Buch "Der Desinformant" von Ex-Stasi-Major Horst Kopp: DDR-Fake-News für den Westen

Ein Meister der Desinformation sei er gewesen, bekennt der einstige Stasi-Mann Horst Kopp. Nun hat er ein Buch geschrieben - weit mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall. Eine Lebensbilanz?

Abteilung war geheimer als geheim

Der operative Stasi-Mitarbeiter mit der Nummer 536 ist mal Kurt, dann Erwin oder Walter. Seine Abteilung X ist noch geheimer als geheim. Nur die Chefetage der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit habe von ihrer Existenz gewusst, schreibt Ex-Stasi-Major Horst Kopp.

Der heute 83-Jährige hat jetzt das Erinnerungsbuch „Der Desinformant“ vorgelegt und meint sich selbst. Es geht um gekaufte Stimmen für Willy Brandt, um den Publizisten Günter Wallraff und Saufgelage bei der Stasi.

Ziel: Meinung in der BRD beeinflussen

Bis zu 27 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) habe er angeworben und geführt - in der DDR sowie im „Operationsgebiet“ (West-Berlin und Bundesrepublik), schreibt Kopp. Schriftsteller, Journalisten und Verleger seien dabei gewesen. Mit ihrer Hilfe seien Abgeordnete des Bundestages „abgeschöpft“, Politiker und Institutionen bloßgestellt, Nachrichten lanciert worden. Die Stasi habe dazu gern Unterlagen geliefert und auch mit Alt-Nazis zusammengearbeitet.

Die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik im Sinne der DDR zu beeinflussen, sei Ziel der Stasi gewesen - mit der Abteilung X als Element der psychologischen Kriegsführung, so der munter plaudernde Ex-Funktionär in seinem Buch. Die große Aufgabe: Spionage- und Sabotageangriffe des Klassenfeindes abzuwehren.

Was die Stimmen für Willy Brandt gekostet haben

So sei die Stasi damals überzeugt gewesen, dass ein SPD-Kanzler Brandt für die DDR besser sei „als einer von den Konservativen mit Nazi-Vergangenheit“. Gebraucht worden seien also zwei Stimmen, um Brandt im Amt zu halten. Die habe man im Bundestag über Mittelsmänner gekauft - so sei das konstruktive Misstrauensvotum gegen Brandt 1972 gescheitert, lässt Kopp noch immer stolz wissen.

Eine Stimme habe er selbst besorgt, so der einstige Stasi-Funktionär. IM Nürnberg habe aber nicht nur die 50.000 D-Mark auf ein Konto des angeblich bestochenen CSU-Politikers Leo Wagner eingezahlt, sondern auch noch 10.000 D-Mark für seine Dienste extra verlangt. Die zweite vakante Brandt-Stimme habe Julius Steiner (CDU) für 50.000 D-Mark geliefert.

West-Politiker, von der Stasi geführt

Während der entscheidenden Plenarsitzung am 27. April 1972 in Bonn sitzen die wenigen Eingeweihten in der Stasi-Zentrale vor dem Fernseher, wie sich Kopp erinnert. CDU/CSU-Fraktionschef Rainer Barzel bekommt statt der erwarteten und zum Sturz von Brandt nötigen 249 nur 247 Stimmen. In Ost-Berlin klopfen sich die Stasi-Strategen gegenseitig auf die Schulter: „Kampfauftrag erfüllt, Genossen! Weiter so!“. Die Entspannungspolitik in Europa könne nun weitergehen.
Die inzwischen gestorbenen Abgeordneten Wagner und Steiner waren, wie sich später herausstellte, von der Stasi als IM geführt worden. Den Stimmenkauf von Steiner hatte bereits der frühere Chef der DDR-Auslandsspionage, Markus Wolf, nach dem Mauerfall vor Gericht enthüllt.

Was stimmt an Kopps Aussagen?

Wagner - der erst drei Jahre nach dem gescheiterten Votum gegen Willy Brandt als IM erfasst wurde - hatte stets dementiert, dem politischen Gegner eine Stimme geliefert zu haben.
An der Darstellung von Kopp hat auch der Stasi-Forscher Helmut Müller-Enbergs Zweifel. Es gebe zwei gravierende Unstimmigkeiten, teilt der Historiker der Deutschen Presse-Agentur mit. Da Wagner erst ab 1975 in den Büchern der HVA auftauchte, bedeute das doch, dass zuvor nicht „operativ“ an ihm gearbeitet wurde.

Zudem sei der im Buch geschilderte Zeitablauf bis zur Abstimmung im Bundestag nicht schlüssig. „Der Desinformant hat noch einmal gezeigt, was er kann“, fasst Müller-Enbergs seinen Lektüre-Eindruck zusammen.

Wallraff zu Unrecht unter Verdacht

Gleichwohl stellt der Wissenschaftler am 7. Februar 2017 in Berlin im Dialog mit dem Ex-Stasi-Mann das Buch vor. „Das Thema Desinformation hat mit Blick auf russische Aktivitäten politisch einen hohen Stellenwert“, sagt Müller-Enbergs.
Auch Günter Wallraff kommt in dem Buch vor. Der West-Journalist sollte laut Kopp für die Stasi angeworben werden. Das habe aber nicht geklappt. Doch ein getarnter Stasi-Mitarbeiter habe nach Treffen mit dem Journalisten wegen Recherchen einfach eine erfolgreiche Werbung Wallraffs erklärt und ihn in die F16-Kartei (Klarnamen-Kartei der HVA) eingetragen und eine IM-Akte angelegt.

Der „eifrig-ehrgeizige“ Stasi-Mann hatte sich demnach als Vertreter des Pressezentrums des DDR-Ministerrates ausgegeben. Die Institution gab es laut Kopp aber nicht. Nach dem Mauerfall sei Wallraff zu Unrecht unter Verdacht geraten - an der IM-Geschichte sei nichts dran gewesen, meint Kopp. Das hätten dann auch Gerichte bestätigt.

"Ich bereue nichts"

Nach fast drei Jahrzehnten fiel der Stasi-Major nach eigener Darstellung 1985 in Ungnade, er habe das Ministerium verlassen müssen. Das hing mit einer Geburtstagsfeier in dem Stasi-Treff „Feuchte Geige“ zusammen, geht aus den Schilderungen hervor.
Kopp, der in Brandenburg lebt, scheint mit sich im Reinen zu sein.

Geheimdienstarbeit gehöre eigentlich abgeschafft, meint er zwar. Denn sie sei darauf gerichtet, Menschen und Völker zu kontrollieren, um sie zu beherrschen. „Dennoch stehe ich zu dem, was ich, was die DDR-Aufklärung getan hat.“ Der DDR-Staat sollte gesichert werden. Seine Ideale seien an der Realität zerschellt, schreibt der frühere Stasi-Major. „Zu bereuen aber gibt es nichts.“ (Jutta Schütz, dpa)