Wedding - Berlin ist im Begriff, ein neues Symbol für das Versagen der hiesigen Bildungspolitik zu etablieren. So formulieren es die Elternvertreter der Brüder-Grimm-Grundschule in Wedding in einem offenen Brief an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Es geht um die Carl-Kraemer-Grundschule in Gesundbrunnen, die wegen massiver Bauschäden und Schimmelbefall mit ihren 500 Schülern Anfang Februar eilig geräumt werden musste.

„137 der Kinder strandeten in der Brüder-Grimm-Grundschule, ebenfalls eine Kiezschule im sozialschwachen Umfeld mit großen Integrationsherausforderungen“, schreiben die Eltern der Brüder-Grimm-Schule nun in ihrem Brief. Sie warnen davor, dass in der überfüllten Schule in der Tegeler Straße nun alle beteiligten Kinder und Pädagogen unter diesen Bedingungen leiden. Denn eine anregende Lernatmosphäre sei dort kaum möglich.

Unterricht zeitlich versetzt

Die Kinder aus den verschiedenen Schulen haben nun zeitversetzt Unterricht und Pause, was zu zusätzlicher Lärmbelastung führt. Die Schüler der Kraemer-Schule werden jeden Morgen erst kurz vor 8.45 Uhr mit einem aufwendigen Busshuttle hergefahren – und am Nachmittag wieder zurückgebracht in den Soldiner Kiez. Lehrer hetzen von einem Standort zum nächsten. „Die ohnehin katastrophale Toilettensituation verschlechtert sich durch die höhere Anzahl von Kindern weiter“, schreiben die Eltern.

Alle Räume, um größere Klassen auch mal in kleinere Lerngruppen aufzuteilen, wurden mit den Kinder aus der anderen Schule belegt. „Insbesondere zum Nachteil der Schüler mit Förderbedarf“, schreiben die Eltern. Auch essen müssen die Schüler nun dicht vertaktet nacheinander. „Unserer Kinder baden die Fehlplanungen der letzten Jahre aus“, so das Fazit der Eltern.

Die Brüder-Grimm-Schule trifft es besonders hart, weil die dortigen Lehrkräfte nach einer sieben Jahren andauernden Sanierung des Gebäudes nun endlich wieder alle Räume für ihre pädagogische Arbeit nutzen wollten. „Das Schulamt hat unsere Schulleitung vor vollendete Tatsachen gestellt“, sagt Jana Wierik, Gesamtelternsprecherin der Schule . Auch die nun dort eingesetzten Pädagogen der Kraemer-Grundschule sind unzufrieden mit den beengten Verhältnissen. Schließlich ist ihre Schule eine Ganztagsschule, an der alle Schüler bis 16 Uhr vor Ort sind und sich Unterricht und Freizeitangebote abwechseln.

Die nun geschlossene Kraemer-Schule war im Februar 2012 die erste Station der neu eingeführten „Schultour“ von Senatorin Scheeres. Damals lobte Scheeres die Möglichkeiten an der Schule. Jetzt ist das Gebäude wegen massiven Schimmelbefalls im Keller, der Absenkung der Deckenabhängung und eines Risses im Gebäude eilig geräumt worden. Das Schulamt hatte dem Verfall lange zugesehen.

Für pädagogische Arbeit bestens geeignet

Sieben Klassen gehen seither in die Grimm-Grundschule, zwölf Klassen belegen einen neuen Bau aus vorgefertigte Elementen an der Chaussee-/Ecke Boysenstraße und vier weitere Klassen sind in die Rudolf-Wissell-Grundschule ausgelagert. Der Früh- und Späthort ist wiederum an einer anderen Schule. „Nun ist nun Solidarität und Zusammerücken gefragt“, sagte Mittes Schulstadtrat Carsten Spallek (CDU). Nach den Osterferien soll der alte Standort wieder benutzbar sein. Das allerdings bezweifeln Eltern und einige Pädagogen.

Sie haben längst ein Alternativobjekt im Blick: Gleich neben der Brüder-Grimm-Grundschule befindet sich das Schulpraktische Seminar von Mitte, dort werden Referendare ausgebildet. Das Gebäude war ursprünglich Teil der Schule. Es sei für die pädagogische Arbeit mit Schülern bestens geeignet, meinen Eltern. Ein bei ihnen kursierendes Handy-Photo vom Belegungsplan zeigt, das viele Räume donnerstags und freitags nicht genutzt werden.

Busshuttle kostet viel Geld

Spallek erteilte diesen Wünschen eine Absage: „Eine Unterbringung wurde geprüft“, sagte er. Allerdings seien die Seminare voll belegt und die Organisation recht komplex. „Ausfallen lassen können wird die Ausbildung der Referendare nicht.“ Die für die Lehrerausbildung zuständige Senatsbildungsverwaltung äußerte sich trotz Anfrage nicht dazu.

Der Busshuttle wird allein bis Ostern einen mittleren fünfstelligen Betrag kosten, sagte Spallek. Zu einem ähnlichen Fall war es zuletzt in Kaulsdorf gekommen. Nach der übereilten Schließung der Achard-Schule mussten die Kinder täglich zehn Kilometer zu einem anderen Standort gefahren werden. Das kostete damals eine halbe Million Euro.