Brief aus Warschau: Was sind eigentlich polnische Milchbars?

Unsere Autorin ist für zwei Monate in Warschau. Die Suche nach einem Zugang zu unserem Nachbarland führt über Milchbars. Ein Brief an die Redaktion.

Eine ältere Dame sitzt in einer polnischen Milchbar, einem traditionellen, niedrigpreisigen Restaurant in Warschau. 
Eine ältere Dame sitzt in einer polnischen Milchbar, einem traditionellen, niedrigpreisigen Restaurant in Warschau. A. Farnsworth/imago

Cześć, liebe Kolleginnen und Kollegen der Berliner Zeitung, wusstet ihr, dass man in Polen gern in Milchbars geht? Allein in Warschau gibt es mindestens ein Dutzend. Bisher war ich in drei und bekomme nicht genug. Der polnische Staat unterstützt die Milchbars mit mehreren Millionen Euro jährlich. Das führt dazu, dass Milchbars polnisches Essen zu unverschämt günstigen Preisen anbieten können, vor allem vegetarische Produkte, aber nicht nur.

Eine typische Milchbar ist schmucklos, erinnert ein bisschen an eine Kantine. An der Wand hängt die Speisekarte, es gibt graue viereckige Tabletts, eine Kassiererin, eine Durchreiche für das Essen. Das durchmischte Publikum sitzt auf einfach Holzstühlen, Tische ohne Tischdecken. Im Schaufenster werden Sonderangebote für Frühstück und Mittagessen auf Polnisch beworben. Serviert wird die deftige Küche in kleinen, aber sattmachenden Portionen.

Die Mleczarnia Jerozolimska in Warschau. 
Die Mleczarnia Jerozolimska in Warschau. Carola Tunk

Die Mleczarnia Jerozolimska liegt im Stadtteil Ujazdów, ein Viertel mit prachtvollen Villen aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. Das zumindest behauptet Wikipedia, doch aus dem Bus heraus sehe ich nur Baustellen. Das Logo der Milchbar: Eine schwarz-weiße Milchkuh, natürlich. Die Mleczarnia Jerozolimska ist inzwischen eine Kette in Warschau. Die Piroggen mit Spinat, Feta und Zwiebeln sind eine Spur zu fettig, aber das ist vielleicht auch so gewollt.

Die erste Bar Mleczny in Warschau war die Mleczarnia Nadświdrzańska in der Nowy Świat. Sie wurde im Jahr 1896 eröffnet. Angeboten wurden vor allem Milchprodukte. Die Bar war beliebt, und schnell verbreitete sich die Idee, vegetarische Kost zu günstigen Preisen anzubieten. In der Bar Mleczny an der Marszalkowski gibt es Mizeria (Gurkensalat) und Ziemniaki (Kartoffeln mit Dill). Eine gute Hauptmahlzeit für umgerechnet 2,31 Euro. Ins Auge stechen die postsozialistischen Salzfässchen: Kleine Einweckgläschen mit selbst gebohrten Löchern im Deckel.

Mehr als nur Retro-Lokale

Die Hochphase ihrer Beliebtheit erreichten die polnischen Milchbars zwischen 1944 und 1989. Fleisch war ein Luxusgut und die kommunistischen Behörden suchten nach einer günstigen Möglichkeit, die Bevölkerung zu versorgen. Die Milchbars wurden verstaatlicht, und manche sehen so aus, als sei seitdem nicht mehr viel verändert worden. 

Eine Bar aus dieser Zeit ist die Prosowy, die sich ebenfalls auf der Marszałkowska befindet. 2023  geht es hier allerdings schon ein bisschen moderner zu. Die Speisen werden auf großen LED-Bildschirmen angeboten. Dadurch verliert die Bar im Vergleich zu den anderen etwas an Atmosphäre. Das Leuchtschild über dem Schaufenster ist zur Hälfte erloschen, weist aber darauf hin, dass die Bar seit 1954 existiert. 

Mizeria (Gurkensalat) und Ziemniaki (Kartoffeln mit Dill)
Mizeria (Gurkensalat) und Ziemniaki (Kartoffeln mit Dill)Carola Tunk

Die Milchbars sind allerdings mehr als nur Retro-Lokale. Sie sind Orte, an denen unauffällige Menschen in Anorak und Winterstiefeln, elegant gekleidete Damen und Männergruppen in dunklen Jacken aufeinandertreffen. Das liegt an den durchweg schmackhaften Speisen, die schnell zubereitet werden, und an der spartanischen Einrichtung. Ein bisschen wie Currywurstbuden in Berlin. Denn wer will schon nach zwanzig anstrengenden Business-Calls noch ein gehobenes Restaurant mit weißen Tischdecken und blankgeputztem Silberbesteck aufsuchen? Eine Milchbar tut’s auch.

Bis Ende März ist die Redakteurin Carola Tunk mit einem Stipendium des Internationalen Journalisten Programms in Polen unterwegs. Was interessiert Sie an Polen? Schreiben Sie an: carola.tunk@dotimg.com.