Berlin - Wer den S-Bahnhof Neukölln in der Nacht an seinem nordöstlichen Zipfel verlassen muss, braucht starke Nerven. Ein etwa 40 Meter langer Weg führt vom Tunnel auf die Saalestraße, das Licht ist schummrig. „Schauen Sie hier“, sagt Jens Demmler und zeigt auf ein Mäuerchen, das den Wegesrand säumt. Dort liegen im Gebüsch die Reste der letzten Drogen-Eskapaden: mehrere Spritzen-Packungen, Nadeln, Alufolie.

Demmler ist Hausverwalter, kümmert sich um Immobilien im Umkreis. „Vergangenes Wochenende fanden wir 80 Obdachlose, die auch Drogen nahmen“, sagt der 40-Jährige. Im Kiez um den S-Bahnhof gibt es Probleme mit Kriminalität. 2012 wurden 795 Straftaten registriert: Diebstähle, Körperverletzungen, Drogendelikte. 2016 waren es schon 977. Die Anwohner sind verzweifelt.

Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) traf sich am Wochenende zu einem nächtlichen Spaziergang mit Innensenator Andreas Geisel (SPD), Demmler und Vertretern der Polizei, um das Gebiet um den Bahnhof zu besichtigen. „Die Leute sitzen hier in den Ecken, konsumieren im Dreck oder offen auf dem Bahnsteig, für Passanten ein unerträglicher Zustand“, sagt Giffey. „Ich fühle mich betroffen von der Armut, der Verschmutzung und der Gleichgültigkeit, die man hier sieht.“

„Wir dürfen nicht kapitulieren“

Nach langer Zeit sollen einige der Probleme nun angepackt werden. Beispiel Bahnhofshalle: Bisher gibt es hier keine Videoüberwachung. Kameras seien laut Bahn nicht vorgesehen, sagt Giffey. Gerade hier wären sie aber hilfreich. 190 Taschendiebstähle gab es 2016 im Gebäude. Videos könnten die Aufklärung unterstützen, sagt auch Polizeioberrat Stefan Kranich.
Verbessert werden soll auch die Beleuchtung rings um den Bahnhof. Sowohl am Ausgang Saalestraße als auch unter der Brücke in der Karl-Marx-Straße sitzen oft Konsumenten.

Seit Monaten ist mehr Polizei unterwegs. „Wir dürfen nicht kapitulieren“, sagt Geisel. „Aber allein mit den Einsätzen ist es nicht getan. Wir brauchen auch eine gute Gesundheitspolitik.“ Nahe dem Bahnhof soll bald ein Beratungsmobil stehen, Sammelbehälter für Spritzen sollen aufgehängt werden.

Ein sauberer Kiez sei aber auch Sache der Bürger, sagt Hausverwalter Demmler. „Neulich sammelte ich an einem Vormittag 17 Nadeln ein, die überall lagen, an Baumscheiben und auf Fensterbrettern.“ Auch Anwohner sollen die Nadeln entsorgen. „Dann können sich Kinder nicht mehr daran verletzen.“