Wenn Bürger etwas anderes wollen als die Politik, müssen sie nicht nur streitgestählt sein. Sie müssen hartnäckig bleiben, um Mitstreiter werben und sich nicht vor bürokratischen Hürden fürchten. Genau so hat eine Bürgerinitiative am Kreuzberger Fraenkelufer erreicht, dass alle Wahlberechtigten in Friedrichshain-Kreuzberg zur Abstimmung gerufen werden. Am 27. November findet ein Bürgerentscheid statt.

Dabei geht es um die weitere Umgestaltung des Fraenkelufers am Landwehrkanal. Das Bezirksamt will den nördlichen Uferbereich zwischen Prinzenstraße und Admiralstraße sanieren. Der erste Bauabschnitt ist bereits fertig: mit breiten Wegen, auf denen die immer zahlreicher werdenden Radfahrer die Fußgänger nicht stören, mit Zugängen zum Wasser auch für Rollstuhlfahrer und mit neuen Sitzgelegenheiten.

Anwohner: Fraenkelufer soll nicht radikal umgebaut werden

Doch um den zweiten Bauabschnitt, den Bereich zwischen Segitzdamm und Admiralstraße, tobt seit Jahren Streit; dieser ist das Thema beim Bürgerentscheid: Die Anwohner-Initiative will, dass dort nicht radikal umgebaut, sondern nur behutsam nachgebessert wird.

"Wir sind gegen die brachiale Sanierung, weil dadurch vieles kaputt gemacht würde, was hier liebenswert ist", sagt Gisela Bosse. Die 58-Jährige zählt zu den Kritikern der Bezirkspolitik, sie wohnt seit 34 Jahren am Fraenkelufer.

1987 erlebte sie, wie der Architekt Hinrich Baller zur Internationalen Bauausstellung dort mehrere Wohnhäuser gebaut und einige Uferbereiche gestaltet hat. Alles sei damals so angelegt worden, wie die Anwohner es wollten, sagt Bosse.

Romantisches Ufer am Landwehrkanal

Die Anlage am Ufer, die 1846 von Peter Joseph Lenné entworfen und von Baller neu gestaltet wurde, hat etwas Romantisches. Es gibt sanft geschwungene Wege, eine Wiese mit Hügeln und Tälern sowie eine Treppe, die sich kreisförmig in Richtung Ufer windet. Die Anwohner nennen das Gebiet Wiesental, die Treppe heißt Schneckentreppe.

Streitpunkt Schneckentreppe

Weil der Umbau, mit ebenso breiten Wegen und Bänken wie beim ersten Bauabschnitt, mit Granitpflaster statt Tennenbelag, in diese vorhandene Struktur eingreifen würde, opponieren die Anwohner. Ein besonderer Streitpunkt ist die Schneckentreppe. Sie soll nach den Bezirksplänen erhalten bleiben, aber durch eine Rampe aus Beton ergänzt werden Eine Entwertung der märchenhaften Ästhetik, lautet die Kritik.

Vieles haben Gisela Bosse und ihre Mitstreiter versucht, um den Bezirk umzustimmen. Ein Einwohnerantrag im Bezirksparlament gegen die Sanierung fand keine Mehrheit. Dann sammelten sie mehr als 8000 Unterschriften für ein Bürgerbegehren. Doch ein Kompromiss kam nicht zustande. Der grüne Baustadtrat Hans Panhoff sagt, das Ufer müsse zeitgemäß umgestaltet werden, für Radler, Rollstuhlfahrer und Kinderwagen.

Jetzt also der Bürgerentscheid. Damit er erfolgreich wird, müssen sich zehn Prozent aller Wahlberechtigten im Bezirk beteiligen, das sind exakt 20.037 Menschen. Die Mehrheit davon muss dem Anliegen der Bürgerinitiative zustimmen. Wahlberechtigt sind alle Anwohner, die seit drei Monaten im Bezirk wohnen, mindestens 16 Jahre alt sind, auch EU-Bürger können mittun.

Die Initiative ist optimistisch, man erfahre sehr viel Zuspruch, sagt Gisela Bosse. Doch es könnte ein Pyrrhussieg werden: Sollte der Bürgerentscheid erfolgreich sein, bekommt der Bezirk finanzielle Probleme: Denn nur für eine Sanierung gibt es Geld aus Denkmalmitteln. Eine mit 350.000 Euro halb so teure behutsame Instandsetzung, wie von der Initiative verlangt, muss der Bezirk allein bezahlen. Doch dafür ist kein Geld da. Bosse bleibt kompromisslos: "Der Bezirk hat 15 Jahre nichts gemacht am Ufer, jetzt muss er zusehen, wie er klarkommt."