen.“ Eine Glaswand wird den Blick von den 600 Plätzen auf die 100-Hektoliter-Brauanlage freilegen, Koch will Führungen anbieten, Erlebnisgastronomie im besten Sinne. Nur bei einer Sache ist der Spaß vorbei: „Wenn wir sehen, dass jemand Limonade in sein Bier kippt, werden wir ihn bitten, das Restaurant zu verlassen.“