Wer weiß, vielleicht hört man den ein oder anderen Berliner Politiker dieser Tage heimlich seufzen: Ach ja, Christdemokrat müsste man sein. Denn die Christdemokraten haben einen klaren psychologischen Vorteil zurzeit. Sie haben es nämlich hinter sich. Die Kandidatenliste der Union für die Bundestagswahl am 22. September 2013 steht bereits seit November, die Kulturpolitikerin Monika Grütters führt sie an. Die anderen Parteien, die in Berlin gute Aussichten auf Mandate haben, sind noch nicht so weit. Aber sie sind dabei. Noch im laufenden Monat Februar fallen etliche Entscheidung respektive Vorentscheidungen, die die Betroffenen derzeit schwer Nerven kosten.

Am kommenden Sonnabend beginnt es mit den Grünen. Sie wählen auf einer Mitgliederversammlung im Kino Kosmos ihre Landesliste, als Spitzenkandidatin bewirbt sich Renate Künast, aller Voraussicht nach konkurrenzlos. Da die Grünen abwechselnd Frauen und Männer wählen, beginnen bereits ab Platz zwei die Kämpfe der Herren.

Ströbele verzichtet auf Listenplatz

Es wird erwartet, dass sich entweder Özcan Mutlu oder Andreas Otto, beide etablierte Fachpolitiker im Abgeordnetenhaus, durchsetzt. Es kandidieren aber auch die Kulturpolitiker Angelo D’Angelico und Notker Schweikhardt auf diesem Platz, möglicherweise sogar der Ost-Grüne Stefan Ziller, bis 2011 ebenfalls Abgeordneter.

Fakt ist, dass nur einer gewinnen kann – und dass der Rest daher womöglich im Tross zum nächsten Männerplatz (vier) wandert, wo bereits weitere Interessierte warten, etwa Tilo Fuchs, Rechtsreferent der Bundestagsfraktion, oder auch der Jurist Sergey Lagodinsky, der 2011 wegen des eingestellten Parteiausschlussverfahrens gegen Thilo Sarrazin aus der SPD austrat.

Bequemer hat es da die Wirtschaftsexpertin Lisa Paus, seit 2009 im Bundestag, die wohl allein auf Platz drei kandidiert. Um den Frauenplatz fünf streiten Nina Stahr aus Steglitz-Zehlendorf und Paula Riester aus Friedrichshain-Kreuzberg, beide Bezirkspolitikerinnen. Nur Einer ist vom Streit ausgenommen: Hans-Christian Ströbele, der zum vierten Mal in Friedrichshain-Kreuzberg direkt gewählt werden will und auf einen Listenplatz verzichtet.

Gysi mit guten Chancen auf Direktmandat

Nur eine Woche später veranstalten gleich zwei Berliner Parteien ihre Wahlversammlungen: die Linken und die Piraten. Bei Letzteren ist auffällig, dass noch überhaupt nichts klar ist, schon gar nicht, wer Platz eins bekommen wird. Fest steht nur, dass es bei mutmaßlich zwei aussichtsreichen Plätzen jetzt schon 48 Kandidatinnen und Kandidaten gibt, darunter auch zumindest piratenintern Prominente wie die Wirtschaftsexpertin Laura Dornheim, die Genderpolitikerin Miriam Seyffarth oder die Flüchtlingsaktivistin Mareike Peter, bei den Männern etwa der Ex-Landeschef Hartmut Semken, der PR-Mann Enno Lenze oder der Netzfreiheitskämpe Stephan Urbach. Ob es eine Frauen- und Männerquote gibt, entscheidet sich erst am Tag der Wahl.

Die Linke setzt dagegen auf bewährte Namen und wird voraussichtlich mit beinahe derselben Aufstellung wie vor vier Jahren antreten. Spitzenkandidat wird Gregor Gysi, Wahlkreis Treptow-Köpenick, der ja auch das Bundes-Team anführt. Dann folgen Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau aus Marzahn-Hellersdorf, die Ex-Bundesparteichefin Gesine Lötzsch aus Lichtenberg, der Außenpolitiker und frühere Landeschef Stefan Liebich aus Pankow sowie Ex-Bundesvize Halina Wawzyniak.

Vor allem Gysi, Lötzsch und Pau haben gute Chancen auf ein Direktmandat. Bei der FDP wird erwartet, dass der Vize-Fraktionschef im Bundestag, Martin Lindner, die Liste führen will. Mitte März wird gewählt. Auch Lars Lindemann will im Bundestag bleiben, Hoffnungen auf einen vorderen Platz macht sich auch die Bildungspolitikerin Mieke Senftleben, die bis 2011 Landesparlamentarierin war.

Die SPD wählt zwar erst Ende Mai ihre Liste. Unumstritten sind nur die ersten beiden Plätze: Eva Högl aus Mitte, gefolgt von Swen Schulz aus Spandau. Eine interessante Vorentscheidung fällt aber doch schon in diesem Monat, in Pankow. Dort stellt sich spätestens am 23. Februar heraus, ob eine Frau Wahlkreiskandidatin wird.

Sollte sich Leonie Gebers gegen ihre Konkurrenten Klaus Mindrup, Severin Höhmann und Roland Schröder durchsetzen, wäre sie die siebte Frau in zwölf Kreisen. Nehmen die zwölf Direktkandidaten auch die ersten Listenplätze ein, treten erstmals mehr Frauen an als Plätze für sie da sind. Denn vereinbart ist eine 50-Prozent-Quote. Mehr Frauen geht nicht bei der SPD.