Berlin - Es gibt schöne Plätze in Berlin – und es gibt den Breitscheidplatz. Während um ihn herum zeitgemäß gebaut wird (Hotel Waldorf Astoria, Zoo Palast, Bikini Berlin), wirkt das zugige Betonareal noch immer unwirtlich. Nun ist auch noch ein Vorhaben verschoben worden, den Platz mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in der Mitte zu verschönern. Die 15 reichlich rumpligen Holzbuden, in denen teils seit zehn Jahren von Kebap bis Currywurst alles angeboten wird, was des Berliners (und Touristen) Herz begehrt, dürfen bleiben. Vorerst.

Die ursprünglich heute auslaufende Duldungsfrist ist ausgesetzt. Das bestätigt Charlottenburg-Wilmersdorfs Stadtentwicklungsstadtrat Marc Schulte (SPD). Hintergrund ist ein Streit des Bezirks mit der Kirche, die den Budenbetreibern ihren Grund verpachtet.

„Am nächsten Montag gibt es ein Gespräch mit der Kirche und Bezirksbürgermeister Naumann. Bis dahin wird nichts passieren“, sagt Schulte. Das Bezirksamt strebe eine „einvernehmliche Regelung“ an, fürchte sich aber auch nicht vor einer gerichtlichen Klärung. Insgesamt bleibe er bei seiner harten Haltung, dass die Buden weg müssten, so der Stadtrat. Der Platz brauche Ruhe, keinen ständigen Trubel. Und Schulte macht keinen Hehl daraus, dass er sich über die Gedächtniskirchengemeinde ärgert. „Die Kirche hat ihre Zusage gebrochen.“

Händler drohen mit juristischen Schritten

Die Kirche, das ist in diesem Fall Manfred Germer, seit mehr als acht Jahren Pfarrer der Gedächtniskirche, deren hohler Zahn zusammen mit ihren Neubauten von 1961 eine Ikone des westlichen Nachkriegsberlin ist. Und die Zusage ist die, dass der Platz um die Kirche bereits Ende 2013 frei von Buden sein sollte. Okay, das Ende des Weihnachtsmarktes wolle man noch abwarten, hieß es. Aber dann…

Obwohl der Weihnachtsmarkt längst abgebaut ist, könne er die Zusage an den Bezirk „leider nicht einhalten“, sagt Manfred Germer. Schuld sei, die leidgeplagten Berliner mögen es verstehen, eine Bauverzögerung. Die Sanierung der im Zweiten Weltkrieg zerbombten Kirche dauere länger als geplant. So gebe es in rund 30 Metern Höhe, unterhalb der Glockenstube, eine Betondecke, die saniert werden müsse. An diese Stelle sei man erst herangekommen, als das Paneel-Gerüst, das den Bau seit 2011 verschandelt, zumindest teilweise abgebaut werden konnte. Das ist mittlerweile geschehen, für die Arbeiten braucht man aber dauerhaft Temperaturen von 5 Grad über Null. Das kann also noch dauern.

Die Händler haben mit der Kirche einen Pachtvertrag bis zum Ende der Bauarbeiten. Auf diese Zusage pochen sie und drohen mit juristischen Schritten wegen Verdienstausfalls, wenn die Hütten doch vorher weg müssten.

Über die Einnahmen aus dem Hüttengeschäft schweigt Germer. Das Geld werde jedoch nicht für die Turmsanierung gebraucht, die 4,2 Millionen Euro dafür habe man beisammen. Vielmehr bezahle man davon eine zweite Pfarrstelle der Gemeinde. Und es gebe (mindestens) noch einen zweiten Grund, warum er mit dem Hütten-Markt ganz gut leben könne, sagt Germer: „Seitdem der Markt da ist, haben wir nicht mehr so viele Pinkler an unserer Kirchenmauer. Die Händler schauen eben nach ihrer Umgebung.“