Berlin - Die riesige Dogge, die ihren monströsen Kopf beinahe durch den Lattenzaun gezwängt hat, trägt weißen Schaum vorm Maul. Ein gefährlicher Hund, keine Frage. Falsch. "Dieser Hund", sagt Jörg Ulbricht und deutet auf das Foto, "hatte Schaum vorm Mund, wenn er sich gefreut hat – und er hatte Schiss vor jeder kleinen Maus".

Ein Raunen geht durch den Raum, in dem etwa 50 Männer und Frauen Platz genommen haben. Es ist Dienstag, 8 Uhr morgens, und ein bisschen früh, um über den Schaum vor Hundemäulern zu reden – doch für die Männer und Frauen in Blau-Gelb sind solche Begegnungen Alltag: Sie sind Zusteller der Deutschen Post, und dort, wo sie Tag für Tag unterwegs sind – in Rudow, Johannisthal, Adlershof und Altglienicke – leben viele Menschen mit Hunden.

Genau deshalb ist Jörg Ulbricht heute da. Ulbricht, ein freundlicher Mittvierziger, ist Hundetrainer. Er weiß, wie Hunde ticken und auch, wie folgenschwer die Begegnungen von Postboten mit Hunden ablaufen können. Seit 1997 bietet Ulbricht Schulungen an, diese hier im Zustellstützpunkt in der Neuköllner Kanalstraße trägt den Untertitel "Arbeitsschutz beim Umgang mit Hunden während des Zustellens" und dauert eine Stunde. Theorie, Grundlagenvermittlung, dann noch der Hundekontakt, fertig.

Der will nicht beißen

"Der Hund", sagt Ulbricht zu Beginn, "ist ein Beutegreifer" – und einige im Raum grinsen. Jeder hier kennt kleine Kläffer und solche, die keinen Laut von sich geben, aber ungleich gefährlicher sind. Das Wort "greifen", so scheint es, können einige regelrecht fühlen. Aber warum mögen Hunde keine Postboten? Ulbricht weiß die Antwort. „Das Hauptproblem ist die tägliche Wiederkehr des Postboten. Der Hund möchte ihn vertreiben, also bellt er. Der Postbote geht weg, also hat ihn der Hund vertrieben." Pause. "Und dann hat der Postbote die Frechheit wiederzukommen. Da macht sich der Hund dann startklar." So klar scheint den Mitarbeitern den Konflikt noch niemand umrissen zu haben. So voller Verständnis für den Postboten – und für den Hund, der auch nur seinen Job macht.

In den folgenden 30 Minuten redet und erklärt Ulbricht, er wirft mit einem Beamer Bilder an die Wand, erläutert Sicherheitsabstände und was im Fall der Fälle zu tun ist. Oder eben nicht. "Wenn ein Hund Sie anspringt, sind Sie eigentlich durch das Gröbste durch", sagt er seinen Zuhörern. "Denn beißen will er eigentlich nicht. Aber versuchen sie bloß nicht, ihm auf die Hinterpfoten zu treten, wie das manche empfehlen. Die treffen sie sowieso nie. Gehen sie einfach zwei Schritte zurück." Einige lachen. So, wie Ulbricht das erklärt, klingt es so einfach.

"Immer ein Leckerli dabei"

Ist es aber nicht. "In der Innenstadt sind Hunde für die Zusteller nicht so das große Thema, aber hier am Stadtrand schon", sagt Post-Sprecher Rolf Schulz. Der Wunsch nach mehr Wissen im Umgang mit Hunden werde meist von den Zustellern selbst geäußert, so sei es auch in diesem Fall gewesen. Die Post-Niederlassung in Schönefeld, von der aus die Briefe in das Zustellzentrum in Neukölln gebracht werden, arbeite schon lang gut mit dem Hundetrainer zusammen. Andererseits versuche die Post aber auch, problematische Situationen mit den Hundehaltern zu klären. "Wenn das nicht geht, muss eben die Zustellung beendet werden. Auch das gab es schon." Doch das ist die Ausnahme, meist geht es, irgendwie.

Die Zeit drängt, die Zusteller müssen los. "Na gut", sagt Ulbricht, "raus geht’s." Nicht mal zehn Minuten bleiben ihm nun, seine drei Hunde zu zeigen. "Noch Fragen?" Ulbricht schaut in die Runde. Bernd Pählke, 55 und vor 20 Jahren mal beim Zustellen von einem Hund gebissen, hat eine. "Stimmt es, dass Hunde Angst riechen können?" Ulbricht bejaht. "Es gibt Kollegen, die haben richtig Schiss vor Hunden", sagt er. Er gehöre nicht dazu. "Ich hab immer Leckerli dabei. Das geht ganz gut."