An keiner Schule wird die Berliner Bildungsmisere derzeit so sichtbar wie an der Schöneberger Spreewald-Grundschule: Schulleiterin Doris Unzeitig hat gekündigt, weil sie ihre offenen Stellen nicht mehr mit regulären Lehrern besetzen kann. Schon jetzt arbeitet die Brennpunkt-Schule mit vielen Quereinsteigern. Zudem könne der Bezirk das Schulgelände nicht ausreichend vor Schulfremden und Drogensüchtigen schützen, sagt sie.

Gleich am ersten Schultag mussten sich nun Eltern, Bildungsverwaltung und das bezirkliche Schulamt mit der Frage befassen, wie es nun an dieser Brennpunkt-Schule im Schatten des „Sozialpalastes“ weitergehen soll. Schulstart à la Berlin.

Eltern, die ihre Kinder am Morgen in das backsteinerne Schulgebäude brachten, redeten aufgeregt über den angekündigten Weggang ihrer Schulleiterin. Einige Eltern hatten bereits in der Berliner Zeitung oder in den Onlinemedien davon gelesen wie Gesamtelternvertreterin Hadia Mir. „Ich bin wirklich sehr traurig über diese Entwicklung“, sagt die Mutter von zwei Grundschulkindern. „Sie wirft nun das Handtuch, obwohl sie so lange für Verbesserungen an der Schule gekämpft hat.“

Ein privater Wachschutz kommt auch bei internen Konflikten zum Einsatz

Wieder einmal steht eine Brennpunkt-Schule ohne Schulleitung da. Für die weitere Schulentwicklung ist das in der Regel negativ. Doris Unzeitig hat immerhin fünf Jahre durchgehalten, ihre Vorgänger an der Spreewald-Grundschule an der Pallasstraße im Schöneberger Norden hatten bereits früher aufgegeben – aufgerieben im schwierigen Umfeld. Etliche Schüler zeigen gegenüber den Pädagogen wenig Respekt, auch Eltern verhalten sich teils äußerst unkooperativ. Fast alle Schüler leben in Familien, die auf Sozialtransfers angewiesen sind und für die Bildung keinen so hohen Stellenwert hat.

Im März hatte die Schulleiterin eigenmächtig einen privaten Wachschutz engagiert, der auch bei internen Konflikten unter Schülern und Eltern zum Einsatz kommen sollte. So stand es in einem Elternbrief.

In Einzelfällen sei dies offenbar nötig, räumte dann auch Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ein. Inzwischen hat der Bezirk den Einsatz der Wachschützer bis zu den Herbstferien genehmigt.

Unzeitig will zurück nach Österreich

Doris Unzeitig habe sich sehr für ihre Schule eingesetzt und einiges verbessert, sagt Elternvertreterin Hadia Mir. „Und sie ist auch eine sehr gute Lehrerin.“ Sie sei auch die Klassenlehrerin ihres kleinen Sohnes. „Doch jetzt wird ein anderer Lehrer übernehmen“, sagt Hadia Mir und gibt zu, dass sie sogar schon überlegt habe, ihre beiden Kinder von der Schule zu nehmen.

Die Schulleiterin hat ihre Kündigung auch damit begründet, dass sie die offenen Stellen zuletzt mit qualifizierten Erzieher besetzen sollte. Zudem sei ein höherer Zaun, der das Schulgelände gegen Schulfremde absichern soll, bisher nicht errichtet worden. Nun gebe es auf dem Gelände sogar eine Stelle, wo Drogen konsumiert würden.

Bis Anfang September arbeitet die Schulleiterin noch in Schöneberg, dann will sie zurückgehen in den österreichischen Schuldienst. Sie werde eine Stelle nahe Salzburg antreten, hatte Doris Unzeitig der Berliner Zeitung am Wochenende gesagt. Derweil erhielt sie Einladungen für Talkshows wie SternTV.

