Warum ich Fistbumps lieber mit links mache: Sechs Wochen Berlin mit nur einem Arm

Freiberufler bekommen erst nach sechs Wochen Krankengeld. Genauso lange braucht ein Arm für die Heilung. Ich habe ihn mir gebrochen und kann es nicht empfehlen.

Abwarten und Siri fragen. Aber leider benimmt die sich wie eine intelligente Vierjährige. 
Abwarten und Siri fragen. Aber leider benimmt die sich wie eine intelligente Vierjährige. Sun Bai für Berliner Zeitung am Wochenende

Worauf ich da eigentlich zeigen wollte, weiß ich nicht mehr so genau. Auf jeden Fall schlage ich kurz darauf mit ausgestrecktem Arm auf den Asphalt und höre ein knackendes Geräusch. Das ist so ziemlich das Letzte, was irgendjemand hören möchte in einer solchen Situation.

Der ausgestreckte Arm ist sogar meine Rettung, denn der Kopf (ohne Helm) kommt mit einem blauen Auge beziehungsweise einer dicken Beule davon. 28 Jahre bin ich drum herumgekommen, nun habe ich mir also auch etwas gebrochen und dabei noch Glück gehabt. Hingefallen auf gerader Strecke im Süden von Meck-Pomm

Ein Hubschrauber fliegt einen Notarzt ein, mein Arm wird geschient, ich werde unter Drogen gesetzt und ab gehts ins Krankenhaus nach Neustrelitz – zu meiner großen Enttäuschung nicht mit dem Helikopter, sondern wie ein stinknormaler Kassenpatient mit dem Rettungswagen.

Die Ärztin sagt: „Sieht schon ganz schön scheiße aus“

Die Internistin drückt es so aus: „Sieht schon ganz schön scheiße aus.“ Elle und Speiche sind durch, die Elle ist sogar aus der Haut rausgeschossen, hat dabei ein großes Loch hinterlassen, und ich bin froh, da lieber nicht hineingeguckt zu haben. Eine ganze Stunde lang liege ich betäubt unterm Messer, während zwei Titanplatten in meinen Arm eingebaut und mit je acht Schrauben fixiert werden – Chirurgietechnik aus dem 21. Jahrhundert. Der Chirurg sagt, als er fertig ist: „Spielen Sie Klavier, das ist gut fürs Handgelenk.“ 

Zurück in Berlin fällt mir ein: Ich bin ja Freiberufler! Wie zur Hölle mache ich das denn jetzt? Ich habe Abgaben, die eingehalten werden müssen. Bücher, die geschrieben werden wollen, Texte, die schon halb fertig herumliegen. Wie soll das denn gehen? Wovon werde ich die nächsten Monate leben?

Freiberuflichkeit und krank sein vertragen sich meistens schlecht. Die geschätzte Ausfallzeit beträgt exakt sechs Wochen, bis der Knochen wieder zusammengewachsen ist. Die Rechtslage billigt mir erst Krankengeld ab der siebten Krankheitswoche zu, alles darunter muss ich selber auffangen. Jetzt weiß ich endlich, was gemeint war, als mir jemand sagte, dass Freiberufler einfach nicht krank werden dürfen.

Eine Woche nach meinem Unfall: Ich schicke dem Berufsverband für freiberufliche Journalisten eine Nachricht. Freischreiber-Chef Oliver Eberhardt ist dafür berühmt, dass er immer sofort zurückruft. So auch dieses Mal. „Schon ein Worst Case“, sagt er trocken, als ich ihm von meiner Situation erzähle. „Da würde ich dir für die Zukunft auf jeden Fall die Zusatzversicherung für Künstler- und Publizisten empfehlen. Da bist du dann schon nach zwei Wochen krankenversichert.“ Und falls man wirklich nur mal eine Woche krank ist? „Tja.“, sagt er. Wäre das nicht ein Fall für eine Berufsunfähigkeitsversicherung? „Da würde ich dir direkt zu einer Rechtsschutzversicherung raten.“ Sollte es mal so weit sein, drücken diese sich häufig. Und ab wann sei denn ein Journalist wirklich arbeitsunfähig?

