Bürgerinitiative "Welcome Refugees" in Berlin : Eberhard Aurich - vom FDJ-Chef zum Ehrenamtler für Flüchtlinge

Mit einem Hallo geht Eberhard Aurich am Pförtner im Flüchtlingsheim an der Salvador-Allende-Straße in Köpenick vorbei. Er trägt eine Jack-Wolfskin-Jacke und Turnschuhe. Der Security-Mann blickt kurz auf und winkt. Er kennt ihn, regelmäßig ist Aurich hier. Aurich, 67 Jahre alt, ist Mitglied der Bürgerinitiative „Welcome Refugees“, die sich im Allende-Viertel um die Flüchtlinge im Heim und das friedliche Miteinander mit den Anwohnern kümmert; die den Menschen aus der Fremde Hilfe anbietet, sei es beim Deutsch lernen oder mit Spenden; oder mit einem Drachenfest, das sie gerade erst für die vielen Kinder im Heim organisiert hat.

Aurich und seine Mitstreiter sind dieser Tage im Wohngebiet sehr gefragt. In der vergangenen Woche hatte Berlins Sozialsenator Mario Czaja überraschend mitgeteilt, dass Berlin sechs Containerdörfer aufstellen lassen wolle, um den vielen Flüchtlingen, die derzeit nach Berlin kommen, Herr zu werden. Eines dieser Containerdörfer soll im Allende-Viertel 2 stehen, nur 500 Meter Luftlinie vom schon bestehenden Flüchtlingsheim entfernt. Seitdem rumort es im Wohngebiet. Diffuse Ängste werden laut.

Heller Anzug und Blauhemd

Schon gleich am Telefon hatte Aurich gesagt: „Ja, ich bin das.“ Er ist damit der Frage zuvorgekommen, ob er wirklich der Eberhard Aurich sei, der in den Achtzigerjahren im hellen Anzug und Blauhemd auf der Tribüne neben Erich Honecker stand. Aurich wurde 1983 der Nachfolger von Egon Krenz als Erster Sekretär des Zentralrats der Freien Deutschen Jugend (FDJ).

Nun läuft er in lässiger Kleiderordnung durch das Flüchtlingsheim, wie so oft in der Woche. Er nickt einer Frau mit Kind freundlich zu und öffnet dann eine Tür. „Der große Saal“, sagt Aurich. Hier hat die Bürgerinitiative schon wenige Tage nach der Ankunft der ersten Flüchtlinge im vorigen Herbst eine Weihnachtsfeier organisiert.

Der Heimleiter kommt vorbei, schüttelt Aurich kurz die Hand. „Alles in Ordnung“, sagt er dann. Es klingt wie Frage und Feststellung zugleich. Eberhard Aurich sagt später auf dem Weg zu der Brache zwischen Kita und Seniorenheim, auf der das Containerdorf errichtet werden soll, dass er sich seit einiger Zeit in seinem Kiez engagiere. Eine Partei gehöre er nicht mehr an. Sein Einsatz für sein Viertel begann mit dem Allende-Denkmal, für das ein neuer Standort gesucht wurde. „So bin ich ins lokale Geschäft geraten“, sagt er. Und dann in die Flüchtlingsinitiative. „Das Allende-Viertel hat in der Beziehung eine gewisse Historie. Hier haben schon einmal Flüchtlinge gewohnt, aus Chile, in den Siebzigerjahren. Daran muss man bei den Bürgern anknüpfen.“

Aurich gestikuliert, wenn er spricht. Das Sächsische ist noch immer zu hören. Obwohl der gebürtige Chemnitzer mit Frau und Sohn schon vor 33 Jahren in das Köpenicker Neubauviertel gezogen ist. Zuerst mit den Schwiegereltern in eine große Wohnung, in der sein Vorgänger Krenz gelebt hat. Jetzt wohnt er in einer kleineren Wohnung mit Blick auf die Allende-Büste. Ab und an telefoniert er noch mit Krenz. Er sagt, er sei mit ihm nicht einer Meinung bei der Frage, warum der Sozialismus untergegangen sei. „Es war eben nicht nur die Wirtschaft oder die Sowjetunion. Es war das System, das den Leuten auf den Keks ging.“ Die Menschen seien nicht mitgenommen worden.

Bauzäune stehen schon

Wie jetzt auch beim Containerdorf. „Das eine Heim akzeptieren die Leute hier. Wir haben bei Protesten keine Gegendemos organisiert, sondern mit ihnen gesprochen. Jetzt läuft es gut“, sagt Aurich. Und er spricht von einer Zwickmühle, in der sich die Bürgerinitiative befinde. Man habe sich in einer Petition gegen den Standort für das Containerdorf ausgesprochen. „Kommen die Flüchtlinge, werden wir ihnen aber natürlich helfen.“ Und damit auf Unverständnis bei den Anwohnern treffen. „Dann wird es heißen, wir wären umgekippt.“

Uli Haas, der Sprecher der Bürgerinitiative „Welcome Refugees“, arbeitet seit einem Jahr mit Aurich zusammen. „Man kann uns Zwillinge nennen. Wir beide verstehen uns sehr gut“, sagt Haas. Vielleicht hänge das auch damit zusammen, dass Aurich mit seiner Rolle als FDJ-Chef heute sehr kritisch umgehe. Haas nennt Aurich den Spiritus Rector der Flüchtlingsunterstützer, der aber nicht Sprecher der Initiative werden wollte. „Er steht lieber im Hintergrund, gerade wegen seiner Vergangenheit“, sagt Haas.

Am Freitag hat die Initiative ihre Petition gegen den Containerdorf-Standort an den Petitionsausschuss übergeben. Ob die Einwände helfen, ist unwahrscheinlich. Seit Donnerstag stehen die Bauzäune.