Buchhandlung Anakoluth: Vom Glück der ersten Begegnung

Es ging schon bei der ersten Begegnung los, und es war ein ganz großer Fehler, sich mit ihr auf ein Gespräch einzulassen. Ich hatte bis zum nächsten Termin eine Stunde Zeit und langweilte mich ein wenig. Die ideale Ausgangsbedingung, um einen noch unbekannten Buchladen auszuprobieren. Einen gab es ganz in der Nähe des Alexanderplatzes. Um überhaupt rauszubekommen, ob sich der Laden lohnt, habe ich da einen Trick. Ich schaue einfach, ob sie ein ganz bestimmtes Buch im Regal stehen haben. Etwas, das mir gefällt, das es aber ganz bestimmt nicht in diesen Bestseller-Läden gibt.

Damals war es „Das große Heft“ von Ágota Kristóf. Ein wortkarger, dünner Roman von unbarmherziger Schlichtheit, Schönheit und Klugheit. Der Roman wirkt auf den ersten Blick fast naiv, ist aber so geschickt komponiert, dass er für mich die wichtigste literarische Entdeckung der 90er Jahre war. Und genau dieses Lieblingsbuch stand in diesem Laden tatsächlich im Regal – und auch noch die beiden anderen Teile der Trilogie. Was für ein gelungener Anfang.

Also griff ich mir irgendein ein Buch und las vor mich hin. Die Buchhändlerin hielt sich die ganze Zeit ganz dezent im Hintergrund, und sagte nicht – wie so viele andere Verkäuferinnen in so vielen anderen Läden – diesen üblichen Satz: „Kann ich Ihnen helfen?“ Diese Floskel kommt immer eine Spur zu laut und immer eine Spur zu freundlich.

Doch im Buchladen AnaKoluth war es anders. Ich stöberte weiter unterstört durch die Regale und setzte mich auf diesen Stuhl, der für die Ich-will-nur-mal-kurz-reinlesen-Kunden bereit stand. Ich stand ständig auf und stöberte weiter, setzte mich wieder und las weiter. Irgendwann, als ich beim Lesen immer wieder den Kopf schüttelte, sagte die Verkäuferin nur: „Das ist wirklich gut.“

Denn sie wissen, was ich suche

So fing es an. Ich kaufte am ersten Tag zwei Bücher, und kaufe seither alle Romane bei Christiane und den Mädels von Anakoluth. Denn der Untertitel des Ladens stimmt tatsächlich: Literarische Buchhandlung. Die Mädels dort sind noch echte Buchhändlerinnen, besser gesagt: Buchempfehlerinnen. Kaum haben sie rausbekommen, was ein Kunde gern liest, haben sie bei jedem weiteren Besuch eine Empfehlung parat. So wird man zum Stammkunden.

Besonders praktisch ist es, wenn ein großer Urlaub ansteht. Ich sage vorher Bescheid, und Christiane und ihre Mädels wissen, was wir suchen: Meine Frau will gute literarische Krimis, ich will anspruchsvolle Familienromane. Ohne diesen Laden hätte ich wohl nie „Alle sterben, auch die Löffelstöre“ von Kathrin Aehnlich gelesen, nie „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel oder „Geschichte machen“ von Stephen Frey. Ich hätte mich wohl auch nicht an „Die Stimmen des Flusses“ von Jaume Carbé herangetraut oder an „Was ich liebte“ von Siri Hustvedt. Nur eine einzige Empfehlung hat mir überhaupt nicht gefallen, aber was ist schon ein Fehlkauf in 15 Jahren.

Besonders schön finde ich, dass sich diese Buchempfehlerinnen auch von ihren Kunden Bücher empfehlen lassen und in ihre Regale stellen. Von mir übernahmen sie „Eddies Bastard“ von William Kowalski.
Vor ein paar Jahren ist der Laden in die Schönhauser Allee 124 umgezogen. Obwohl es für mich ein Umweg ist, radle ich zum Buchkauf weiterhin dorthin.

Aber, wie schon gesagt, es war ein Fehler, sich in diesem Laden auf ein Gespräch einzulassen. Denn die Chefin ist als Verkäuferin viel besser als ich als Leser. Inzwischen gibt es eine Art Anakoluth-Brett in einem meiner Bücherregale – dort stehen all die Bücher, die Christiane mir empfohlen hat, die ich aber noch nicht geschafft habe, auch zu lesen.


Literarische Buchhandlung Anakoluth
Schönhauser Allee 124
10437 Berlin
Tel. 030/ 873 36 980
www.anakoluth.de
Mo – Fr 10 bis 20 Uhr, Sa 10 bis 18 Uhr