Dirk Stötzer findet Unterrichtsausfall nicht weiter schlimm, hält Hausaufgaben für unsinnig und zu viele Lehrer für schlecht gekleidet. Er meint auch, dass Lehrer entgegen anderslautender Gewerkschaftsforderungen in Berlin angemessen bezahlt werden und sagt, dass der Beruf des Lehrers trotz allem der schönste der Welt sei.

Stötzer sollte wissen, wovon er spricht. Schließlich war er 41 Jahre im Berliner Schuldienst. Erst Lehrer, später Schulleiter, dann Oberschulrat. Zuletzt arbeitete er bis zu seiner Pensionierung in der Beschwerdestelle der Senatsschulverwaltung. Weil er es nicht mag, dass sich Lehrer selbst öffentlich über ihren Beruf oder das Schulsystem beklagen, hat er nun ein Buch geschrieben. „Superlehrer + Superschule = Supergeil“, heißt es und knüpft an den Videoclip an, eine Persiflage auf die Edeka-Werbung, den der durchaus humorfähige Stötzer gemeinsam mit Schülern zu seiner Verabschiedung drehte und der bei Youtube bereits 200.000 Klicks erreichte.

„Das Buch habe ich geschrieben, um für den Lehrerberuf zu werben und mit dafür zu sorgen, dass die qualifiziertesten Menschen diesen Beruf ergreifen“, erläutert Stötzer. Das Wichtigste für den Lehrerberuf sei die Persönlichkeit eines Lehrers. Die könne man leider nicht erlernen. Eine Führungspersönlichkeit vermittele Schülern gleich beim ersten Auftritt mittels Stimme und Gestik, dass sie etwas von dieser Person lernen können. Nicht nervös sein, die Stimme modulieren („sonst schlafen die Schüler ein“) und angemessen gekleidet sein, rät Stötzer. „Überlasst die coolen Outfits euren Schülern.“

Leider würden viele Menschen denken, jeder sei zum Lehrer geeignet. Doch so sei es nicht. Nicht wenigen Referendaren habe er noch beim Staatsexamen geraten, es sich noch einmal zu überlegen. „Halten Sie das 40 Jahre durch? Oder sind Sie schon nach sieben Jahren ausgebrannt?“ Denn anstrengend sei es durchaus. „In nur einer Unterrichtsstunde muss ein Lehrer bis zu 200 Entscheidungen treffen und durchschnittlich 15 erzieherische Konfliktsituationen meistern“, schreibt Stötzer. „Ein guter Lehrer konzentriert sich nicht nur auf den Lernerfolg. Er fragt sich auch, wenn dieser ausbleibt.“ Dann müsse er seine Sensoren ausfahren und schauen, ob es Probleme mit den Eltern gibt, ob der Schüler überfordert ist oder sich gar absichtlich verweigert.

Einiges im Schulsystem hält Stötzer für völlig überbewertet. So sei eine Schule, an der jeden Tag nur Fachunterricht nach Vorschrift stattfinde, schlicht langweilig. Viel interessanter sei doch auch mal eine Exkursion, ein Projekt, ein Ausstellungs- oder Theaterbesuch. Da dann Lehrer als Aufsichtspersonen mit dabei sind, sei Unterrichtsausfall für andere Schüler die Folge. Das sei es aber wert, so der 67-Jährige. Vertretungsunterricht sei sowieso vergebene Liebesmüh, weil der nicht als regulärer Unterricht wahrgenommen werde.

Glücksgefühle beim Aha-Effekt

Auch den Sinn von Hausaufgaben mag Stötzer nicht erkennen. „Warum sollen Kinder zu Hause eher in der Lage sein, einen Lernstoff zu durchdringen als in der Schule?“ Tatsächlich weisen Studien nach, dass die Lerneffekte schlechter werden, je länger Schüler ihre Nachmittage mit Hausaufgaben verbringen. Die schönsten Glücksgefühle hätte ein Lehrer ohnehin, wenn es bei Schülern plötzlich zum Aha-Effekt kommt, sie verstehen, was der Lehrer gerade erklärt hat , so Dirk Stötzers These – selbst Vater von fünf Kindern. Schade sei nur, dass Lehrer zu oft hinter geschlossenen Türen arbeiten und gutes Unterrichtsmaterial nicht teilen würden. Im digitalen Zeitalter könnte das aber mit Open Educational Resources, also mit speziellen Internetportalen nur für Lehrer, besser werden, hofft Stötzer .

Eltern bittet er darum, der Schule ihres Kindes erst einmal einen Vertrauensvorschuss einzuräumen. Im Beschwerdemanagement hat er so allerhand erlebt. Da haben Eltern wegen einer angeblich schlechten Benotung ihrer Kinder ein Zweitgutachten anfertigen lassen und Anwälte engagiert. Dennoch findet er auch an überengagierten Helikopter-Eltern etwas Gutes. Angesichts der vielen desinteressierten Eltern sei es doch für die Schulen ganz gut, wenn es auch Eltern gebe, denen noch nicht alles egal sei.