Der Übergriff passierte in der als „Party-Tram“ verschrieenen Straßenbahnlinie M10: An einem Sonntagmorgen geriet in Friedrichshain ein 24-Jähriger mit vier Fahrgästen in Streit. Laut Polizei prügelten die vier auf ihn ein und schlugen und traten ihn noch, als er am Boden lag.

Alles geschah am 6. August vergangenen Jahres. Erst an diesem Donnerstag – neun Monate später – veröffentlichte die Polizei Fahndungsfotos der mutmaßlichen Täter. Vielleicht haben diese inzwischen Vollbart und sind nur schwer wiederzuerkennen. Vielleicht haben sie schon weitere Leute zusammengeschlagen. Und wer weiß, wie klar sich Zeugen überhaupt noch erinnern.

Auch nach anderen Gewalttaten, die das Sicherheitsgefühl vieler Leute beeinträchtigen, dauert es lange, bis die Polizei öffentlich fahndet. Einige Beispiele: Ein Jahr und fünf Tage brauchte es bei einem Täter, der am 14. Januar 2017 in Adlershof einen Mann in dessen Wohnung überfallen haben soll. Er läuft noch immer frei herum. Am 30. September verprügelten drei Männer im U-Bahnhof Hermannplatz mehrere Fahrgäste. Erst am 13. April veröffentlichte die Polizei die BVG-Bilder der drei Schläger. Sie sind bis heute nicht gefasst.

„Nur“ 80 Tage brauchte eine Veröffentlichung zu einer Tat aus der Silvesternacht in der U-Bahn-Linie2: Aus einer Gruppe heraus wurden zwei Fahrgäste mit Glasflaschen verprügelt. Sie erlitten schwere Schnittverletzungen. Nach der Veröffentlichung führten Tipps aus der Bevölkerung auf die Spur von vier Schlägern.

Öffentliche Fahndung wirkt

Immer wieder zeitigen Öffentlichkeitsfahndungen schnelle Erfolge. Dennoch ging fast ein halbes Jahr ins Land, nachdem am 9. Juli 2017 drei Männer auf dem U-Bahnhof Neukölln eine Frau begrapscht und ihren Gatten zusammengeschlagen hatten. Als die Polizei die Bilder am 2. Januar veröffentlichte, waren die Schläger innerhalb von vier Stunden gefasst. Sieben Monate dauerte es, nachdem am 23. Juli 2017 ein Fahrgast in der M10 als „Schwuchtel“ bezeichnet und verletzt wurde.

Am 22. Februar veröffentlichte die Polizei ein Täterfoto. Prompt meldete sich tags darauf ein 20-Jähriger und gestand die Tat. Am 10. Dezember verfolgte ein Mann in Marzahn eine Jugendliche aus einer Straßenbahn in einen Hauseingang und versuchte, sie zu vergewaltigen. Erst am 25. April veröffentlichte die Polizei sein Foto. Am nächsten Tag stellte sich der 26-Jährige aus Reinickendorf der Polizei.

Verfahren bleiben wegen Überlastung liegen

5377 Mal forderte die Polizei im vergangenen Jahr allein bei der BVG Überwachungsbilder an, viele davon betrafen Gewalttaten. Und doch gibt es diese Zurückhaltung bei der Öffentlichkeitsfahndung – was mehrere Gründe hat: Mitunter sei es hilfreich, verdeckt nach einem Täter zu fahnden, sagen Polizisten. Zudem gibt es wegen der Persönlichkeitsrechte und der Gefahr der Stigmatisierung von Unschuldigen hohe rechtliche Hürden. „Erst wenn alle anderen Ermittlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, können wir einen richterlichen Beschluss zur Öffentlichkeitsfahndung erwirken“, sagt Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Das ist die offizielle Begründung. Jedoch bleiben viele Verfahren auf den Schreibtischen der Kripo-Dienststellen liegen – wegen Überlastung. So war es laut Ermittlern auch beim Treppentreter, der 2016 am Hermannplatz eine Frau die Stufen zur U-Bahn herunterstieß. Erst als die Bild-Zeitung die ihr zugespielten Aufnahmen brachte und die Empörung groß war, besorgten sich Polizei und Staatsanwaltschaft einen Richterbeschluss zur Veröffentlichung. Der Täter wurde bald gefasst.

Forderungen nach mehr Personal

„Die Veröffentlichung muss schneller gehen, gerade bei Delikten, die das öffentliche Sicherheitsempfinden stark beeinträchtigen“, sagt Bodo Pfalzgraf von der Deutschen Polizeigewerkschaft. Schuld an den Verzögerungen sei der Personalmangel bei Polizei, Amts- und Staatsanwaltschaft.
Ganz ähnlich sieht es Ralph Knispel von der Vereinigung Berliner Staatsanwälte. „Die Überlastung von Polizei und Staatsanwaltschaft führt zu so langen Zeiträumen“, sagt er.

Nach seinen Worten hat das dann auch Auswirkungen auf die Urteilsfindung, wenn sich etwa Zeugen nicht mehr erinnern können.
Tatsächlich schieben die Ermittler in den Kripo-Dienststellen der örtlichen Direktionen und im Landeskriminalamt (LKA) Zehntausende Verfahren vor sich her.

„Wir brauchen eine einheitliche Linie"

Allein im LKA blieben im vergangenen Jahr mehr als 55.000 Vorgänge liegen. Zeit kostet es auch, wenn ein Kripo-Sachbearbeiter Akten vom Staatsanwalt zurückbekommt, etwa weil ein Zeuge noch nicht befragt wurde. Michael Böhl vom Bund deutscher Kriminalbeamter kritisiert deshalb neben dem Personalmangel auch Defizite in der Ausbildung: „Wir brauchen eine einheitliche Linie bei der Zusammenarbeit mit der Amts- und Staatsanwaltschaft und den Richtern.“

Zudem gehe Erfahrungswissen verloren, weil Kollegen ausscheiden, sagt Böhl. „Wenn es Monate bis zur Öffentlichkeitsfahndung dauert, wer weiß, wen diese Täter in dieser Zeit noch alles verprügeln.“