Auferstanden aus Ruinen. Aufbau der Stadt. Aufbau eines Landes. Wie war das damals in der DDR? Gerd Schönfeld  (geboren 1948 in Wedding, aufgewachsen in Prenzlauer Berg) nimmt uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit, erzählt aus der Sicht eines Kindes vom Leben im Ostteil der Stadt. Wir lesen Briefe von Franz an seinen Onkel Karl, aufgeschrieben mit Berliner Witz. Einmal vor dem Mauerbau („Schackelstern“), einmal kurz darauf („Ein Cello im Berufsverkehr).

Der kleine Franz stottert. Das macht ihn zum Außenseiter. Die man nicht ernst nimmt. „Fürs Stottern kann keiner“, sagt eine Frau, deren Sohn auch stottert. Ihr Mann entgegnet: „Kann keiner. Wenn ich ihm den Arsch versohle, brüllt er: Aua! Würde er sonst ein Jahr für brauchen“. Franz behilft sich mit erfundenen Extrasilben: Weil er „Elstern“ nicht sagen kann, nennt er sie „Schackelstern“, sozusagen mit Anlauf.

Franz stottert, aber er ist nicht auf den Kopf gefallen. Messerscharf seziert er seine Welt, in der sich Großes spiegelt: „Lieber Onkel Karl! Weißt Du, warum die Blaubeeren rot sind? Weil sie noch grün sind. Ist das nicht komisch? Auch wenn die Blaubeeren schon blau wären, man darf sie nicht essen. Alles vergiftet. Die Amis haben wieder eine Atombombe getestet. Es stand in der Zeitung. Es regnet hier schon zwei Tage radioaktiv. Wenn nichts in der Zeitung steht, haben die Russen eine Bombe getestet.“

Seine Tante Wanda sagt, wenn die Wolken tief hängen und schnell ziehen, dann sind sie radioaktiv. Überhaupt habe es Tante Wanda gut. „Sie braucht nur noch zweimal zum Zahnarzt. Ein Zahn oben. Und ein Zahn unten. Genau übereinander. Damit könnte sie am Bahnhof Ostkreuz schöne O in die Fahrkarten lochen.“

„Schönfeld schreibt Romane in drei Sätzen. Sie spielen vor Konnopkes Wurstimperium auf einer Verkehrsinsel und unter der Hochbahn nach Pankow“, sagt Schriftsteller-Kollege Jamal Tuschik bewundernd. Die beiden Romane sind gut, vielleicht das Beste über die junge DDR überhaupt.

Franz schreibt, wie er Ende der 50er aus der Schulstunde fliegt, weil er Wilhelm Pieck keinen Respekt zollt. Wie ein Comic für Aufregung sorgt: „Lieber Onkel Karl! Der Klassenfeind ist unter uns. Auf dem Plumpsklo. Getarnt in einer Trommel. Herr Seewald wollte darin lesen. Und was fiel heraus? Eine Micky Maus.“

Treffend und liebevoll beschrieben

Eine Woche lang gibt es Weißkohl, die nächste Rotkohl. Immerhin: Rotkohl mag er, Heringssalat ist ein Fest. Schönfeld beschreibt den Mangel auch als Tugend und Weisheit. „Gut, dass dir die Schuhe zu groß sind. Wir stopfen sie mit Papier aus, bis du in sie hineingewachsen bist. Und dann sind sie wieder modern. Glaub mir. Mode wiederholt sich“, hört Franz seine Tante Herta sagen.

Schönfeld wuchs in Prenzlauer Berg auf. Seine Biografie liest sich trocken wie Franzens Briefe: „Baumschullehre, Champignonzucht, Hilfsschlosser, Grabpfleger, Schachspieler, Requisite am DT, bis jetzt Friedhofsmusiker.“ Kaum jemand schafft es, einfache Menschen in ihrer Zeit so treffend und liebevoll zu beschreiben wie er.

„Die armen Westler“

Im zweiten Band hat die Mauer Franz’ Leben verändert. „Lieber Onkel Karl! Heute ist Silvester. Von der Brücke, in der Schönhauser Allee, kann man nicht mehr in den Westen gucken. Den Gesundbrunnen sehen. Mit seiner Leuchtreklame Jacobi 1880 – Schmeckt mit 18 und mit 80.“ Er bedauert: „Die armen Westler. Die können abends nicht in den Osten sehen. Weil es hier dunkel ist.“

Franz hat es nicht leicht. Und die Menschen um ihn herum, Tante Herta und Onkel Roland, die Scherenschleifer und Kohlenschlepper bei Konnopke auch nicht. „Wenn Hunde sprechen könnten, würden sie stottern“, schreibt er seinem Karl – und man hat plötzlich so einen Anflug von Ahnung, wie das wirklich gewesen sein könnte.

Gerd Schönfeld: „Schackelstern“ (15,80 Euro) und „Ein Cello im Berufsverkehr (18 Euro)“, Torpedokäfer BasisDruck Verlag.