Sie gilt als Radfahrerhölle: Lieferfahrzeuge, die in der zweiten Reihe parken, und haltende BVG-Busse zwingen zu Slaloms, viele Autos fahren schneller, als sie dürften, und die meisten Fahrer scheinen für Zweiradfahrer nicht viel übrig zu haben. Die Oranienstraße in Kreuzberg ist für Radfahrer ein unangenehmes Terrain – und ein risikoreiches dazu. Mit 76 Radfahrerunfällen gehörte die Straße 2017 zu den gefährlichsten Pflastern in Berlin.

Im Gebiet der Polizeidirektion 5 ist die Oranienstraße ein Unfallbrennpunkt. Das geht aus einem internen Lagebild der Polizei hervor.

Die „Führungsinformation Verkehr“, die der Berliner Zeitung vorliegt, nennt auch für Mitte Straßen, auf denen sich 2017 besonders viele Unfälle mit Radfahrern ereignet haben. Die von der Polizeidirektion 3 erstellte Liste wird von der Alexanderstraße angeführt. Die stark befahrene Verbindung im Umfeld des Alexanderplatzes, wo Radler auf dem südöstlichen Abschnitt auf schmale Bürgersteig-Radwege verwiesen werden, war Schauplatz von 64 Verkehrsunfällen dieser Art.

Lagebild zeigt auch positive Trends

Auf der Invalidenstraße – bei Fahrradfahrern gefürchtet wegen des starken Autoverkehrs und der Straßenbahnschienen – gab es 60 Radfahrerunfälle, auf der Müllerstraße 56. Auf der Friedrichstraße hat die Polizei 52 solcher Unfälle registriert.

Die Polizeidirektion 1 nannte als Unfallschwerpunkt eine berühmte Kreuzung in Prenzlauer Berg: Ecke Schönhauser – bekannt aus Spielfilmen wie der gleichnamigen Defa-Produktion von 1957. An dem unübersichtlichen, verkehrsreichen Knotenpunkt am U-Bahnhof Eberswalder Straße ereigneten sich im vergangenen Jahr 13 Radler-Unfälle. Das interne Lagebild zeigt erneut, dass Radfahrer ein großes Risiko tragen, bei Unfällen verletzt oder gar getötet zu werden. Im vergangenen Jahr waren 29 Prozent der Menschen, die im Berliner Straßenverkehr verunglückten, Radfahrer – obwohl lediglich etwa 15 Prozent alle Wege in der Stadt mit Pedalkraft zurückgelegt werden. Die Zahl der Radler, die bei Unfällen schwer verletzt wurden, stieg von 583 auf 627.

Die Polizeistatistik für 2017 weist aber auch positive Entwicklungen hin. So sank die Zahl der leicht verletzten Radfahrer – von 4673 auf 4350. Bei den Radfahrern, die bei Unfällen starben, gab es ebenfalls eine Abnahme – von 17 auf 9. Auch die Zahl der Radfahrerunfälle ging zurück – von 7495 auf 7069. In 43,7 Prozent der Fälle waren Autofahrer Hauptverursacher, in 44,7 Prozent der Fälle die Radfahrer.

„Kehrtwende in der Verkehrssicherheit“

„Die Rückgänge sind erfreulich“, sagte Heinrich Strößenreuther von der Agentur für clevere Städte. Doch mit baulichen Veränderungen und politischen Leistungen hätten sie nichts zu tun, weil im vergangenen Jahr kaum Radverkehrsanlagen gebaut worden seien. Es lag eher am Wetter, der Sommer war regnerisch: „Erfahrungsgemäß fahren dann deutlich weniger Menschen Rad.“

Ähnlich sieht es Nikolas Linck vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). „Der Sommer 2017 war von starkem Regen geprägt.“ Der langjährige Trend zeige eine „ganz leichte Erhöhung der Sicherheit, aber ohne klare oder eindeutige Tendenz. Die Zahl der Toten und Verletzten ist weiterhin schockierend hoch und kann von niemandem akzeptiert werden.“

Der Senat könne sich den Rückgang der Unfälle „ganz sicher“ nicht als Erfolg auf die Fahnen schreiben. „Statt winziger Schritte brauchen wir eine Kehrtwende in der Verkehrssicherheit“, forderte Linck. „Dafür muss jetzt endlich großflächig mit den vielen wichtigen Bauprojekten begonnen werden.“