Eine gigantische Abrissaktion stand am Anfang. Das Weddinger Brunnenviertel war ab 1963 das größte Flächensanierungsgebiet Deutschlands. Viele meist unzerstörte, aber oft marode Altbauquartiere ließen die Stadtplaner auf dem Gebiet zwischen Nordbahnhof und heutigem Mauerpark abreißen. Es entstanden im Schatten der gerade errichteten Berliner Mauer kilometerweit Neubauten mit meist monotonen Fassaden. Recht grün geriet das dort, doch quirliges, städtisches Leben sucht man zwischen den Wohnblöcken seither oft vergebens. Dennoch sollte diese Art Kahlschlagsanierung eine Blaupause sein für innerstädtische Altbauquartiere im damaligen West-Berlin – wie Kreuzberg oder Moabit. Dort wurden die Eingriffe jedoch mit massiven Bürgerprotesten verhindert.

Die Gegend hat einen schlechten Ruf

An diesem Sonntag ist Heinrich Suhr ins Brunnenviertel zurückgekehrt. Der heute 85-Jährige war als einer von drei Stadtplanern verantwortlich für die Flächensanierung hier. Er geht am Stock und blickt sich um. „Einfluss auf die Architektur hatten wir kaum. Das tut mir leid“, sagt der geistig hellwache Suhr. Eingespannt sei man damals gewesen zwischen Senat und der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Degewo. Überzeugt aber ist er heute noch davon, dass dort gute Wohnungen entstanden sind mit durchdachten familiengerechten Grundrissen. „Als besonders angenehm empfinde ich heute noch das viele Grün.“ Tatsächlich gibt es einen Grünzug, der sich vom Vinetaplatz über die verkehrsberuhigte Swinemünder Straße und über Wohnhöfe bis Richtung Nordbahnhof ausbreitet.

Die Gegend allerdings hat heute immer noch einen eher schlechten Ruf als sozialer Brennpunkt, die Schulen besuchen vornehmlich türkisch- und arabischstämmige Kinder aus armen Familien. Mittlerweile ziehen verstärkt Studierende hierher und Familien, die sich die schicken Altbauquartiere auf der anderen Seite in Alt-Mitte nicht mehr leisten können.

Ladenlokale oder Cafés fehlen im Brunnenviertel

Im Olof-Palme-Zentrum, einem neu errichteten Stadtteiltreff, stellt sich Heinrich Suhr an diesem Sonntag auch den Fragen von Anwohnern und anderen Interessierten. Organisiert von der lokalen Geschichtswerkstatt „Anno erzählt“. Viele Menschen sind gekommen. Ein junger Mann, der erst seit kurzem hier wohnt, fragt Heinrich Suhr nach möglichen Fehlern. Und der Stadtplaner muss nicht lange überlegen: „Die Menschen sind damals außer Acht gelassen worden“, sagt er. Man habe sie nicht in die Planungen einbezogen, ihnen nur klar gemacht, dass hier bald alles abgerissen werde. Bekannt ist, dass der Senat Bewohner des dicht besiedelten Arbeiterviertels damals mit Bussen in die gerade im Bau befindliche Hochhaussiedlung Gropiusstadt fahren ließ. Dort zeigte man ihnen die Wohnungen mit fließend Wasser und Zentralheizung. Die Altbauten im Brunnenviertel verfügten meist nur über Außenklo und Kohleofen. Die dort lebenden Menschen hätten als „dumm, arm und alt“ gegolten, überspitzt es Suhr.

Doch die Abrissbirnen zerschlugen auch die Sozialstruktur im Kiez, der sich davon bis heute nicht wirklich erholt hat, wie eine Mitarbeiterin des Quartiersmanagements meint. Viele würden hier abgeladen, aber wirklich ankommen würden nur wenige. Andere Anwohner betonen, dass sie eigentlich gerne hier leben. Aber es fehle nun die typische Berliner Mischung aus Arbeitern, Mittelständlern und kleinerem Gewerbe. „Ja, die Berliner Mischung ist seit vielen Jahren der Traum aller Stadtplaner“, ruft Heinrich Suhr aus. Hier im Brunnenviertel habe es traditionell eher Großindustrie wie AEG gegeben. Außerdem hätten es die damaligen Vorgaben verhindert, viele Ladenlokale oder Cafés bei der Neuplanung einzurichten.

Aus spekulativen Gründen wurden leere Wohnungen an „Gastarbeiter“ aus der Türkei vermietet

Ausgehend vom damaligen Leitbild der autogerechten Stadt habe man reichlich Pkw-Stellplätze einplanen müssen. Tiefgaragen, sogar Parkhäuser entstanden. Auf drei Personen sollte ein Auto kommen. Gleichzeitig wollte Suhr damals Wohnungen mit viel Licht und Grün schaffen, orientierte sich an den Wohnsiedlungen der Zwischenkriegszeit wie dem Afrikanischen Viertel im nördlichen Wedding. „Die überbelegten Altbauten machten die Leute krank“, sagt er und verweist auf damalige Studien. Um überhaupt genug Wohnfläche zu haben, sah Suhrs erster Entwurf gar eine Bebauung des Volksparks Humboldthain vor.

Nebenbei war die damals vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt angeschobene Flächensanierung auch lukrativ für Bauunternehmer und Degewo, zumal es eine Bundesförderung gab und in Berlin bald schon eine undurchsichtige Neubau-Lobby entstand, befeuert von öffentlichen Zuschüssen. Einige Grundstücksbesitzer zögerten den Verkauf ihrer Immobilie im Brunnenviertel bald aus spekulativen Gründen hinaus und belegten die leeren Wohnungen zunehmend mit „Gastarbeitern“ aus der Türkei.

„Man muss es aus der damaligen Zeit heraus verstehen“

Die Entstehung des Neubauviertels zog sich lange hin, wie Stadtplaner Christian Kloss bei einer Führung erklärt. Zuletzt entstanden an der Swinemünder Straße sogar wieder kleinteilige Hinterhofbebauungen und ein Neubau des Architekten Josef Paul Kleihues in Blockrandbebauung, der damit wieder an eine typische Altbausituation anknüpfte. An der Graunstraße bezogen die Stadtplaner zum Schluss einige inzwischen geschützte Altbauten wieder in Neubaukomplexe ein.

Könnte das Brunnenviertel heute etwa auch ein angesagtes Altbauquartier sein wie Prenzlauer Berg oder Teile von Kreuzberg? Stadtplaner Heinrich Suhr jedenfalls hält es auch heute für ein lebenswertes Quartier. „Man muss es aus der damaligen Zeit heraus verstehen.“