Die Tauentzienstrasse in der City West. Die Skulptur „Berlin“ von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff wurde 1987 anlässlich der 750-Jahr-Feier aufgestellt.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

BerlinNach der Friedrichstraße in Mitte soll eine weitere Berliner Einkaufsmeile autofrei werden – wenn auch zunächst nur ein paar Stunden. Aus der sechsspurigen Tauentzienstraße in der City West soll ein Fußgängerparadies werden, kündigt das Bündnis Stadt für Menschen an. Das Datum ist bereits bekannt: Es ist der 10. Oktober. Nun wurden weitere Einzelheiten des geplanten Programms mitgeteilt. Die Arbeitsgemeinschaft City, die rund 500 Unternehmen in diesem Teil Berlins vertritt, sieht den Aktionstag allerdings weiterhin mit Skepsis.

„Wir wollen zeigen, wie schön der Tauentzien ist, wenn er den Fußgängern zur Verfügung steht“, so das Bündnis Stadt für Menschen. „Leiser, sicherer, mit mehr Platz und sauberer Luft.“ Mit der Polizei wurde abgestimmt, den Abschnitt zwischen der Nürnberger und der Rankestraße am zweiten Oktober-Sonnabend von 11 bis 14 Uhr zu sperren, hieß es am Wochenende. „Möglicherweise wird der Bereich bis zur Joachimsthaler Straße ausgedehnt“, sagt Matthias Dittmer, der auch als Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Mobilität der Berliner Grünen fungiert.

„Bringen Sie einen Klapp- oder Liegestuhl mit und genießen Sie die Ruhe am Tauentzien“, heißt es in dem Aufruf. „Kommen Sie, und sagen Sie uns, was sie denken.“ Die autofreien Stunden sollen Gelegenheit dazu bieten, über den Stadtverkehr der Gegenwart und Zukunft zu sprechen, sagen die Veranstalter. Um den Meinungsstreit zu symbolisieren, sollen Taue bereitliegen. Denn das Motto heißt: Tauzieh’n am Tauentzien.

Zu den öffentlichen Diskussionen haben sich unter anderem der niederländische Stadtplaner Martin Aarts, der TU-Professor Oliver Schwedes und der Grünen-Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir angekündigt. Angefragt wurden Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) sowie Reinhard Naumann (SPD), Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf. Hans Hagedorn vom Institut für Partizipation will erläutern, wie Kiezblocks nach dem Vorbild Barcelonas verkehrsberuhigt werden könnten.

„Andere Städte haben gezeigt: Auch der Einzelhandel profitiert von flanierenden Fußgängerinnen und Fußgängern“, so das Bündnis. Doch die AG City hält weiterhin Distanz. Zwar habe es inzwischen ein Gespräch gegeben, bestätigt Vorstandsvorsitzender Klaus-Jürgen Meier. „Doch die Botschaft ‚Autos raus‘ ist aus unserer Sicht zu kurz gesprungen.“ Eine solche Einengung sei „nicht zielführend, das löst die Probleme nicht“. Kritisiert wird auch die Polarisierung, die hier zutage trete. Der Arbeitsgemeinschaft sei zudem bewusst, dass die Initiative vor allem von Mitgliedern einer Partei getragen wird – gemeint sind die Grünen.

Wirtschaftsverband regt City-Maut-Zone an

„Natürlich kann man so eine Aktion mal machen“, meint Meier – auch wenn er sie für „Effekthascherei“ hält. Doch es sei eben nur etwas Singuläres. Die Arbeitsgemeinschaft City verweist stattdessen auf die Charta City West 2040, die auf einem Gesamtkonzept basiere. Dieser im Bezirk auf breiter Ebene abgestimmte Masterplan sieht unter anderem vor, den Nahverkehr zu bevorzugen, den Fuß- und Radverkehr zu stärken sowie neuen Mobilitätsformen den Weg zu bereiten.

„Die Mobilität der Zukunft in der City West ist voll vernetzt, digital und emissionsfrei: vielfältige, nachhaltige und flexible Mobilitätslösungen stehen den Menschen in der City West rund um die Uhr zur Verfügung“, heißt es darin. „Ein öffentlicher Nahverkehr neuer Qualität bildet das Rückgrat des Verkehrs und vernetzt die City West mit der Stadt. Private Fahrzeuge sind kaum noch nötig und werden durch C02-frei betriebene und autonom fahrende Schwarmfahrzeuge ersetzt. Durch den radikal abnehmenden Kfz-Verkehr werden Verkehrsflächen frei, die konsequent dem Fuß- und Radverkehr zurückgegeben werden.“ In den Handlungsempfehlungen der Charta wird gefordert, „Rechtsgrundlagen für die Einführung einer City-Maut-Zone“ zu schaffen.

Das Bündnis Stadt für Menschen hatte in der Adventszeit 2018 eine kurzzeitige Sperrung der Friedrichstraße in Mitte organisiert. Dass diese Einkaufsmeile nun testweise bis Ende Januar 2021 für Kraftfahrzeuge nicht mehr befahrbar ist, finden die Mitglieder grundsätzlich gut. Doch Matthias Dittmer hält Kritik, wonach die breite Fahrradtrasse in der Mitte der bisherigen Fahrbahn dem Konzept der Flaniermeile entgegensteht, für nachvollziehbar. „Ich hätte es sinnvoll gefunden, den Radverkehr über parallel verlaufende Straßen zu führen“, sagte er. Sie sollten zu Fahrradstraßen erklärt werden.

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