ATTERWASCH - Sie sind wirklich gut sichtbar, die Solarfelder auf dem Dach des Pfarrhauses in Atterwasch (Spree-Neiße). So wie alle Photovoltaikanlagen ist sie nicht aufregend schön, aber praktisch. Denn sie wandelt Sonnenenergie in Strom um und verbraucht dabei keine fossilen Rohstoffe: keine Kohle, kein Erdöl, kein Gas, aber auch keine Atomkraft. Und genau deshalb wurde diese Anlage auf diesem Dach installiert – als eine Technologie der Zukunft, aber auch als Botschaft und als Kampfansage.

Denn Atterwasch gehört mit den Nachbarorten Kerkwitz und Grabko zu jenen drei Lausitzdörfern, die für die Erweiterung des Tagebaus Jänschwalde geopfert werden sollen. So hat es jedenfalls der schwedische Staatskonzern Vattenfall beantragt. Denn unter den Orten liegt reichlich Braunkohle und davon werden täglich bis zu 60.000 Tonnen benötigt, um das nahe Kraftwerk Jänschwalde zu befeuern.

Akt des zivilen Ungehorsams

Doch Atterwasch, dieses kleine verschlafene Dorf irgendwo am Rande der Republik, will nicht weichen. Überall im Ort sind Botschaften des Widerstands gegen die Vattenfall-Pläne zu sehen – beispielsweise ein Schild auf dem steht: Wir sind kein Abraum. „Wir wussten natürlich, dass es verboten war, diese Anlage auf dem denkmalgeschützten Pfarrhaus zu bauen“, sagt Mathias Berndt, Pfarrer im Ruhestand. Trotzdem haben zwei Dutzend Leute 2013 mitgemacht. „Für uns ein Akt des zivilen Ungehorsams.“

Die Idee, die dahinter steht, geht so: Dass das gesamte Dorf für eine veraltete Energiestrategie abgebaggert werden, stört die Denkmalschutzbehörde nicht weiter, obwohl doch zum Beispiel die 800 Jahre alte Kirche unter Denkmalschutz steht. Dafür stört sich die Behörde umso mehr an einer kleinen Anlage, die für die Solar-Aktivisten ein Symbol für die Energiewende und die Zukunft ist. „Die Denkmalpflege sollte nicht gegen uns und unsere Anlage kämpfen, sondern für den Erhalt des ganzen Dorfes“, sagt Berndt. „Das wäre wahrer Denkmalschutz.“

Offen ist, was die Zukunft der Lausitz bringt. Klar ist nur, dass Vattenfall seine Gruben und Kraftwerke bis 2016 verkaufen will, bislang ist ein tschechischer Konzern im Gespräch. Die Gewerkschaften und Kraftwerker fürchten, dass viele der mehr als 20.000 Jobs wegfallen könnten, die nach Rechnung von Vattenfall direkt oder indirekt von der Kohleförderung abhängen.

In den Siedlungen, die am Tagebau Jänschwalde oder in Welzow-Süd abgebaggert werden sollen, wächst nun die Hoffnung, dass die Orte überleben. Das Argument: Es wurden bereits 136 Orte und mehr als 29.000 Menschen für die Kohle umgesiedelt. Nun reicht es.

„Wir kämpfen weiter“, sagt Pfarrer Berndt. „Wir hatten natürlich gehofft, dass die Verwaltung unsere symbolische Aktion akzeptiert und uns nur ermahnt.“ Doch dann sei gedroht worden: Wenn die Anlage nicht wieder abgebaut werde, seien 3000 Euro Strafe fällig. „Wir haben angeboten, die Strafe als Sozialstunden im Altenheim abzuleisten, aber das wurde nicht akzeptiert“, erzählt Berndt. „Wir sagten: Dann müssen Sie uns einsperren.“ Als die Behörde ankündigte, dass eine Firma beauftragt wird, die Solaranlage notfalls mit Polizeischutz abzubauen – natürlich auf Kosten der Kirchengemeinde – einigten sich beide Seiten. Die Anlage soll diesen Sommer noch Strom liefern und kommt im September auf ein Nebengebäude einer Kirche in einem Nachbarort.

Die Argumente der Staatsmacht, in diesem Fall der Kreisverwaltung von Spree-Neiße, sind eindeutig. „Das, was dort getan wurde, ist ganz einfach verboten“, sagt Baudezernent Olaf Lalk. „Es widerspricht den Auflagen des Denkmalschutzes.“ Denn bei diesem Gebäude sei nun mal der historische Anblick das schützenswerte Gut, und das dürfe nicht einfach durch eine solche Solaranlage „sichtbar gestört“ werden.

„Wenn das Dach so wäre, dass die Anlage nicht sichtbar ist, wäre eine solche Anlage durchaus möglich“, sagt Lalk. Er sieht die ganze Sache auch nicht als Akt des zivilen Ungehorsams. „Das ist eine ganz bewusste Provokation“, sagt er. „Wir hatten die Sache untersagt, wir hätten reden können, aber dann war die Anlage irgendwann einfach über Nacht auf dem Dach.“

„Fatale Wirkung“

Die Verwaltung werde auch nicht nachsichtig sein und nachgeben. „Denn laut Grundgesetz gilt nun mal das Gleichbehandlungsgebot“, sagt der Baudezernent. „Egal, was ich ganz persönlich davon halte.“

Die Aktion betreffe ja auch nicht dieses eine Dorf allein. „Diese ganze Sache in Atterwasch hat ganz einfach eine fatale Wirkung“, sagt Lalk. „Alle, die bei uns in einem ordnungspolitischen Verfahren stecken und eine Dachrinne oder anderes falsch angebracht haben, berufen sich auf die Leute in Atterwasch. Deshalb werden wir die Sache weiterhin aktiv verfolgen.“

Mathias Berndt, der Pfarrer im Ruhestand, erzählt, dass die Solar-Aktivsten von Atterwasch nun auf die Kirchenführung hoffen, denn die Synode habe ein Umweltkonzept beschossen, das Photovoltaik auf geeigneten Süddächern von Kirchengebäuden erlaubt. „Wir haben die Landeskirche aufgefordert, schnell mit den staatlichen Stellen zu verhandeln, damit solche Anlagen genehmigt werden können“, sagt Berndt. „Und wenn solche Anlagen künftig an anderen Standorten erlaubt werden, kann ich mir nicht vorstellen, dass wir unsere Anlage abreißen müssen.“