Robert Rauh, der Gewinner des Deutschen Lehrerpreises 2013, hat ein Buch geschrieben, wie man ein anerkannt guter Pädagoge wird. Es handelt von ihm selbst und vom Schulsystem. „Das Wichtigste ist, ein positives Verhältnis zu den Schülern aufzubauen“, sagt Rauh. Schüler müssten dem Lehrer vertrauen, sich mit ihm austauschen können. Das sei für einen Lehrer viel wichtiger als detailliertes Fachwissen oder ein Einser-Abschluss.

Auch Rauh musste erst lernen, ein guter Lehrer zu werden. Das räumt er in dem Buch offen ein und erzählt, wie Oberstufenschüler ihn als jungen Lehrer in Lichtenberg fertig gemacht haben. Fast eine ganze Klasse haute während seines Unterrichts mit der flachen Hand auf den Tisch und zählte die Zeit rückwärts.

Sie wollten ihn weg haben. Damals stand ihm eine erfahrene Kollegin zur Seite, gab ihm Tipps. Daraus entwickelte Rauh das, was er in Anlehnung an die US-Psychologin Diana Baumrind einen autoritativen Erziehungsstil nennt. Der bestehe aus drei Komponenten, führt Rauh aus, der heute am Barnim-Gymnasium in Lichtenberg unterrichtet: Erstens Beziehungskompetenz, also Echtheit, Respekt und emotionale Zuwendung im Umgang mit Schülern.

Zweitens Führungskompetenz, also klare Erwartungshaltung und kompromissloses Vorgehen bei Überschreiten der vereinbarten Grenzen. Und drittens Unterrichtskompetenz. Neben dem nötigen Fachwissen müssten die Inhalte verständlich und klar strukturiert rübergebracht werden.

Ihm habe es zunächst an Führungskompetenz gefehlt, räumt Rauh ein. Doch das könne ein Lehrer sich erarbeiten. Er vereinbarte seinerzeit mit seinen Schülern klare Verhaltensrichtlinien. Das half.

Heute bildet Robert Rauh selbst Lehrer aus, entwickelt Schulbücher und wurde von allen Schülern seines Leistungskurses Geschichte für den Lehrerpreis vorgeschlagen.

In seinem Buch schildert Rauh anekdotenreich den Schulalltag, berichtet von Cybermobbing, wie etwa ein türkischstämmiger Schüler, der Alkohol nicht gewohnt war, beim ersten Vollrausch von Mitschülern mit dem Handy fotografiert wurde. Die Bilder landeten schnell im Netz. Hier ist Rauh froh, dass es mittlerweile auch Sozialpädagogen an der Schule gibt, die in solche Schülerkonflikte eingreifen.

Generell sei die zunehmende Heterogenität der Schülerschaft längst auch am Gymnasium zu spüren, beschreibt Rauh. Deshalb müssten Schüler auch innerhalb einer Klasse verstärkt individuell gefördert werden, zumal die Inklusion von Kindern mit Behinderung politisch gewünscht sei. Dafür seien aber kleinere Lerngruppen nötig, fordert Rauh. „Bleibt es bei den großen Klassen, bleibt die individuelle Förderung eine Illusion."

Hausaufgaben würde er am liebsten abschaffen

Der 48-Jährige legt viel Wert auf Projektarbeit, mag es, historische Situationen im Rollenspiel nachzuvollziehen, aber an einem Gymnasium mit Turboabitur bliebe da nur wenig Zeit. Hausaufgaben würde er am liebsten abschaffen, um die Familien nicht noch weiter zu belasten. Er vergibt deshalb zu Schuljahresbeginn zwei Joker für nichtgemachte Hausaufgaben, die Schüler ziehen können.

Sie stünden ohnehin unter verschärftem Leistungsdruck – „durch Abstiegsängste, Bildungsmisere, Ausbildungsnotstand und Numerus clausus an den Universitäten“. Die Eltern seien daran nicht unschuldig. Damit Elternabende weniger konfrontativ verlaufen, empfiehlt er, statt des traditionellen Zusammenkommens im Klassenzimmer doch lieber einen Grillabend zu veranstalten.

Auch bemühten immer mehr Eltern wegen strittiger Notengebung gleich einen Rechtsanwalt, wie Rauh aus eigener Erfahrung weiß. Hier plädiert er für eine Schlichterkommission aus Lehrer- und Elternvertretern. Was ihn stört, ist der deutsche Bildungsföderalismus, der Schulwechsel von einem Bundesland ins andere fast unmöglich mache.

Angefangen hatte der gebürtige Ost-Berliner bei der Dekra-Akademie, wo er Problemschülern noch zu einem Bildungsabschluss verhelfen sollte. Einige Schüler hat er damals morgens um 7 Uhr höchstpersönlich telefonisch geweckt, damit sie zum Unterricht kommen.