Brunnenstraße, das ist Mitte, die Gegend um den Rosenthaler Platz, Szenekiez. Doch die Straße geht noch viel weiter, bis nach Wedding. Der Abschnitt zwischen Bernauer Straße und S-Bahnhof Gesundbrunnen ist ihr vergessener Teil. Sozialbauten aus den 70er- und 80er-Jahren säumen die vierspurige Fahrbahn. In jener Zeit lag das Brunnenviertel isoliert im Mauerwinkel, es galt als größtes Flächensanierungsgebiet Europas. Ganze Straßenzüge wurden abgerissen, eine Schlafstadt mit nur wenigen Geschäften entstand. 1982 schloss der Elektrokonzern AEG die letzte seiner vier Fabriken hier, für dessen Arbeiter das Viertel Ende des 19. Jahrhunderts errichtet worden war. Danach verarmte die Gegend.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Neben Marzahn und Nord-Neukölln zählt dieser Stadtteil zu den ärmsten Berlins. 57,1 Prozent der 8 687 Einwohner (Stand: Ende 2013), die auf einer Fläche von 64 Hektar zwischen Bernauer Straße und Humboldthain leben, haben keine deutschen Wurzeln. „Aber das ist nicht die wichtigste Zahl“, sagt die Quartiersmanagerin Sabine Hellweg. „Entscheidend ist, dass 60 Prozent der Kinder aus Haushalten stammen, die staatliche Transferleistungen erhalten.“ Das Stadtteilbüro hat seinen Sitz in der Jasmunder Straße. Schräg gegenüber ist ein Café, junge Männer sitzen draußen, trinken Fritz-Kola und genießen die Mittagssonne. Der Laden wirkt wie ein Fremdkörper in dem Kiez, in dem es neben Spätis, Friseursalons, Spielhallen, Backstuben und Apotheken nicht mehr viel gibt. „Das ist das einzige Café seiner Art. Die Gäste arbeiten im angrenzenden Gewerbegebiet auf dem ehemaligen AEG-Gelände. Die sind abends wieder weg“, sagt die Quartiersmanagerin.

„Die Zahlen sind immer noch schlecht“

Mit ihrer Kollegin Katja Seyfarth bereitet Sabine Hellweg gerade eine Pflanzaktion mit den Anwohnern vor. „Wir versuchen, den nachbarschaftlichen Austausch zu stärken“, sagt Seyfarth. Seit zehn Jahren gibt es das Stadtteilbüro, dessen Mitarbeiter gemeinsam mit Anwohnern Projekte ins Leben rufen und Initiativen zusammenbringen. „Früher hat sich jeder allein abgerackert, inzwischen reden die Einrichtungen mehr miteinander“, sagt Hellweg. Es gibt einen Kitaverbund mit einer gemeinsamen Sprachförderung, Kiezmütter, ein Familienzentrum, die Quartiersmanager gehen zu Spielplätzen, um mit den Müttern ins Gespräch zu kommen. In Schulen stellen Auszubildende ihre Berufe vor.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich viel getan im Brunnenviertel. „Aber die Zahlen sind immer noch schlecht“, sagt Hellweg. Die Kinder hätten weiterhin geringere Bildungschancen, viele Jugendliche würden keinen Schulabschluss machen. „Die Klassen müssten kleiner werden, es müsste mehr passieren, es müsste schneller passieren“, erklärt Hellweg. Und früher. Viele Kinder von Eltern mit Migrationsgeschichte kämen zu spät in die Kita, seien sprachlich im Rückstand. „Es ist mitunter schwierig, die Eltern zu erreichen“, sagt Seyfarth. Sie wüssten, dass Bildung für die Kinder wichtig sei. „Aber was sie dafür tun müssen, ist für viele in schwieriger sozialer Lage nicht selbstverständlich.“ Hellweg und Seyfarth wollen bald mal ins Gesundbrunnen-Center gehen. Sie wollen an die Jugendlichen herankommen, die dort ihre Freizeit verbringen.

In der Nähe des Einkaufszentrums ist die Evangelische Kirchengemeinde am Humboldthain angesiedelt. Pfarrer Günter Krause lebt und arbeitet seit vielen Jahren im Brunnenviertel. Er kennt die Probleme: „Es ist schwer, den Kindern und Jugendlichen pädagogische Angebote zu machen. Das soziale Leben spielt sich außerhalb des Kiezes ab.“ Dennoch sind seine Bemühungen nicht fruchtlos. Die Kita der Kirche besuchen viele Kinder muslimischen Glaubens. Krause bietet einen Musikkurs an, in dem Kinder ab zehn Jahren kostenlos Instrumente erlernen können. Das Angebot werde gut angenommen. „Für sie ist Musizieren Begleitung und Unterstützung ihrer Identitätsfindung“, sagt er. Die Kinder würden Selbstvertrauen gewinnen, was insbesondere muslimischen Mädchen helfe, für Auseinandersetzungen im Elternhaus gewappnet zu sein.

Mieten steigen, die Verdrängung beginnt

Bis in die 90er-Jahre hätten im Brunnenviertel neben Deutschen nur Menschen türkischer Herkunft sowie Russlanddeutsche gelebt. „Inzwischen wohnen Menschen aus fünf Kontinenten hier“, so der Pfarrer. Unter ihnen zahlreiche Syrer und Iraker. „Viele haben einen christlichen Hintergrund. Sie sind ein Gewinn für die Stadt.“ Auch junge Leute zögen in die Gegend.

Die Folgen: Die Mieten steigen, die Verdrängung beginnt. „Das hat eine gewisse Tragik, aber für das Viertel ist dieser Prozess gut und wichtig“, sagt Krause. Vielleicht zählt das Brunnenviertel bald schon nicht mehr zu den ärmsten Gegenden Berlins.