Buchladen „Belle-Et-Triste“: Einzigartig seit über drei Jahrzehnten

Der Mann um die dreißig ist auf der Suche nach „Winnetou“. Ob der erste Band vorrätig sei, fragt er . „Ich hoffe“, antwortet Winfried Kellmann und steht erfreut auf von seinem Platz hinter dem Tresen auf. „Der erste Band ist am besten.“ Im hinteren Teil des Ladens, oben im Regal, findet er „Winnetou“ Teil eins bis drei im Sammelband. Der Kunde möchte das Buch als Geschenk für seinen iranischen Sprachtandem-Partner.

„Mit ‚Winnetou‘ habe ich Lesen gelernt. Aber den dritten habe ich nie zu Ende gebracht. Habe mich nicht getraut zu lesen, dass Winnetou stirbt.“ Er grinst. „Heiße Tränen“, kommentiert Winfried Kellmann, graue Haare, kleine, eckige Brille, schwarz-weiß gemusterten Strickpullover. Der junge Mann ist neu im Berliner Wedding und zum ersten Mal bei Belle-Et-Triste. „Wie sind Sie auf uns gekommen?“, fragt Kellmann. „Google Maps“, lautet die Antwort. Das Internet ist nicht nur Konkurrenz, es hat auch seine Vorteile für kleine Unternehmen. Jahrelang hätten viele Weddinger gar nicht gewusst, dass es diesen Laden in ihrer Nachbarschaft gibt.

Dabei gab es ihn hier schon, als der Winnetou-Käufer noch gar nicht geboren war. Und bevor man sich so etwas wie Amazon überhaupt vorstellen konnte. Aber ein so kleiner Händler lebt immer in der Nische.

Belle-Et-Triste hat größere Konkurrenten überdauert. Der traditionsreiche Berliner Buchhändler Robert Kiepert etwa ging 2002 in die Insolvenz. Mit mehreren Filialen und Hunderten Mitarbeitern. Einigen von ihnen soll er die Verhältnisse im Buchhandel anhand einer Torte erklärt haben: Der Gewinn des Buchhandels seien die Krümel, die am Ende liegen blieben. Wie schafft es Belle-Et-Triste, von solchen Krümeln zu leben?

Der Anteil stationärer Buchhändler sinkt

Noch für das Jahr 2016 zeigen Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels eine starke Stellung stationärer Buchhändler, zumindest auf den ersten Blick. Fast die Hälfte des Umsatzes mit Büchern wird in Geschäften vor Ort erzielt. Aber ihr Anteil schrumpft. Zehn Jahre früher hatte der Sortimentsbuchhandel noch einen um sechs Prozent höheren Anteil. Und in der Gruppe werden große Ketten mit kleinen Einzelhändlern zusammengefasst. Amazon und alle anderen Onlinehändler zusammen haben einen Anteil von gut 17 Prozent – und er steigt seit Jahren.

Dabei ist Umsatz das eine, Gewinn etwas anderes. Je mehr verkauft wird, desto höher die Rabatte der Verlage. So bleibt bei kleinen Händlern weniger vom festen Verkaufspreis übrig. Schwierig war es immer, von so einem Laden zu leben, erklärt Kellmann.

Wie üblich ist er am Nachmittag da, Mitgründerin und -eigentümerin Friederike Reinholds vormittags. Die beiden kennen sich noch aus Schulzeiten in Münster. Zum Studieren gingen sie nach Berlin. Sie wählte Germanistik, er Französisch. Im Jahr 1982 kam die Gelegenheit, einen Buchladen zu übernehmen, in der Brüsseler Straße. „Der lief nicht richtig.“ Sie änderten den Namen. „Belle-Et-Triste bot sich irgendwie an, wegen Belletristik. Ein Wortspiel sozusagen. Belletristik kommt ja nicht von „belle et triste“, sondern von ‚les belles lettres‘.“ Nicht von „schön und traurig“ also, sondern von der schönen Literatur.

Vier Jahre später zogen sie in die Amsterdamer Straße um. Heute ist die Buchhandlung Belle-Et-Triste ziemlich einzigartig im Wedding. Totem in der Maxstraße, etwas weiter östlich, ist eher ein Café mit Buchsortiment. Sonst gibt es noch ein paar Antiquariate und die Hugendubel-Abteilung bei Karstadt am Leopoldplatz.

