Buchvorstellung: So lebten jüdische Frauen im Ersten Weltkrieg

Berlin - Wer das Foto von Juliane Herrmann länger betrachtet, kann schon eine ganze Menge über diese Frau sagen. Ihr Blick ist direkt in die Kamera gerichtet. Sie trägt eine strenge Uniform. Die Hände hat sie in den Taschen. Auf dem Gesicht zeigt sie einen Ausdruck, den man durchaus als selbstbewusst deuten kann. Diese Frau stand sicher mit beiden Beinen im Leben. Im Centrum Judaicum gibt es eine Akte über Juliane Herrmann. Sie war Jüdin, Krankenschwester und lebte ledig mit Kind in Berlin. Im Ersten Weltkrieg kümmerte sie sich als Krankenschwester im Seuchenlazarett um Soldaten und machte sich fürs Vaterland verdient. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie deportiert.

Wenn sich heute ein größeres Publikum für das Leben von Juliane Herrmann interessiert, liegt das ganz maßgeblich an Sabine Hank. Sie ist Archivarin im Centrum Judaicum an der Oranienburger Straße. 14 000 Akten gibt es dort. Das sind viele Meter Papier. Sie dokumentieren die Geschichte der Juden in Deutschland und speziell in Berlin. Ab und zu ziehen die Archivare einige Schicksale aus den Regalen, um einen Aspekt jüdischen Lebens näher zu beleuchten – so auch in den vergangenen Monaten. Herausgekommen ist dabei ein Buch über jüdische Frauen im Ersten Weltkrieg. Im Januar soll es erscheinen.

Immer nur Männer

Das Centrum Judaicum ist in der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße untergebracht. Dort, an einem Tisch, hat Sabine Hank die Akte von Juliane Herrmann vor sich ausgebreitet. Es ist ein ganzes Leben zwischen zwei Aktendeckeln. „Wir haben schon drei Bücher über Juden im Ersten Weltkrieg veröffentlicht. Es waren allerdings immer nur Männer“, sagt Sabine Hank. Über jüdische Frauen weiß man viel weniger. „Die Frauen sind bisher irgendwie vergessen worden“, sagt Sabine Hank.

Das Leben von Juliane Herrmann mussten die Archivare maßgeblich über die Akten rekonstruieren. Sie haben zum Beispiel deren Geburtsurkunde. Juliane Herrmann wurde 1889 in Frankfurt (Oder) geboren. Eine weitere Geburtsurkunde gibt es von ihrer Tochter, 1921 geboren. Ein Vater ist nicht eingetragen. „Es kann kein einfaches Leben gewesen sein“, sagt Sabine Hank. Sie leitet das aus den vielen Urkunden und Dokumenten ab, die erhalten sind: Impfscheine, Ausweisbücher, Einberufungsbefehl.

Man kann sehen, dass sie sich ab 1914 in verschiedenen Lazaretten um verwundete Soldaten gekümmert hat, erst an der Ostfront, später an der Westfront. Nach dem Krieg hat sie als Kindergärtnerin gearbeitet, später als Näherin, sie hat ein Café und einen Konfitürenladen aufgemacht. „Sie hat offenbar immer wieder versucht, eine feste Stelle zu bekommen, ohne Erfolg“, sagt Sabine Hank. Die letzte Spur von Juliane Herrmann ist ein Eintrag im Berliner Gedenkbuch für die ermordeten Juden des Nationalsozialismus. Dort ist verzeichnet, dass sie am 17.11.1941 nach Kaunas in Litauen deportiert wurde. „Man weiß, dass alle aus diesem Transport ein paar Tage später erschossen worden sind“, sagt Sabine Hank.

Das Buch, das jetzt entsteht, erzählt auch die Lebensgeschichte von Helene Meyer. Ihr Leben unterscheidet sich stark von dem der Krankenschwester. Die Familie war wohlhabend, der Vater Stadtverordneter und Besitzer von Ziegeleien und Brauereien. Im Ersten Weltkrieg hat sie sich als Vorsitzende der Kriegshilfskommission der Jüdischen Gemeinde um Soldatenfamilien gekümmert und engagierte sich im Jüdischen Frauenbund.

Essen für hungrige Kinder

In ihrer Akte befindet sich ein Schreiben, das Bezug nimmt auf „ihre liebenswürdige Bereitwilligkeit, Kindern der durch den Krieg in Not gekommenen Familien Verpflegung zu gewähren“. Helene Meyer ist 1935 emigriert und so der Vernichtung entkommen. Sabine Hank hat ihren Enkel in Buenos Aires in Argentinien gefunden. So ist sie in den Besitz von vielen Fotos dieser Frau gekommen und erfuhr, dass sie zehn Kinder bekommen hat. 1953 ist sie gestorben.

Die Veröffentlichung beschäftigt sich noch mit zwei weiteren Frauen, die im Reichenheimschen Waisenhaus der Jüdischen Gemeinde aufgewachsen sind und später als Sekretärinnen bei dem bekannten Rabbiner Leo Beck gearbeitet haben. „Kein Mensch beachtet diese Frauen“, sagt Sabine Hank. Das wollte sie ändern.