Lunow - Die Frau, die da auf den Gleisen liegt, wurde nicht nur ermordet, sie wird nun auch noch vom Zug überrollt. Alexandra Fischer, eine Malerin, die im Zug sitzt, ist geschockt, ärgert sich aber auch ein wenig, dass sich ihre weite Reise noch mehr verzögern wird. Sie weiß nun gar nicht, wie sie nachher in der Dunkelheit von Eberswalde in das Dörfchen Lunow kommen soll.

Bald danach wird schon wieder eine Frauenleiche gefunden. So beginnt der Krimi „Nachts kommt die Angst“ , in dem eine 30-Jährige aus Frankfurt am Main mitten hinein gerät in eine mysteriöse Mordserie – und das alles nur, weil sie im Internet ein billiges, aber auch recht zerfallenes und abseits gelegenes Haus im Nordost-Zipfel von Brandenburg gefunden hat. Nach einer Trennung sucht sie dort eigentlich nur ihre Ruhe, doch sie ist genauso rothaarig wie die fünf Frauen, die bisher ermordet wurden. Wird sie zum nächsten Opfer?

Mit dem Finger auf der Landkarte

Die Erfinderin der Geschichte, Gabriela Gwisdek, hat keine roten, sondern schwarze Haare. Sie zog auch nicht vom Main, sondern von Berlin vor einigen Jahren nach Nordbrandenburg. Auch ist der Tatort ihres zweiten Krimis, dieses schöne versteckte Dorf Lunow, nicht ihr Wohnort. Gwisdek lebt 50 Kilometer westlich am Rande der endlosen Wälder der Schorfheide. „Ich wollte nicht unser Dorf nehmen“, sagt sie. „Da hätte ich nicht so frei schreiben können, weil sich im Buch dann Leute erkannt fühlen, die gar nicht gemeint sind.“

Den Tatort hat sie erst im Laufe des Schreibens gefunden, denn die Autorin wollte zwar, dass ihr Krimi im Land Brandenburg spielt. Aber ihre Protagonisten sollten auch von einer Naturkatastrophe heimgesucht werden. „Erdbeben, Dürre, Schneemassen? Alles Fehlanzeige hier, aber immerhin war ein Hochwasser möglich.“

Wie beim großen Oder-Hochwasser 1997 lässt im Buch eine Sommerflut die Dämme brechen und schließt die Heldin in ihrem einsamen Haus ein. „Den passenden Ort habe ich mir mit dem Finger auf der Landkarte gesucht“, sagt die Autorin, als sie an der alten Lunower Dorfkirche vorbeikommt. Sie zeigt auf die drei schönen Engel über dem Eingangstor, die sie ebenfalls im Buch beschrieben hat.

Da in der Mordgeschichte auch ein junger Dorfpolizist eine Hauptrolle spielt, musste eine Polizeistation in der Nähe sein – und so etwas gibt es in Brandenburg nicht mehr überall. Außerdem beschreibt die Autorin endlose Wälder. „All das gibt es hier, und dazu auch noch außerhalb des Ortes einen einsamen ehemaligen Bahnhof, in den die Frau im Buch zieht. Und nicht zu vergessen: eine urige Dorfkneipe.“

Genau die betritt die Autorin nun. In einigen Tagen erscheint ihr Buch und sie ist noch einmal nach Lunow gekommen. Sie freut sich, als sie am Fenster der Kneipe einen Zettel sieht: Preisskat. „Wie in meinem Buch“, sagt sie, „da spielen die Leute auch jeden Abend Skat.“

Obwohl sie einige Details aus dem Ort beschreibt, kennt sie hier kein Mensch. „Hier weiß überhaupt niemand, dass ich über den Ort geschrieben habe“, sagt sie leise. Sie wollte einfach niemanden im Ort mit ihrer Schreiberei belästigen. Sie war einfach nur an einigen Wochenenden dort, um zu schauen.

Genau wie ihre Hauptfigur im Krimi, die Fischer heißt, trug auch die Autorin früher einen Allerweltsnamen. Sie hieß Lehmann, bis sie 2007 den berühmten Schauspieler Michael Gwisdek heiratete. Die heute 46-Jährige ist im sächsischen Bautzen geboren, lernte ursprünglich einen Wirtschaftsberuf und kündigte sofort nach der Lehre, um zum Theater zu gehen. Sie wurde Requisiteurin, arbeitete in Bautzen, Dresden, Stralsund und auch sechs Jahre an Frank Castorfs Volksbühne in Berlin. Dann lebte sie mit ihrem damaligen Mann und ihrer Tochter eine Weile in Portugal, kehrte zurück, arbeitete als Ausstatterin beim Film, heiratete ihren heutigen Mann und begann, Drehbücher und dann auch Krimis zu schreiben.

„In diesem Krimi habe ich einfach den Wald genommen, dazu Dunkelheit, Einsamkeit und Unwissenheit“, sagt sie, „dann einfach alles mischen und warten, was rauskommt.“ Anfangs liest sich dieses Buch fast so wie eine sommerlich luftige Liebesgeschichte, die sich nur als Krimi tarnt, doch dann entwickelt sich das Ganze zu einem psychologisch aufgeladenen Thriller, der zum Schluss mit durchaus gewagten Wendungen überrascht.

Keine Krimiserie

Das erste Buch verkaufte sich ganz gut, aber leben könne sie davon nicht, deshalb schreibt sie auch noch Drehbücher. Und dann gibt es auch noch ihren Mann. Der ist zwar auch schon 71 Jahre alt. „Aber er will arbeiten, bis er 100 ist“, sagt sie.

Ganz bewusst hat Gabriela Gwisdek keinen dieser derzeit so erfolgreichen Regionalkrimis geschrieben, die in Serie gehen. „Das finde ich nicht spannend, das legt mich viel zu sehr fest. Außerdem müsste ich einem Kommissar auf dem Lande dann Mordfälle andichten, die es so gar nicht geben kann.“

Inzwischen sei sie schon wieder auf einem anderen Trip und arbeite an einem Fall, den die ganze Welt kennt. „Mehr verrate ich natürlich noch nicht. Nur soviel: In Brandenburg spielt er diesmal nicht.“

Hier gibt es eine kostenlose Leseprobe von "Nachts kommt die Angst" (pdf).