Bürgerhäuser und Adelspaläste in Berlin: Kann einstige Pracht neu sichtbar werden?

Bis weit in das 19. Jahrhundert hatten Berliner Persönlichkeiten, Minister und andere Staatsdiener sowie  Unternehmer  ihren Wohnsitz im Berliner Stadtkern. Ihre Palais und  Stadthäuser sind heute kaum noch bekannt.

36 Stadtpaläste standen einmal im Stadtkern – im Äußeren vielfach schlicht-elegant,  im Inneren prächtig. Sie lagen an den breiten, vornehmen Straßen, von denen heute keine mehr als solche zu erkennen ist.

Die Geschichte der Abrisse beginnt 1833; das Ende des II. Weltkrieges und die Kämpfe im Stadtzentrum zerstörten die meisten Paläste. Vier wurden in der DDR-Zeit abgebrochen (Wins, Ermeler, Katsch und Splitgerber), fünf sind erhalten (Podewils, Schwerin, Glasenapp, Schönebeck und Happe).

Die große Lösung wäre eine Wiederherstellung

Gerade  gewinnt die Debatte über die Neugestaltung des historischen Stadtkerns Raum:  Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) korrigierte die Verengung  auf die Fläche Rathaus-Marienkirche-Fernsehturm.

Aber was das praktisch für die wertvollsten Orte der Stadt, etwa an Molkenmarkt und Gertraudenstraße bedeutet, liegt im Dunkeln. Wird man über historische Gebäude sprechen? Über die Wiederherstellung von Stadträumen? Oder über Parkplätze und Boccia-Bahnen?

Die sechs hier vorgestellten Palais gehören zur Geschichte. Die große Lösung wäre, sie als Leitbauten ganz oder teilweise wiederherzustellen. Schwierig, aber möglich. Bloße Bodenmarkierungen bewirken erfahrungsgemäß nichts.

Ins kulturelle Gedächtnis geht nur Sichtbares und Dauerhaftes ein. Zuerst aber braucht die Öffentlichkeit Wissen – zum Beispiel durch eine umfassende Ausstellung.
(Alle Angaben basieren auf Texten von Dr. Benedikt Goebel, www.stadtforschung.berlin, und Lutz Mauersberger, www.berlin-mitte-archiv.com)

Patrizierhaus Wins

Die Baugeschichte dieses letzten mittelalterlichen Berliner Profangebäudes liegt  im Dunkeln. Die Wappen Wins und Buchholz auf Gewölbe-Schlusssteinen legen nahe, dass es sich um das Patrizierhaus einer der beiden Familien handelt. Die bekannte  Familie Wins war  zunächst in Frankfurt an der Oder ansässig. Angehörige siedelten nach Berlin und Cölln über, wo sie in die Stadtaristokratie aufstiegen.

Ihr erster Stadtpalast war ein doppelgeschossiges vielfach gewölbtes Steingebäude mit Rauchfang in Hoflage. Es erfuhr mehrere Ergänzungen und Umbauten und verfügte über mehrere Kreuz- und ein Sterngewölbe. Den Zweiten Weltkrieg überstand das Haus wenig beschädigt. Der Magistrat  beschloss am 13. September 1950 den Abriss  – obwohl  Denkmalschützer dessen Wert höher als den des Roten Rathauses einschätzten.

Palais Grumbkow

Der Bauherr, Friedrich Wilhelm von Grumbkow (1678-1739),  aus pommerschem Adel, verbesserte als preußischer Kriegsminister die Verwaltung der Armee und der Städte. Als Minister und schließlich Generalfeldmarschall bewohnte er  das repräsentative Stadthaus in Schlossnähe;  er ließ den Vorgängerbau  modernisieren und erweitern.

Der Berliner Hof versammelte sich hier oft zu Essen und Empfängen. Nach 1815 gelangte das Gebäude an den preußischen Staat, der dort sein  Generalpostamt platzierte. Etwa 60 Jahre später ließ er die Post abreißen und neu bauen. Das berühmte Grumbkow-Portal wurde in den Neubau des Hofpostgebäudes übernommen, sein Verbleib ist seit dessen Abräumung  wegen Kriegszerstörungen um 1950 unbekannt. Auch Farbaufnahmen von Deckengemälden sind verschollen.

Palais Blankenfelde

Die älteste Bauinschrift Berlins am Haus Spandauer Straße 49 berichtet, die  Blankenfeldes, Patrizier dieser Stadt, hätten um 1390 das Haus gebaut und immer prachtvoller gestaltet. 1889 musste  eines der prächtigsten Bürgerhäuser einem Elektrizitätswerk der Berliner Kraft und Licht Gesellschaft (später Bewag, heute Vattenfall) Platz machen.

Beim Abbruch war der Empfangsraum mit dem Kapitell und den vier Terrakotta-Konsolen noch vorhanden. Spolien kamen ins Märkische Museum. Einige der Gewölbe-Konsolen wurden in den Neubau des Märkischen Museums  integriert.

Palais Kreutz

Ehrenreich Bogislav von Kreutz ließ 1716 als Minister das Palais errichten – es sollte für über 20 Jahre das prächtigste Berlins sein: elfachsig, zweieinhalb Stockwerke, ungewöhnlich groß, mit speziell designtem Speisesaal. Der Mittelrisalit der Hauptfront orientierte sich am Lustgartenportal IV des Schlosses.  

1820 kaufte der Staat Preußen das Palais und brachte das Beuth-Thaersche Gewerbeinstitut dort unter. 1887 zog Robert Kochs Hygiene-Institut ein, später kamen Ämter und Museen. Schon in den 1920ern kam der Abriss in den Blick, weil das Palais Verkehrsplaner störte.

Palais Derfflinger

Der Große Kurfürst ehrte seinen Generalfeldmarschall Georg von Derfflinger  mit einem Bauplatz am Köllnischen Fischmarkt. Das dreigeschossige Palais erhielt als Besonderheit eine  Attika  mit sechs Figuren antiker Gottheiten.

Der Statuenbesatz kam hier erstmals in Berlin zur Ausführung – noch bevor das Stadtschloss solches erhielt. Von 1883 an war hier die Handlung Leineweber ansässig, die zum Kaufhaus expandierte.  Die Stiftung Stadtmuseum bewahrt Haustüren und geschnitzte Türfüllungen als letzte Reste.

Palais Splitgerber

Einer der reichsten Kaufleute Berlins, David Splitgerber, erwarb 1735 das  dreigeschossige Stadtpalais mit Garten, welcher sich bis zur Friedrichgracht erstreckte. Es blieb bis ins 20. Jahrhundert Geschäftssitz der expandierenden Firma Splitgerber & Daum, später Sitz der Bankhandlung Gebrüder Schickler.

Wohl kurz nach 1910  erwarb die Deutsche Girozentrale  das Gebäude.  In den kommenden Jahrzehnten erfolgten zwei Anbauten. Das Grundbuch vermerkt für das Jahr 1949 „Eigentum des Volkes“.