Berlin - Die gefürchtete britische Corona-Mutation hat die Vivantes-Kliniken schwer getroffen. Inzwischen gibt es  26 Fälle. Im Humboldt-Klinikum sind 13 Patienten und elf Mitarbeitende betroffen, im Vivantes Klinikum Spandau werden zwei Patienten versorgt. Außerdem sind zwei weitere Menschen (eine Angehörige eines entlassenen Patienten sowie eine Nachbarin eines Patienten) mit der Virus-Mutation infiziert. Seit Sonnabend ist die Klinik geschlossen. 

Ferner sind 64 Patienten und Mitarbeiter derzeit in der Klinik Covid-19-positiv, aber nicht von der Mutante betroffen, gab die Klinik am Montag bekannt. Der Geschäftsführer des Klinik-Betreibers Vivantes, Johannes Danckert, sagte, aktuell würden die 1700 Mitarbeiter getestet, bei 1100 sei es schon geschehen. Außerdem seien die derzeit in dem Krankenhaus liegenden 452 Patienten untersucht worden. Er fügte hinzu: „Die Lage ist nicht einfach für uns, wir setzen alles daran, die neue Virusvariante aufzuspüren.“

Patrick Larscheid, Amtsarzt von Reinickendorf, pflichtete ihm bei: „Wir können die Lage aktuell noch nicht vollständig überblicken.“ Man erwarte noch weitere Infektionszahlen. Er sei sicher, dass die Mutante dabei eine Rolle spielen werde. Larscheid betonte aber auch, dass zurzeit zwar das Humboldt-Klinikum von der gefährlichen Mutante betroffen sei, aber nicht Gesamtberlin ein Problem habe oder die Stadt ein Hotspot der Mutante sei. Zurzeit beschränke man die Lage auf die Klinik und das Umfeld.

Danckert appellierte noch einmal daran, die Impfungen voranzutreiben. Leider fehle es an Impfdosen. Das sei aber kein exklusives Berlin-Problem. 

Nach der Schließung des Humboldt-Klinikums ist man auch in anderen Krankenhäusern  alarmiert. An der Charité wurde inzwischen ebenfalls bei einem Patienten das mutierte Virus entdeckt.

Die Charité läuft schon seit Weihnachten im Notbetrieb. Mit insgesamt 30,5 Prozent sind die Betten auf den Intensivstationen der Berliner Krankenhäuser mit Corona-Patienten belegt, die Ampel steht damit auf Rot. 387 Patienten liegen dort, davon werden 302 beatmet. Bei 36 Covid-19-Kranken versorgt eine Maschine den Körper mit sauerstoffangereichertem Blut (Stand 24. Januar).

An der Charité wurde ebenfalls bei einem Patienten das mutierte Virus entdeckt

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) wies am Wochenende darauf hin, dass die Klinikkapazitäten noch belastbar seien. Solange es Platz gebe, müsste man das errichtete Corona-Krankenhaus auf dem Messegelände mit über 500 Betten noch nicht einsetzen. Kommt es zur Überlastung der Berliner Krankenhäuser, „ordnet die Senatsgesundheitsverwaltung die sukzessive Inbetriebnahme des Corona-Zentrums Berlin an“, so Behördensprecher Moritz Quiske zur Berliner Zeitung. „Unabhängig von der Mutation des Virus wurde in Hinblick auf die Vorhaltung der Einrichtung der Betreibervertrag mit Vivantes Netzwerk bis zum 30. Juni verlängert“, sagte der Sprecher.

Angesichts der neuen Lage erwägt die Charité zurzeit, dass der Notbetrieb auf den Stationen verlängert wird, außerdem soll es weiterhin ein Besuchsverbot an allen Standorten in Wedding, Mitte und Steglitz geben. Ferner ist angedacht, die meisten planbaren Operationen zu verschieben. Das gilt vorerst bis Ende des Monats, könnte aber verlängert werden. Auch in den drei Caritas-Kliniken werde man sich auf die neue Lage einstellen, hieß es. Sprecherin Christina Koelpin: „Seit Beginn der Pandemie wurden die vorhandenen Notfallpläne immer wieder kurzfristig und bedarfsgerecht angepasst, auch in enger Abstimmung mit den zuständigen Behörden. Grundsätzlich sehen diese detailreichen Notfallpläne mehrere Eskalationsstufen vor, wie Patienten entsprechend den vorherrschenden Situationen gut versorgt werden können.“

Neben den strikten Schutz- und Hygienemaßnahmen wurden dort beispielsweise Dienst- und Rufbereitschaftspläne erstellt, um notfalls kurzfristig personelle Unterstützung abrufen zu können. „Mitarbeiter wurden und werden immer wieder geschult, um in anderen Bereichen aushelfen zu können. Notfallpläne sehen sowohl Belegungsregelungen vor, wenn Abteilungen ausgelastet sind als auch dafür, wie der Isolierbereich erweitert werden kann“, so die Sprecherin. 