Auch einen Hartz-IV-Antrag diskutieren wir durch, verwerfen die Idee aber wieder. Problem sind die horrenden Abgaben, sollte man doch einen Job in der Zeit annehmen. Die Einnahmen muss man dann ans Amt abgeben – bis zu 90 Prozent. Um meine schlechte Laune zu heben, setze ich mich ans Klavier, spiele ziemlich genau drei Töne, verziehe das Gesicht vor Schmerz und lasse es sein.

Zwei Wochen später kann ich noch immer nicht schreiben. Zunächst versuche ich es nur mit links, aber das dauert mehr als doppelt so lange wie üblich. Ich versuche, der Sprachsteuerung meines Computers den Text zu diktieren, aber auch das macht nicht wirklich glücklich. Siri benimmt sich wie eine sehr intelligente Vierjährige. Einerseits bin ich erstaunt, was sie alles versteht, aber unterm Strich ist sie noch nicht so weit. Sie versteht die einfachsten Begriffe nicht, wirft aber mit exotischen Fachwörtern um sich. Ich probiere es doch mit der schmerzhaften Zehn-Finger-Technik. Nach einer Stunde tut mir der Arm weh.

In Woche drei leihe ich mir bei meiner Schwester Geld, um zumindest die notwendigen Ausgaben zu tätigen. Außerdem ärgere ich mich über meine ungeschickte linke Hand. Noch nie habe ich so viel fallen lassen wie in den letzten Wochen, dauerhaft verhalte ich mich ungeschickt, und wenn Besuch vorbeikommt, zwinge ich ihn dazu, meinen Abwasch zu machen, weil das geht mit einer Hand wirklich schlecht.

Kreuzberger Passanten blicken mitleidig auf meine blaue Orthese

Wenn ich die Wohnung verlasse, lege ich meine blaue Orthese an und werde mit Ehrfurcht und teilweise sogar Mitleid von den Passanten in Kreuzberg angeschaut. Mir wird sogar ein Sitzplatz in der S-Bahn angeboten. Dass ich einfach nur vom Fahrrad gefallen bin, muss ja niemand wissen. Leider zwickt die Orthese und ich lasse sie bald zu Hause. 

Merke: Es hilft nicht, mit einem Verband in eine Sauna zu gehen. Der Arm tut wieder weh, mein Arzt macht einen Placebo-Verband dran, und mir bleibt nicht viel übrig, als untätig und ohne Einnahmen auf dem Sofa zu versauern und zu hoffen, dass es sich schon fügen wird.

Nach vier Wochen zahlen sich die Sitzungen bei meiner Physiotherapeutin aus: Ich kann meinen Arm und die Finger langsam wieder bewegen. Ich kaufe mir die Partitur der „Lieder ohne Worte“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Eines der Stücke, Opus 30, Nr. 7, ist nicht nur wunderschön, sondern auch besonders linkslastig, und ich bin überrascht, wie viel nach vergleichsweise kurzer Zeit wieder geht. Ganz schmerzfrei ist es noch nicht, aber erträglich – und vor allem: Ich habe wieder etwas zu tun. Ich übe wie ein Verrückter, dann sitzt das Stück und der Arm tut weh, aber auf eine gute Weise.

Nach fünf Wochen vergesse ich zum ersten Mal, dass ich mir den Arm gebrochen habe. Ich werde schmerzlich daran erinnert, als mir ein Freund im Affekt an den Arm klopft. Ich gehe schwimmen, lerne Türen mit rechts zu öffnen, eine Mateflasche festzuhalten  oder Katzen hochzuheben. Nur Fistbumps mache ich weiterhin lieber mit links.

Nach sechs Wochen ist der Knochen zusammengewachsen. Ich schreibe wieder einen Text mit beiden Händen: diesen hier, als Fingerübung sozusagen. Das Wichtigste aber: Ich kaufe mir einen Fahrradhelm, damit ich nicht noch einmal meinen rechten Arm für meinen Schädel hinhalten muss. Der Helm ist blau und steht mir fantastisch.