Die Poller des Anstoßes: Seit August 2019 versperren an drei Stellen im Kiez Barrieren die Durchfahrt.
Foto:  Berliner Zeitung/Bernd Friedel

Berlin-FriedrichshainEin Junge hatte einen Federballschläger mit einem Blatt Papier beklebt. „Die Poller müssen bleiben“, stand darauf. „Immer geht es gegen die Autofahrer“, rief ein Mann erbost. Als am Mittwochabend im Saal der Musikschule Friedrichshain lautstark über die umstrittene Verkehrsberuhigung im Samariterkiez gestritten wurde, trafen Kontrahenten in einem seit Monaten schwelenden Streit aufeinander. Die Karrees nördlich der Frankfurter Allee durchleben gerade, was anderen Wohnvierteln in Berlin noch bevorsteht. Bürger fordern Verkehrsberuhigung, doch wenn die Poller dann stehen, wird heftig darüber gestritten, ob sie sinnvoll sind.

Seit dem vergangenen 13. August zwingen rot-weiße Stahlzylinder an drei Stellen im Samariterkiez Autos zum Abbiegen. Es wäre falsch, sie als lokales Phänomen abzutun, sagte Felix Weisbrich, der seit etwas mehr als einem Jahr das Straßen- und Grünflächenamt Friedrichshain-Kreuzberg leitet. „Sie sind der Beginn eines Umbaus des Berliner Verkehrssystems. Es geht darum, Durchgangsverkehr auf den Hauptstraßen zu konzentrieren.“

Der Bezirk sei berlinweit Vorreiter, erklärte der Behördenchef mit norddeutschem Akzent. Auch im Bergmann- und im Wrangelkiez werde bereits daran gearbeitet, den Verkehr zu beruhigen. Solche Wünsche werden inzwischen auch anderswo laut. In ganz Berlin fordern Bürger, ihre Wohnviertel ebenfalls mit Sperren vor Durchgangsverkehr zu schützen, etwa in Pankow. Immer wieder werden die "Superblocks" in Barcelona angeführt. Mittlerweile halten auch die verkehrspolitischen Sprecher der rot-rot-grünen Fraktion diese Art der Verkehrsberuhigung für ein Vorbild für Berlin.

Beifall für den Amtsleiter

„Durchgangsverkehr gehört nicht in Wohngebiete“, sagte Felix Weisbrich – und erntete Applaus, womit Behördenleiter bei Bürgerversammlungen normalerweise nicht rechnen können. Doch es war bemerkenswert: Was bei der Diskussion im Saal an der Zellestraße deutlich wurde, könnte Politiker und Amtsleute auch anderswo ermutigen, in den Verkehr einzugreifen. Immer wieder meldeten sich Bürger zu Wort und machten klar, dass sie nichts gegen die Poller haben. Als ein Autofahrer die „Verkehrsstilllegung“ beklagte, wurde er laut ausgebuht. Nicht selten sah es so aus, als hielten sich Pollerbefürworter und -gegner im Saal die Waage.

Nicht weniger Kiezbewohner zeigten sich erleichtert, dass das Problem des Durchgangsverkehrs angegangen worden sei. „Früher rasten 7,5-Tonner durch die Pettenkoferstraße, jetzt nicht mehr“, sagte Daniela Augenstein, die mit ihrer Familie im Samariterkiez wohnt, während einer Versammlungspause. Inzwischen wären die negativen Folgen des Autoverkehrs „massiv zurückgegangen“, für Kinder wäre es sicherer geworden. Zwar müsse auch sie mit ihrem Auto jetzt zuweilen Umwege fahren, aber das sei nicht schlimm.  

„Die Poller haben den Kiez gespalten“ – räumlich, aber auch seine Bevölkerung, sagte dagegen Oliver Mummer von der Initiative Verkehr und Vernunft. Die Sperren erzwingen Umwege von bis zu zwei Kilometern und erzeugten Verkehr. Entsorger, Lieferanten und Gewerbebetriebe wären ebenfalls betroffen. Die „Ruhigstellung“ des Kiezes fördere die Gentrifizierung, Mietsteigerungen drohten.

"Die Nullvariante ist keine Option"

Andere Bürger bezweifelten, dass der Autoverkehr im Samariterkiez vorher gefährlich war.  "Wie viele Unfälle mit Kindern gab es denn?" fragte eine Anwohnerin. "2018 waren es null", war die Antwort aus dem Publikum. Ausschlaggebend sei die Unfallstatistik nicht, sagte Felx Weisbrich, der von 76 Kinderunfällen im gesamten Bezirk 2018 gesprochen hatte. Entscheidend sei, ob es eine Gefährdungssituation gab  - was unzweideutig der Fall gewesen sei. Zählungen mit Kennzeichenerfassung hätten einen starken Durchgangsverkehr nachgewiesen. Stellenweise seien stündlich bis zu 400 Pkw durch das Wohnviertel gefahren, gab der Amtsleiter zu bedenken.

Mummers Mitstreiter Christian Muhrbeck forderte eine „Bürgerbeteiligung, die den ganzen Kiez einbezieht“. Zumindest diese Kritik konnte Daniela Augenstein teilen. Die Kommunikation des Bezirks sei schlecht gewesen. Plötzlich waren die Sperren da, das habe viele aufgeregt, sagte sie. 

Der Verkehr sei beruhigt worden, bilanzierte Felix Weisbrich. "Es ist gelungen, den Verkehr auf die Hauptachsen zu lenken" - was zu einer  größeren Belastung der Proskauer Straße geführt habe. Nun gehe es darum, das jetzt umgesetzte Konzept weiter zu verbessern. "Wir sind nur als Verwaltung hier", betonte der Amtsleiter mehrmals, als Fundamentalkritik laut wurde. "Die Beschlusslage der Bezirksverordnetenversammlung gilt", sie habe die Verkehrsberuhigung beschlossen. Nur ein neuer Beschluss des Bezirksparlaments könne dies aufheben.

„Poller weg ist keine Option?“ fragte ein Bürger im Publikum. Genau, hieß es auf dem Podium. "Die Nullvariante ist keine Option." Das war der Moment, in dem weitere Autofahrer den überfüllten Saal wütend verließen.