Breitscheidplatz: Sechzig Imame auf einer Tour gegen den Terror

Mehr Symbolik geht kaum. Vor der Turmruine der im Krieg zerstörten evangelischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz stehen Dutzende Imame aus aller Welt. Sie halten Rosen in den Händen und tragen Schärpen, auf denen steht: „Marsch der Muslime gegen den Terrorismus“. Wenige Schritte hinter ihnen erinnert ein Kerzenmeer an die zwölf Toten des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt vom 19. Dezember 2016 – eines Anschlags im Namen des Islams.

„Das hier ist ein starkes Zeichen, ein Zeichen, auf das viele gewartet haben“, ruft die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD), die wie viele andere an diesem Sonntagmittag gekommen ist, um die Imame zu verabschieden. An der Straße steht schon der graue Bus, mit dem sechzig muslimische Würdenträger in den nächsten Tagen durch Europa fahren. Erst am Vortag waren sie in Paris gestartet und abends in Berlin angekommen.

Nun soll es nach Brüssel weitergehen. Ihr Weg führt durch Städte, in denen in den vergangenen Jahren schwere islamistisch begründete Terroranschläge verübt wurden, darunter Saint-Étienne-du-Rouvray, Toulouse und Nizza.

„Ich weiß als Jude genau, wohin der Hass führt“

„Wenn unsere Religion vom IS zur Geisel genommen wird, müssen wir reagieren“, sagte Hassen Chalghoumi, Imam im Pariser Vorort Drancy. Er hat den „Marsch der Muslime gegen den Terrorismus“ organisiert, gemeinsam mit seinem Freund, dem jüdischen Künstler und Schriftsteller Marek Halter.

Dieser begründete sein Engagement für die muslimische Aktion so: „Ich weiß als Jude genau, wohin der Hass führt.“ Es sei gut, wenn Regierungen ihre Polizei und Armee gegen Terroristen einsetzten, sagte Halter. „Aber nur die Muslime selbst können den islamistischen Terrorismus bekämpfen.“

Er verwies auf einen Vers aus dem Koran: „Wer einen Menschen tötet, für den soll es sein, als habe er die ganze Menschheit getötet. Und wer einen Menschen rettet, für den soll es sein, als habe er die ganze Welt gerettet.“

Sie engagieren sich für Frieden und gegen den Terror

Hassen Chalghoumi stellte einige der mitreisenden Imame vor. Sie kommen unter anderem aus Frankreich, Spanien, Portugal, Belgien, den Niederlanden und Tunesien. Aus Deutschland fahren vier Imame mit, einer aus Hamburg und drei aus Berlin.

Für Chalghoumi trägt die Fahrt der Muslime durch Europa verbindenden Charakter, quer über alle Religionen. „Egal aus welchem Tempel wir kommen: Wir verkünden Frieden, Brüderlichkeit und Liebe“, sagte er. Wie zur Illustration ragte hinter ihm ein steinerner Jesus der Gedächtniskirche empor, in deren Gedenkhalle sich die Imame vor der Verabschiedung versammelten.

Die Evangelische Kirche hatte sich bewusst hinter die Aktion gestellt und die Berliner Etappe des Marsches gemeinsam mit der Neuköllner Begegnungsstätte e.V. – Dar-As-Salam-Moschee organisiert. „Wir verstehen unsere Kirche als besonderen Ort des Friedens und der Versöhnung für Menschen aller Religionen“, sagte Martin Germer, Pfarrer der Gedächtniskirche.

In französischen Vorstädten haben Extremisten leichtes Spiel

Deutlich wurde an diesem Sonntag aber auch, wie sehr der Marsch die inner-islamische Auseinandersetzung verschärft. Unter Tränen berichtete ein Mitreisender aus der südfranzösischen Stadt Nimes darüber, welche Wagnisse die Imame mit ihrer Aktion eingingen. „Der Kampf ist sehr schwer, denn es gibt Bedrohungen, für die Imame und ihre Familien“, sagte er.

In manchen französischen Vorstädten, sogenannten Banlieues, lasse man die Extremisten einfach agieren. Die Kinder würden in der Schule gehänselt, die reisenden Imame als „Kollaborateure“ des Staates beschimpft. Und keiner wisse, was nach der Rückkehr passieren werde. Einige hätten wegen ihrer Teilnahme am „Marsch der Muslime gegen den Terrorismus“ Todesdrohungen erhalten, bestätigte Marek Halter.

Der Terrorismus gehe nicht vom Islam selbst aus, sagte der Berliner Imam Taha Sabri, der ebenfalls am Marsch teilnimmt. Er sprach von einer „faschistischen Ideologie, die den Islam missbraucht“.

Wir dürfen Terroristen nicht dulden

„Die Terroristen handeln im Namen des Islam“, betonte dagegen die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli. Deshalb müssten die Muslime aufstehen und Zeichen setzen. Sie dürften Terroristen nicht in ihren Reihen dulden, lautete der Tenor der Redner, die die Reisenden vor der Gedächtniskirche verabschiedeten – mit dem Segen eines Bischofs, eines Rabbiners und mit einem Gedenk-Gebet für die Opfer des Terroranschlags vom Dezember 2016, gesprochen von Imam Taha Sabri.

Es endete mit dem Wunsch, „dass der Friede und die Sicherheit wiederkehren mögen, damit wir allesamt in Frieden und in Brüderlichkeit leben“.