Berlin - Fast 8400 Kindergartenkinder und Schüler in Ostdeutschland litten am Wochenende an Magen-Darm-Beschwerden, die vermutlich durch nicht einwandfreies Essen ausgelöst wurden. Es ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) der mit Abstand größte bekannte lebensmittelbedingte Krankheitsausbruch in Deutschland.

In Berlin waren den Angaben zufolge bis Sonnabend 2213 Mädchen und Jungen erkrankt, von denen drei im Krankenhaus behandelt wurden. In Brandenburg registrierte das RKI 2415 Fälle von Brechdurchfall, 14 Kinder und Jugendliche waren in stationärer Behandlung. Die Ursache ist nach wie vor unklar.

Das Bundesverbraucherschutzministerium geht seit Sonntag davon aus, dass der Höhepunkt der Epidemie überschritten ist. Als relativ sicher gilt nach Angaben des Ministeriums eine Infektion durch ein kontaminiertes Lebensmittel. Den Recherchen zufolge wurden nahezu alle betroffenen Schulen und Kindertagesstätten von demselben Essenlieferanten versorgt. Das Ministerium hat Hinweise dafür, dass die verhängnisvolle Mahlzeit zwischen Dienstag und Freitag vergangener Woche serviert wurde.

Wodurch können solche Beschwerden prinzipiell ausgelöst werden?

Eine Möglichkeit sind Viren wie etwa der Norovirus. Auslöser können aber auch Bakterien wie beispielsweise Salmonellen sein oder Umweltgifte, die wiederum von toxinbildenden Bakterien stammen. Das Verbraucherschutzministerium hat eigenen Angaben zufolge die Labors der Lebensmittelüberwachung angewiesen, besonders auf diese Bakterien zu achten. Thüringens Landesamt für Lebensmittelsicherheit hat die giftbildende, hitzebeständige Bakterienart Bacillus cereus in zwei Laborproben nachgewiesen. „Für eine belastbare Aussage ist das aber zu dünn“, sagt Abteilungsleiter Jürgen Ziegenfuß.

Bei 16 erkrankten Kindern in Sachsen und bei sieben in Thüringen wurde der Norovirus festgestellt. Steht damit die Krankheitsursache fest?

Nein, sagen die Behörden. Noroviren treten in dieser Jahreszeit allgemein verstärkt auf. Es gibt zudem einen Umstand, der gegen die Viren als Auslöser spricht: Bislang sieht das RKI keinen Hinweis auf eine nennenswerte Anzahl von Sekundärinfektionen. Der Norovirus ist jedoch hoch infektiös, und die Übertragung von Mensch zu Mensch führt in der Regel zu einer hohen Zahl von Erkrankungen. Dass die jetzt erkrankten Kinder ihre Eltern oder Geschwister offenbar bisher nicht oder nur ganz selten angesteckt haben, spricht also gegen den Norovirus als Auslöser.

Warum sind vor allem Kinder und weniger Erwachsene, etwa Lehrer, erkrankt?

Eine Erklärung könnte sein, dass der Erreger in einem Lebensmittel steckte, das hauptsächlich Kinder verzehrt haben.

Wer forscht nach der Ursache der Epidemie?

Ein Ermittlergruppe mit Experten aus Bund und Ländern, eine sogenannte Task Force, recherchiert. Sie wertet beispielsweise die Speisepläne der betroffenen Schulen nach signifikanten Gerichten aus, befragt Kantinenmitarbeiter und verfolgt Warenlieferungen zurück. Die Recherchen nach der Herkunft der Lebensmittel und den Vertriebswegen koordiniert das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit. Das RKI ist federführend bei den epidemiologischen Untersuchungen. Hunderte Lebensmittel- und Stuhlproben müssen analysiert werden. Im Landeslabor Berlin-Brandenburg wurden am Wochenende nach Angaben von Gesundheitsstaatssekretärin Emine Demirbüken-Wegner 37 Lebensmittel- und 30 Tupferproben überprüft.

Wann ist mit Ergebnissen zu rechen?

Da bleiben die Behörden vage: „Nicht vor Montag“, sagte Berlins Gesundheitsstaatssekretärin. „In nächster Zeit“, hieß es am Wochenende aus dem Verbraucherschutzministerium. Es verweist darauf, dass manche Laboranalysen so aufwendig seien, dass Ergebnisse erst nach vier Tagen vorlägen. „Keineswegs vor Montag“, schätzt das Catering-Unternehmen Sodexo.

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Wie verhält sich Sodexo?

Der Essenlieferant weist den Vorwurf zurück, dass verunreinigtes oder verdorbenes Essen die Krankheitsfälle hervorgerufen haben könnte. Ein Unternehmenssprecher betont, dass Krankheitsfälle an weniger als fünf Prozent der insgesamt belieferten Schulen aufgetreten seien. Es gebe keinen Beleg für einen Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und den Essenlieferungen. Die Firma hat nach eigenen Angaben den Behörden alle Unterlagen lückenlos zur Verfügung gestellt und ihnen Rückstellproben der ausgelieferten Speisen übergeben. Einige Küchen hätten auf Bitten der Behörden den Betrieb eingestellt, heißt es auf der Internetseite der Firma. Wo noch gearbeitet werde, würden höhere Hygienestandards gelten. Zudem lässt Sodexo seine Mitarbeiter untersuchen, ob einer von ihnen eine entsprechende Krankheit hat und Auslöser der Epidemie sein könnte. Der Sprecher des Verbraucherschutzministeriums, Holger Eichele, warnt: „Schuldzuweisungen sind absolut unseriös, solange der Auslöser der Erkrankungen nicht gefunden ist.“

Wurden am Wochenende neue Fälle gemeldet?

Nein, zumindest in Berlin und Brandenburg nicht. Das ist allerdings zunächst kein Beleg dafür, dass es keine neuen Fälle gibt. Grund könnte auch sein, dass Kitas und Schulen geschlossen sind. Sie hatten bislang die Fälle gemeldet.

Werden die Berliner Kitas und Schulen noch einmal informiert?

Ja, die Bildungsverwaltung wird sich mit jenen Schulen und Kitas, die in den Ferien geöffnet sind, am Montag in Verbindung setzen.

Funktioniert das Krisenmanagement?

Das Verbraucherschutzministerium wies am Sonntag Kritik am Krisenmanagement der Behörden zurück. „Die Task Force arbeitet hervorragend“, sagt Ministeriumssprecher Eichele. Die Zusammenarbeit mit den Behörden in den Ländern laufe deutlich besser als während der Krise um den Lebensmittelkeim Ehec im vergangenen Jahr. Damals starben 53 Menschen. Zu beobachten ist allerdings, dass sich die Behörden bei der Bewertungen zurückhalten. Sie haben offenbar Lehren aus dem zum Teil chaotischen Ehec-Krisenmanagement gezogen. Damals standen zunächst spanische Gurken unter Verdacht – eine Fehleinschätzung. Die wirkliche Ursache waren Sprossen.