Die Mutante erfordere zunächst von jedem Einzelnen, die bekannten Schutz- und Hygienemaßnahmen wirklich ausnahmslos stringent und konsequent umzusetzen, fügte sie hinzu.

Die Krankenhäuser haben bereits seit März 2020 einen Corona-Notfallplan. Dieser regelt, wie vorallem die Intensivkapazitäten bei einem rasanten Anstieg der Patientenzahlen verteilt werden. Laut dem Plan übernimmt die Charité die Koordination aller Covid-19-Intensivpatienten. Außerdem gibt es strenge Hygienevorschriften wie das Tragen von Schutzkleidung und FFP2-Masken sowie an den meisten Kliniken ein komplettes oder eingeschränktes Besuchsverbot. Das alles sind Vorgaben des Robert-Koch-Instituts.

Barbara Ogrinz von der Berliner Krankenhausgesellschaft: „Die Berliner Krankenhäuser handeln bereits durch die ganze Krise hindurch hoch verantwortungsbewusst und professionell. Wegen des unermüdlichen Einsatzes der Beschäftigten konnten größere Ausbrüche von Virus-Infektionen bislang weitestgehend vermieden und auch schnell wieder gestoppt werden.“

Diese „Professionalität und das einvernehmliche Zusammenwirken mit dem zuständigen Amtsarzt“ hätten dazu geführt, das Humboldt-Klinikum schnellstmöglich dichtzumachen. Sie fügte hinzu: „Die Notfallversorgung ist durch ein Ausweichen der Feuerwehr und mit der guten Vernetzung der Krankenhäuser untereinander zurzeit gut gewährleistet.“

Nun müssten zur Abwehr der Virusvariante gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, der Berliner Feuerwehr und den Amtsärzten weitere Maßnahmen „dringlich“ erörtert werden. Eine zentrale Forderung der Berliner Krankenhausgesellschaft: die Impfung aller Beschäftigten in den Kliniken. Das müsse jetzt mit Hochdruck ermöglicht werden.

Das Problem: Nach wie vor ist zu wenig Impfstoff vorhanden, viele von den Medizinern oder dem Pflegepersonal seien nach wie vor nicht geimpft. 

Laut Gesundheitsbehörde sollen in dieser und in der kommenden Woche 52.650 Dosen des Biontech/Pfizer-Serums in Berlin eintreffen. Zwei weitere Lieferungen von je 35.100 Dosen sind bis Ende Februar angekündigt. Doch keiner weiß, ob Berlin tatsächlich diese Mengen erhalten wird. Schon jetzt steht fest, dass die Stadt 17.500 Dosen weniger als geplant bekommt, wie Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) bereits vor einer Woche im Gesundheitssauschuss sagte. Von dem Moderna-Impfstoff, der den Berlinern im Impfzentrum Erika-Heß-Eisstadion im Wedding verabreicht wird, erwartet die Gesundheitsverwaltung in dieser Woche 3600 Dosen. Bis Ende Februar soll es zwei weitere Lieferungen mit je 9600 und 30.000 Dosen geben.

Doch können die Corona-Impfstoffe auch die Mutationen bekämpfen? Der Hersteller Biontech weist darauf hin, dass sein derzeitiger Impfstoff gegen den in England mutierten Virus-Stamm B.1.1.7-Stamm schützend wirken kann. Darauf ließen Studien schließen, die an Probanden durchgeführt wurden. Das könnte auch für den Virusstamm aus Südafrika gelten, in dem Schlüsselmutationen des Stamms aus dem Vereinigten Königreich enthalten seien, hieß es. Laut Biontech beinhaltet der mutierte Virus-Stamm B.1.1.7 eine ungewöhnlich hohe Anzahl an genetischen Veränderungen, von denen zehn im Spike-Protein vorkommen, das für den Impfstoff verwendet wird.