Medienrummel stößt auf Ablehnung

Im Umfeld der Bildungssenatorin reagierte man gereizt auf die mediale Aufmerksamkeit, die die 48-jährige Schulleiterin mit ihrem angekündigten Weggang auslöste. Gerade hat Scheeres einräumen müssen, dass gut 70 Prozent der neu eingestellten Lehrkräfte an Berliner Grundschulen Seiteneinsteiger sein werden – fast 40 Prozent davon „Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung“ (LovL), die gar kein in Berlin unterrichtetes Schulfach studiert haben und deshalb auch nicht als Quereinsteiger tätig werden dürfen.

Die CDU forderte daraufhin den Rücktritt der Senatorin. Die Senatorin entgegnete vergangene Woche, dass man mit den „LovL“ wenigstens alle offenen Stellen besetzen konnte.

Nun, am ersten Schultag, klang das etwas anders. „An der Spreewald-Schule sind noch drei bis vier Stellen offen“, sagt Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung, am Montag. Allerdings betont sie, dass die Schulleiterin auch gar nicht mehr zu der zentralen Bewerberrunde für Quereinsteiger erschienen sei. Als die Bildungsverwaltung ihr Kündigungsschreiben erhielt, hat man ihr prompt den Auflösungsvertrag zugeschickt.

Auch Oliver Schworck (SPD), der Schulstadtrat von Tempelhof-Schöneberg, wirkt zunehmend genervt, wenn es um Doris Unzeitig geht. „Sie hat von uns zur Sicherheit des Gebäudes eine Gegensprechanlage erhalten“, sagte Schworck. Doch weil ihre Sekretärin gegen 14 Uhr gehe, habe sie zusätzliches Personal gewollt, um die Anlage danach noch bedienen zu können. „Dafür sind aber keine Mittel vorgesehen.“ Den Wachdienst habe er noch bis Herbst genehmigt. „Dann sollte aber eine pädagogische Lösung für schulinterne Konflikte gefunden sein“, sagte Schworck. Auch für die Elternarbeit.

An Brennpunkt-Schulen arbeiten oft Seiteneinsteiger

Bei der Errichtung eines höheren Zaunes um die Schule habe es Probleme mit einer Baufirma gegeben. Tatsächlich steigen am Wochenende häufig Jugendliche über den niedrigen Zaun auf das Schulgelände. Laut Schworck machen sie dort Party, entfachen Feuer oder schmeißen Bierflaschen hin. Oft halten sie sich im Bereich des Hortgebäudes auf, das für Schüler eigentlich gesperrt ist, weil ein Fluchtweg fehlt.

Ferdinand Horbat ist Landesschulbeirats-Vize und gehört als externes Mitglied der Schulkonferenz der Spreewald-Schule an. Er fordert, dass die zur Verfügung stehenden voll ausgebildeten Lehrer künftig von der regionalen Schulaufsicht besser auf die einzelnen Schulen verteilt werden sollen. Bisher können sie sich ihren Arbeitsort frei aussuchen. Meist werden sie bei den zentralen Bewerberrunden, den „Lehrer-Castings“, sofort von interessierten Schulleitern angeworben. Um die offenen Stellen an vielen Brennpunkt-Schulen zu besetzen, werden dann oft Seiteneinsteiger herangezogen. Wie an der Spreewald-Schule oder auch an der Neuköllner Sonnen-Grundschule, deren Kollegium bereits am Freitag vor der Bildungsverwaltung demonstrierte.

An vielen anderen Schulen verlief der Schulstart am Montag übrigens weitgehend reibungslos. Auch darauf sei hingewiesen. Außer an der Fritz-Karson-Schule in Neuköllner Ortsteil Britz. Dort schickte der Direktor die Kinder wieder nach Hause, denn die Schule war völlig verdreckt – die Reinigungsfirma hatte dort in sechs Wochen Ferien nicht ein einziges Mal sauber gemacht.