Nicht heizen: So schlimm ist es wirklich! Ein Erfahrungsbericht

#FrierenfürdenFrieden? Unsere Autorin hat schon im letzten Winter nicht geheizt. Sie sieht sich als Pionierin und erklärt, wie es geht und worauf man sich einstellen muss.

Nicht heizen: So schlimm ist es wirklich!
Nicht heizen: So schlimm ist es wirklich!Sébastien Pastor für Berliner Zeitung am Wochenende

Manchmal, wenn ich Emma morgens im Flur treffe, sagt sie „Ich hasse uns.“ Es ist der Gruß, den wir uns noch vor „Guten Morgen“ oder „Guten Abend“ sagen. Emma ist meine Mitbewohnerin, und eigentlich ist sie meist ganz gut gelaunt. Aber der Winter hat uns verändert. Einmal zum Beispiel, es muss so Februar gewesen sein, hat sie mir aus ihrem Zimmer eine SMS geschrieben: „Mir ist kalt, werde jetzt einfach einschlafen, morgen ist’s besser.“

Einschlafen und Aufstehen waren neben dem Duschen am schlimmsten, da sind wir uns einig. Denn die Heizung blieb im letzten Winter bei uns aus. Vom „Frieren für die Freiheit“ hat der frühere Bundespräsident Joachim Gauck im März dieses Jahres gesprochen – das hatte ich schon vorher getan. Zwar fehlte uns damals noch das hehre Ziel, aber gefroren haben wir wirklich.

Begonnen hat es mit Heizthermostat. Im September 2021 versuchte ich erfolglos, das digitale Heizthermostat in unserer Charlottenburger Altbauwohnung anzustellen. Unverständliche Modi paarten sich mit meiner erfolglosen Suche nach der Bedienungsanleitung. So fragten wir uns, ob man denn überhaupt heizen müsse, und kamen zum Ergebnis: Man kann es eigentlich auch lassen.

Rückblickend hatten wir keine Ahnung, worauf wir uns einließen. Als die Wohnung einige Tage leer stand – dann war sie besonders kalt – und ich mit völlig unterkühlten Füßen von einer langen Reise nach Hause kam, brach ich in Tränen aus. Ein kurzer Moment der Schwäche, aber nichts, was ein Tee und ein weiterer Pullover nicht beheben konnten. Es lässt sich allerdings nicht leugnen: In eine zwölf Grad kalte Wohnung zu kommen, ist emotional  herausfordernd. Auch in der Uni war es in diesen Tagen kalt, denn wegen der Corona-Bestimmungen waren in Hörsälen und Bibliotheken die Fenster oft offen. Dazu wurde es um 16 Uhr dunkel und der Himmel war in Berlin so grau wie die Wand unseres Hauses.

Kleidung wurde permanent geschichtet. Durch die Wohnung bewegten wir uns in mehreren Tops, Pullovern und Stricksocken. Ich trug in der Regel vier Oberteile, eine Lage mehr als Emma. Obligatorisch weil überlebenswichtig bei beiden: die Thermostrumpfhose.

Suppen, Wein und eine gewisse Atmosphäre in der dunklen Küche

Wer hat eigentlich entschieden, dass Wärme von außen kommen soll? Wir waren es jedenfalls nicht – und haben deshalb fast jeden Abend heiße Suppen in der kalten Küche gegessen: Kürbis-, Lauch- oder Linsensuppe; der ungeschlagene Favorit war die Brokkolicremesuppe. Geheimtipp: mit Kokosmilch. Lecker, günstig und vor allem wärmend. Viel besser als ein kaltes Abendbrot in einer beheizten Küche. Wir lernten auch: Wenn wir Ofengemüse machten, wurde gleich die Küche mit beheizt. Praktisches Kochen!

Damit sich das Ganze auch richtig lohnte, blieb nicht nur die Heizung, sondern auch das Licht aus. Das Süppchen wurde in der dunklen Küche bei einem Glas Wein und so viel Kerzenschein gelöffelt, dass wir uns fast wie im 19. Jahrhundert fühlten. Dazu passten Zigaretten der Marke Vogue Bleue.

Im Hintergrund liefen die ganze Zeit Louis Armstrong, Ella Fitzgerald und Billie Holiday, später dann Amy Winehouse, The Smiths und Lana Del Rey. Wir lebten im Geist der 20er-Jahre-Rezession, gepaart mit einer zarten Weltuntergangsstimmung in der kühlen Küche. Pathetisch-melancholisch. Die Theatralik ließ das Frieren glorreich wirken. Wir wussten nicht, dass wir unserer Zeit ein Jahr voraus waren.

Die Abwechslung macht's

Am leichtesten war es im November und Dezember. Da knabberten wir Lebkuchen, backten Kekse, und der Glühwein tat sein Übriges, um uns warm zu halten. Der wirklich herausfordernde Teil des Winters begann im Januar. Was uns durch die post-weihnachtlichen Wintermonate gebracht hat? Vermutlich eine Lüge nach der anderen darüber, wann sie endlich vorbei seien: „Mitte Februar fängt der Frühling an, ich bin mir sicher!“ Spoiler: Es dauerte bis Mai.