Harte Konkurrenz

In der Brüsseler Straße waren die Einnahmen so niedrig, dass Winfried Kellmann nebenher noch Essen ausfahren musste. Am heutigen Standort liefen die Geschäfte dann besser. Bis nach der Wiedervereinigung. „Das war natürlich eine tolle Zeit. Die ganze Müllerstraße war zu, die standen Schlange bei den Banken. Dann kamen sie hier rein und fragten: ,Haben Sie Karl May?'“ Selten, dass er May verkaufe, schränkt Kellmann noch ein, ganz, ganz selten. Und dann ausgerechnet heute!

Das ungeteilte Berlin war attraktiv als Standort für große Einkaufszentren, die Ladenfläche wuchs stark: Thalia, Hugendubel und andere Ketten expandierten. Harte Konkurrenz. Aber es ging weiter für Belle-et-Triste. Ein Grund dafür: „Wir haben private Vermieter. Die haben sogar Mietsenkungen mitgemacht.“ Ohne die gäbe es Belle-Et-Triste wahrscheinlich nicht mehr.

Und dann ist da die Buchpreisbindung, eine staatliche Förderung kleiner Händler. Der Wettbewerb über den Endverkaufspreis wird ausgeschaltet. „Wenn das nicht mehr ist, sind wir weg vom Fenster. Das ist ganz klar. Die Leute haben ein Bewusstsein dafür, dass man Läden wie unseren stützen muss. Obwohl ich auch verstehe, dass man es ohne Buchpreisbindung keinem mehr zumuten könnte: Zehn Euro mehr für ein gebundenes Buch… So ist das.“

Kaum fähig zu überleben

Winfried Kellmann schaut nachdenklich. Nach den harten Gesetzen des ungezügelten Marktes wäre sein Geschäft kaum fähig zu überleben. Wenn Buchpreise dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage ausgeliefert wären. Wenn die Vermieter einfach die höchste Miete nehmen würden, die sie verlangen können. Und wenn es nicht Kunden gäbe, die immer wieder kommen, eben weil Belle-Et-Triste für sie mehr ist als bloß ein Laden.

„Wir haben Kunden, mit denen sind wir alt geworden. Seit 82 kommen die immer her.“ Und teilweise schon ihre Enkel. „Einen Kunden vermissen wir jetzt. Älterer Mann, unglaublich zufriedene Ausstrahlung. Der kommt plötzlich nicht mehr. Da fragt man sich natürlich, was los ist“, sagt Kellmann.

Kollegin Friederike Reinhold traf schon zufällig Kunden am Flughafen in Santorin oder auf der Strandpromenade. „Mein Mann ist etwas korpulent, und da spricht mich auf Sylt Frau W. an. Sie hatte vorher ein Buch bestellt: Die Kohlsuppendiät. Ich hatte erzählt, dass mein Mann die auch ausprobiert habe. Der Kohlgeruch in der Wohnung, schrecklich. Auf Sylt schaute Frau W. meinem Mann so auf den Bauch und meinte nur, bei ihr hätte die Kohlsuppendiät auch nicht geholfen.“

Es sind solche Stammkunden, die fünf Euro anzuzahlen bereit sind, wenn sie ein Buch bestellen. Als kleines Pfand dafür, dass man das Buch auch wirklich abholt. Denn anders als große Onlinehändler wie Zalando oder Amazon Kunden glauben lassen wollen, steckt menschliche Arbeit hinter jeder Bestellung, selbst wenn sie nicht abgeholt wird. Und die Buchhändler müssen von dieser Arbeit auch leben können.

Das fiel leichter, als noch mehr große Kunden, etwa die Amerika-Gedenkbibliothek, bei Belle-Et-Triste bestellten. Aber die zur Zentral- und Landesbibliothek Berlin gehörende AGB kauft nun woanders. „Das ist jetzt einfach weg. Zigtausende“, beklagt sich Kellmann.

