Berlin hat seine Brücken zu lange vernachlässigt. Viele sind so marode, dass sie nicht mehr uneingeschränkt befahren werden dürfen. Der Senat musste bereits verschärfte Tempolimits und Lastbeschränkungen verhängen, damit die Bauwerke nicht noch größeren Schaden nehmen.

Von den 827 Brücken, für die das Land verantwortlich ist, ist mehr als ein Viertel in einem bedenklichen Zustand. Die Zahl der als ausreichend oder schlechter bewerteten Brücken liegt bei 225. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine Anfrage der CDU hervor.  

Schlaglöcher und Risse

Schlaglöcher, Betonrisse, rostige Brüstungen: Viele Schäden sind schon mit dem bloßen Auge erkennbar. Etwa bei der „Sichtprüfung“, zu der regelmäßig Ingenieure  anrücken, um den Zustand der Brücken  für die offizielle Statistik zu protokollieren.  Diese Fachleute erteilen Noten –  vergleichbar mit dem Schulnotensystem. 

In Berlin  bekamen  jüngst 115 Brücken die Note sehr gut, 115 weitere die Note gut. Mit befriedigend wurden 372 Bauwerke bewertet.   Als Sorgenkinder gelten demgegenüber 181 Brücken mit der Note ausreichend, 42 mit der Note nicht ausreichend und zwei mit der Note ungenügend.

Ab der Note „ausreichend“  besteht dringender Handlungsbedarf, um die Verkehrssicherheit wiederherzustellen. In diese Kategorie fallen  etwa die Dunckerbrücke in Prenzlauer Berg, die Moltkebrücke in Lichterfelde, die Salvador-Allende-Brücke in Köpenick und die Brücke an Wuhlheide.  Die ebenfalls schlecht bewertete Bösebrücke zwischen Prenzlauer Berg und Wedding wird bereits saniert.

Zwischen der Feststellung eines Schadens und seiner Beseitigung können Jahre vergehen. Die Eiswerderbrücke in Spandau zum Beispiel  ist so marode, dass schon vor vier Jahren ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde verhängt werden musste. Außerdem darf sie nur noch von Fahrzeugen mit einem maximalen Gewicht von  3,5 Tonnen befahren werden.

23 Sanierungen in 2017

Die Erneuerung der Brücke ist trotzdem erst  für das Jahr 2019 geplant.  Im Fall der Lichtenberger Brücke gilt seit 2014 eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 30 Kilometer pro Stunde. Die Erneuerung des Fahrbahnbelags soll 2018/19 erfolgen.

Angesichts der genannten Probleme ist beim Berliner  Senat die Erkenntnis gereift, dass er den Sanierungsstau endlich auflösen muss.  Für das laufende Jahr hat er deshalb 23 Brückensanierungen angesetzt,  2018 sollen elf Vorhaben hinzukommen.  Zu den Großprojekten gehört etwa die Erneuerung der südlichen Rhinstraßenbrücke.

Das 43 Meter lange Bauwerk wird abgerissen  und bis 2020 durch einen Neubau  ersetzt werden.  Die Kosten dafür liegen bei 18 Millionen Euro. Ersetzt wird auch die 35 Jahre alte und 170 Meter lange Salvador-Allende-Brücke in Köpenick. Der Neubau soll 37 Millionen Euro kosten und 2020 beendet sein.

Ein besonders heikles Projekt ist die Sanierung der Rudolf-Wissell-Brücke in Charlottenburg. Sie ist  nicht nur das längste Brückenbauwerk der Stadt, sondern mit täglich mehr als 175.000 Fahrzeugen auch  einer der am stärksten befahrenen Autobahnabschnitte Deutschlands.

Ein bundesweites Problem

Die Brücke müsste längst abgerissen werden, doch weil sie Teil der A 100 und so ein wichtiger Zubringer zum Flughafen Tegel ist, wird sie noch einmal für sie sieben Millionen Euro saniert. Erst wenn der BER öffnet und  Tegel schließt, soll die Brücke neu gebaut werden. Damit ist ab 2022 zu rechnen. Spätestens dann drohen jahrelang Verkehrsstaus im Westen der Hauptstadt.

Das Phänomen der sanierungsbedürftigen Brücken und des Sanierungsstaus ist kein Berliner Sonderproblem. Im Bundesgebiet sind nur rund 13.000 Brücken und Teilbrücken in einem vorbildlichen Zustand, 36.000 weitere  erreichen Mittelwerte. Rund 2500 Brücken – immerhin fünf Prozent –  gelten als massive Problemfälle.

DGB rügt Verkehrspolitik

Der Deutsche Gewerkschaftsbund  (DGB) sieht deshalb bereits „die Lebensqualität der Menschen und die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft“ bedroht. DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell sagte am Donnerstag bei einer Fachtagung in Berlin: „Kilometerlange Umwege zu fahren, weil Brücken nicht mehr belastbar oder Straßen kaputt sind, kostet nicht nur die Logistikbranche viel Geld.“ Letztlich seien alle Nutzer der  verschlissenen Infrastruktur betroffen.

Mit Blick auf die aktuelle bundespolitische Infrastrukturdebatte warnt der DGB vor einer Privatisierung von Straßen, Brückenbauwerken und Autobahnen. Es sei zu befürchten, dass private, profitorientierte Betreiber die Sanierungen noch mehr vernachlässigen würden als bisher der Staat. Der DGB hat deshalb  jüngst die Internet-Petition „Meine Straße, deine Straße“ gegen Privatisierungen und für zügige  Sanierungsprojekte gestartet.

Update: In einer früheren Version dieses Artikels war von der Moltkebrücke in Mitte die Rede - es handelt sich aber um Lichterfelde. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung. Die Position der Brücke auf der Karte ist demnach auch falsch.