Richtig gemütlich wurde es, wenn wir Freunde einluden. Zwar mussten wir jedes Mal ein wenig Überzeugungsarbeit leisten, um sie in unsere kalten Gemäuer zu locken. Aber sobald wir bei geöffneter Ofentür zusammen in der Küche saßen, Zimt-Gin-Tonic tranken und über die Absurdität der Situation lachten, wurde allen ein bisschen wärmer. Es gab sogar eine Party, bei der ich versehentlich über das Thermostat an der Badheizung stolperte, das daraufhin abbrach. Zufall? Ich denke nicht.

Das Bad, oder wie wir es nannten: die Eiswüste

Vor keinem Ort hatte ich im letzten Winter mehr Respekt als vor unserem 90 Zentimeter breiten steril-weißen Schlauchbad. Das Fenster wurde nur beim Duschen geschlossen. So kamen wir auf den Namen „Eiswüste“. In der Eiswüste hielt man sich niemals länger auf als unbedingt nötig. Das Fenster befindet sich in der Dusche – sobald man also das Wasser ausgemacht hat, hieß es schnell sein. Handtuch, Bademantel, Fenster auf – kurze Schnappatmungen, der eigene Atem wurde sichtbar. Anschließend so schnell wie möglich den Raum verlassen. Eine gute Sache hatte dieser Härtetest: Ich fühlte mich für den Tag unbesiegbar.

Emmas Oma gab uns noch Tipps auf den Weg: „Im Krieg haben wir immer Schals vor die Fenster und die Türen gelegt, um Luftzug zu verhindern.“ Wir haben es ausprobiert, aber die Methode ist nur zu empfehlen, wenn man sich kaum bewegt und die Türen immer geschlossen hält. Außerdem brauchten wir all unsere Schals, um uns selbst zu wärmen!

Diesen Winter wollen wir uns mit einer selbstgebauten Teelichtheizung erträglicher machen. Dazu werden zwei unterschiedlich große Blumentöpfe aus Ton mit Löchern ineinandergestellt und unter ihnen Teelichte platziert, deren Wärme dann zwischen den Töpfen zirkulieren kann. Anleitungen dazu gibt es im Internet – preiswert ist diese kleine Schwester der Gasheizung allemal. Aber Achtung: Brandgefahr!

Der Kampf gegen das eigene Komfortbedürfnis

Neben meiner Überforderung mit dem digitalen Thermostat trug im Übrigen noch etwas anderes zu der Entscheidung bei, die Heizung kalt zu lassen: unser Stolz. Im Rückblick machen wir vor allem die Kommentare unserer Freunde verantwortlich: „Heizt ihr etwa immer noch nicht? Ihr seid doch verrückt, das haltet ihr nicht mehr lange durch!“ So traten wir mit der Zeit insgeheim in einen Wettbewerb gegen den eigenen Komfort. Irgendwann wollte keine mehr in Thermostrumpfhose die andere darum bitten, doch endlich die Heizung anzumachen.

Also beschlossen wir: Heizen, das ist doch etwas für Gutverdiener! Unter Studenten ist das ein Zeichen purer Dekadenz. Fast schon als spießig taten wir Gleichaltrige ab, die im Dezember im T-Shirt durch ihre Wohnung laufen wollten. Wenn sich jemand bei uns über knappes Geld beklagte, fragten wir pikiert: „Heizt du etwa?“, wobei der Unterton klar anklingen ließ: Du lebst über deine Verhältnisse! Wenn man dieses Mantra nur oft genug wiederholt, fängt man früher oder später an, daran zu glauben.

Trotz allem: Wir werden es wieder tun

Joachim Gauck etablierte „#FrierenfürdenFrieden“, und wir erklärten: Wir haben’s euch doch gesagt. Ein Aufschrei ging durch die Medien: Was fällt dem Mann ein, von einem Volk so etwas zu verlangen? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Die Aufregung ist berechtigt. Eine unbeheizte Wohnung ist nichts für schwache Nerven. Wenn man keine Suppen und weder Tee noch Glühwein mag, hat man schlechte Karten. Und für Alleinlebende könnte es ebenfalls herausfordernder sein, denn Emma und ich gehen nicht nur durch dick und dünn, sondern auch durch warm und kalt.

Wer zuhause friert, schätzt dafür ein Abendessen im Restaurant oder einen Kinobesuch doppelt – und außer Haus zu schlafen fühlte sich stets an wie eine Nacht im Hotel. Nicht zuletzt kam dann ein Brief, den wir uns zuhause eingerahmt haben. Eine Rückzahlung von unserem Gasanbieter: 300 Euro für eine Kältesaison. Der Winter kann kommen!