Seit 2015 tobt ein Kulturkampf um die Einkaufspolitik der ZLB unter Vorstand Volker Heller. Er entschied, dass ein großer Teil der Bücher künftig nicht mehr einzeln von Bibliothekslektoren ausgewählt wird. Stattdessen formulieren diese jetzt Profile, auf deren Grundlage privatwirtschaftliche Händler der ZLB neue Medien liefern. Bis Ende 2017 gingen umfangreiche Bestellungen an den Dienstleister EKZ in Reutlingen.

Wie sich das Budget in diesem Jahr zusammensetzt, erklärt Anna Jacobi, Pressesprecherin der ZLB: Rund 750.000 Euro entfielen auf den Bibliotheks-Dienstleister Hugendubel-Fachinformationen GmbH, eine Tochter der bundesweit bekannten Ladenkette. Eine weitere Viertelmillion verteile sich auf andere Anbieter, die Hälfte davon auf Berliner Händler. Etwa 320 000 Euro gebe die ZLB für Zeitungen und Zeitschriften aus. Erstere würden beim Schweitzer Sortiment in Berlin bezogen, letztere bei einem Kölner Unternehmen.

Die Hugendubel-Tochter bearbeite und versteuere die Aufträge in Berlin, betont die ZLB-Sprecherin. Auch bei anderen Berliner Händlern kaufe die ZLB in Zukunft ein: etwa beim Musikalienhändler Cantus Riedel oder der Buchhandlung Mackensen in Schöneberg. Die ZLB bestellt also 2018 wieder mehr in Berlin. Aber nicht bei Belle-et-Triste. Ein Unternehmen mit Millionenumsätzen wie Hugendubel hat den größten Auftrag erhalten, weil es der ZLB etwas bietet, das kleinere Händler nicht leisten können: Outsourcing des Lektorats. Das spart der Bibliothek Stellen und Geld. Die Buchpreisbindung unterbindet zwar einen Preiskampf, aber durch eine solche Dienstleistung sind große Wettbewerber im Vorteil.

Man kennt sich

Immerhin, andere Büchereien kaufen weiter bei Belle-Et-Triste. „Wir beliefern noch die Stadtteilbibliothek Reinickendorf und hoffen, das bleibt so“, sagt Winfried Kellmann. Auch die Buchbestellungen einiger Schulen bringen wichtige Einnahmen.

Mit der Weddinger Erika-Mann-Schule organisierte Friederike Reinhold 15 Jahre lang ein Projekt. „Jede Woche hat eine Schülergruppe im Laden mitgearbeitet.“ Einer der längst erwachsenen Projektteilnehmer kam kürzlich wieder in den Laden. „Er konnte damals eine ganze Menge, nur Lesen war überhaupt nicht sein Ding. Ich weiß noch, dass die Lehrerin mit mir sprach, ob sie ihm eine Gymnasialempfehlung geben sollte. Jetzt hat er sein Maschinenbaustudium abgeschlossen und ist Ingenieur.“ Leser sind nicht alle Schüler von damals geworden. „Es ging darum, zu zeigen, was sich hinter den Fensterscheiben im Kiez verbirgt. Ein Kind, das hier mal das Schaufenster dekoriert hat, schmiert uns nicht die Scheibe voll. Man kennt sich. Soziale Aufgehobenheit im Kiez.“

An diesem Vormittag kommt ein leicht gebeugt gehender, älterer Herr ins Geschäft. Grauer Maschinenschnitt, Cordhose, unter deren hohem Saum die Socken zu sehen sind. Es ist Herr N., der Stammkunde über 80, um den sich Winfried Kellmann Sorgen gemacht hat.

„Ihr Kollege hat mir ja den ‚Hauptmann von Köpenick‘ verkauft, von dem Zuckmayer. Das fand ich toll, dass er das alles im Berliner Dialekt geschrieben hat“, sagt Herr N., der selbst berlinert. „Sie verstehen das ja“, erwidert Friederike Reinhold lächelnd. Herr N. nickt. „Interessant, wie unsere Vorfahren hier vor hundert Jahren gesprochen haben.“ Er redet noch ein bisschen über das Wetter, und fragt, ob der dritte Band von Richard David Prechts Philosophiegeschichte schon erschienen sei. Nein, der komme erst im Herbst, antwortet sie. Dann muss Herr N. weiter. Friederike Reinhold hält ihm geduldig die Tür auf. Er kündigt an: „Ich komme vorbei, wenn ich vorbeikomme.“