Gibt es ein besseres Urteil bei einer Buchbesprechung? So viel steht fest: Dieser Bildband kommt zum richtigen Zeitpunkt, und ein Buch wie dieses war lange fällig. „Ohne Motor“ platzt hinein in eine stadtweite Diskussion, die immer aggressiver wird. Im Streit um die Bedeutung und den Stellenwert des Fahrrads im Berliner Verkehr nimmt das Buch eine klare Haltung ein.

Die rund hundert historischen Schwarz-Weiß-Fotos, die Boris von Brauchitsch zwischen den Buchdeckeln versammelt hat, belegen: Berlin ist nicht erst in den vergangenen Jahren eine Fahrradstadt geworden, sie war auch früher schon eine Stadt, in der mit Pedalkraft zur Arbeit gefahren wurde, ins Grüne, zum Eisessen, als auf zwei Rädern Wettkämpfe ausgetragen wurden, demonstriert wurde. Anders formuliert: alles schon mal dagewesen! Der Aufstieg der Fahrrads, den man derzeit auf Berlins Straßen beobachten kann, ist nichts Neues. Er schließt an frühere Zeiten an.

Velo, Bike, Radl, Drahtesel, Eierschaukel, Stahlross: So unterschiedlich die Bezeichnungen sind, so vielfältig sind auch die möglichen Nutzungen. „Eine hat mir besonders gefallen: das Fahrrad als Familienkutsche“, sagt Boris von Brauchitsch. Willy Römer hat die Ausflugsszene 1926 fotografiert: Ein Familienvater radelt durch den Wald, zwei Kinder sitzen mit ihm auf dem Tandem, das dritte wird in einem zweirädrigen Wagen gezogen.

Grellfarbige Sportkleidung war noch nicht erfunden, die Familie ist im besten weißen Sonntagsstaat unterwegs. Eine andere Szene, die derselbe Fotograf 1922 einfing, zeigt ein vierrädriges Gefährt, aus Fahrradteilen konstruiert. Die fünfköpfige Familie, die da über das Kopfsteinpflaster rollt, ist mit derselben Würde und Selbstverständlichkeit auf Tour. Ein Radausflug: damals wie heute normal.

Ein furchterregender „Bicyclanthropos Curvatus“

Und so geht es weiter in dem Buch, das vor allem Pressefotos aus Beständen der bpk-Bildagentur Berlin, einer Einrichtung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, versammelt. Zu sehen gibt es ein Radrennen, bei dem ein Radfahrer gegen ein Pferd antritt, und ein Dreirad mit einem Kriegsversehrten, der sich von einem Hund durch Berlin fahren lässt.

Zeitungsverkäufer treten auf zwei Rädern zum Geschwindigkeitswettbewerb an. Soldaten radeln während der Revolution 1918 durch Berlin. Junge Frauen sind von ihren Fahrrädern abgestiegen und pausieren bei einem Eis. „Das Fahrrad hatte einen hohen Flirtfaktor. Es galt als cool“, erzählt der Autor. Berliner Leben auf dem Fahrrad.

„Freiheit, Autonomie, Unabhängigkeit: Kein anderes Verkehrsmittel verkörpert das besser als das Fahrrad“, so von Brauchitsch. Doch auch in früheren Jahrzehnten gab es Angst vor dem flinken, schwer zu regulierenden Vehikel und seinen Nutzern, die schon damals über die Stränge schlugen und sich nicht um Regeln scherten. „Ende des 19. Jahrhundert gab es ähnliche Negativ-Visionen wie heute“, sagt der Autor.

Eine Spottzeichnung, die 1900 entstand, zeigt einen affenartigen „Bicyclanthropos Curvatus“, der dumpf neben seinem Rad steht und dessen Kleidung frappierend an die Radlerhosen und atmungsaktiven Shirts von heute erinnert. Eine Lithographie, die 1817 entstand, zeigt ein Tohuwabohu aus rasenden und stürzenden Laufradfahrern, das eine an den Rand gedrängte Fußgängerin erschrocken die Hand heben lässt. Auch für Kampfradler gilt offenbar: Alles schon mal dagewesen.

Sturz in einer unbeleuchteten Baustelle

Das Fahrrad in der Politik: Das kommt ebenfalls vor. Ein Kreidekreis rahmt das Fahrrad von Rudi Dutschke ein, das der Wortführer der Studentenbewegung am Kurfürstendamm fallen ließ, als ein junger Mann mit rechtsextremen Hintergrund am 11. April 1968 auf ihn schoss. Das Buch weist auch in die graue Zeit der Verkehrspolitik, in der das Fahrrad aus der Mode kam und Berlin autogerecht werden sollte. Das einst so schicke Verkehrsmittel ist nun als Vehikel der Alten und Armen zu sehen. Doch der Wiederaufstieg zeichnete sich ab. „Das zeigt ein Foto von Wolfgang Krolow, das die erste Fahrrad-Sternfahrt 1977 zeigt“, sagt von Brauchitsch. Es ist eines der jüngsten Bilder in dem Buch.

In den 1980er-Jahren studierte der gebürtige Aachener in West-Berlin. „Doch nach drei Semestern ging ich erst mal wieder. Ich war dieser Stadt nicht gewachsen“ – einer Stadt ohne Sperrstunde, in der man aus der Diskothek ohne Schlafpause in den Hörsaal wechseln konnte. „Mir war klar: Entweder führe ich eine Berliner Existenz – oder ich gehe in Klausur.“ Er zog nach Bonn, doch 2003 ging es zurück nach Berlin.

Schon kurz nach seinem Umzug von Frankfurt am Main verkaufte er sein Auto. „Seitdem fahre ich Rad, und inzwischen bin ich ein überzeugter Radfahrer“, sagt der 54-Jährige. In Vergleich zu anderen Städten gehe es in Berlin immer noch relativ entspannt auf den Straßen zu. Einen Unfall hat er aber schon gehabt: „Ich bin in eine unbeleuchtete Baustelle gefahren und gestürzt.“ Trotzdem, Boris von Brauchitsch bleibt bei seiner Einschätzung: „Berlin ist ideal zum Radfahren.“

Nun bereitet er sein nächstes Projekt vor: ein Buch über die Berliner Bahnhöfe. „Wenn man sieht, was aus den alten Bahnstationen geworden ist, dann tut es weh“, sagt von Brauchitsch. Die historischen Fotos werden die grandiosen alten Bahn-Kathedralen zeigen, die es einst in dieser Stadt gab. Eins ist jetzt schon klar: Auch viele Fahrräder werden darauf zu sehen sein. Sie gehörten und gehören zum Berliner Alltag.