Berlin - Annelies Wachsmann hat die Patenschaft über die Ringelblume übernommen. „Weil die wunderbar leuchtet“, sagt die 78-Jährige. Die frühere Grundschullehrerin hat Samen in ein Töpfchen mit Erde getan, das sie in ihrer Wohnung aufs Fensterbrett gestellt hat. Nun wartet sie darauf, dass sich die ersten grünen Spitzen zeigen. Denn die Ringelblume, die nicht nur schön blüht, sondern auch als Heilpflanze dient, soll schon bald ihren Platz in einer Kräuterspirale finden, neben Petersilie, Schnittlauch, Kerbel und Kapuzinerkresse.

Hochbeete und Kräuterspirale

Die Spirale mit rund drei Metern Durchmesser, dazu ein kleiner Teich, soll Ende des Monats gebaut werden, auf einem Platz hinter dem Oberstufenzentrum Gesundheit an der Tangermünder Straße. Der war lange eine Brache, weil nicht alle Pläne für die Gestaltung des Hellersdorfer Zentrums „Helle Mitte“ realisiert wurden. Müll wurde abgeladen, Passanten nutzten die etwa 4 000 Quadratmeter große Fläche als Abkürzung auf dem Weg zum U-Bahnhof.

Seit dem vergangenen Herbst gibt es dort keinen Unrat mehr – Anwohner haben aufgeräumt, junge Leute aus einem Sozialprojekt und vom benachbarten Jugendclub halfen mit. Sie wollen gemeinsam einen Platz der Begegnung einrichten, mit Dingen, die im Kiez bisher fehlen, und die sie sich wünschen – eine Boulebahn, eine Streetsoccer-Anlage, ein Chill-Bereich mit Hängematten und ein 1 000 Quadratmeter großer Bürgergarten. Ein Spielplatz für Kleinkinder wird bereits an diesem Sonnabend eröffnet.

Der Hellersdorfer Bürgergarten soll funktionieren wie ähnliche Anlagen in anderen Berliner Stadtteilen – gemeinsam wird er angelegt, gemeinsam wird gesät, gepflegt und geerntet. Und doch wird er noch ein wenig anders sein. Denn es wird ein Permakultur-Garten, ein Nutzgarten für die Nachbarschaft mit völlig in sich geschlossenem ökologischen Kreislauf. „Das Konzept setzt auf eine nachhaltige Struktur nach natürlichem Vorbild“, sagt Landschaftsplanerin Christina Werdermann von der Permakultur-Akademie.

Im vergangenen Jahr wurde die Hellersdorfer Garteninitiative dafür mit dem Deutschen Naturschutzpreis ausgezeichnet. Träger des Projektes ist der Verein Kids & Co, auch das Quartiersmanagement Hellersdorfer Promenade und die Alice-Salomon-Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik wirken mit. Das Preisgeld von 54.000 Euro wird für das Herrichten der Fläche genutzt. Der Liegenschaftsfonds hat sie für eine sogenannte Zwischennutzung zur Verfügung gestellt.

Der Spielplatz ist fast fertig, auch die meisten der großen Hochbeete stehen schon. Einige müssen noch zusammengebaut werden, doch Kälte und Schnee der vergangenen Wochen haben den Start in diesjährige Gartensaison erschwert. Wie gut, dass die Workshops, in denen die Hobbygärtner von Fachleuten der Permakultur-Akademie lernen, in einem Klassenzimmer stattfinden. Diesmal geht es um die Kräuterspirale: Wie legt man sie an, welche Pflanzen werden gebraucht, wo ist der beste Lebensraum für diese?

„Ich wühle gern in der Erde“

Christina Werdermann und Jan Fischer, der sich Permakultur-Designer nennt, zeigen per Computer verschiedene Kräuterspiralen. „Immer schön natürlich bleiben“, appelliert Fischer. Plastik als Umhüllung ist verpönt, nicht nur, weil es kein naturnahes Material ist. „Es speichert auch keine Wärme.“ Und diese brauchen schließlich die meisten Pflanzen. Deshalb sollte man Natursteine, auch Ziegel oder Schotter verwenden. Und auf keinen Fall Zwischenräume mit Zement füllen. Auch der Teich am unteren Ende der Spirale ist wichtig fürs Mikroklima – er vergrößert die wärmere Zone für die Pflanzen auf etwa das Zehnfache seiner Fläche, erklärt Werdermann.

Nicht nur Annelies Wachsmann, die in Dresden aufgewachsen ist, lange Jahre in Thüringen wohnte, dort immer einen Garten hatte und im Hellersdorfer Plattenbau nicht mal mehr über einen Balkon verfügt, hört aufmerksam zu. Auch Cornelia Kahl (45), Hausverwalterin aus Hellersdorf, will mehr über ökologisches Gärtnern lernen: „Ich wühle gern in der Erde“, sagt sie. Die Beete im Bürgergarten zu pflegen, wenn sie erst einmal fertig sind, sieht sie als eine schöne Entspannung. „Ich wohne ja auch gleich in der Nähe.“

Das kann Lucas Jost nicht sagen, der 24-Jährige lebt in Neukölln. Der Student der Agrarwissenschaften an der Humboldt-Universität hat durch einen Freund vom Hellersdorfer Projekt gehört. „An der Uni geht es vor allem um herkömmlichen Anbau, Ökologie spielt dort weniger eine Rolle“, sagt er. Deshalb reize es ihn, hier mitzumachen. Auch aus Lichtenberg ist ein Mann gekommen, ein anderer aus Strausberg. Sie wollen sehen, ob sie Ideen für eigene Gartenprojekte nachnutzen können.

Noch aber existiert der Permakultur-Garten nur auf dem Plan, die richtige Gartenzeit beginnt schließlich erst noch. Dennoch, für einige Minuten gibt es schon jetzt die Kräuterspirale. Allerdings nur symbolisch. So wie sie einmal gebaut werden soll, stellen sich die Workshop-Teilnehmer für den Fotografen auf. Alle haben sie Blumentöpfe und Samentütchen bekommen. Denn jeder Mitwirkende ist nun Pate für ein Kraut oder Gewürz, das er selbst heranzieht. Wie Annelies Wachsmann für die Ringelblume.