Bundestagswahl 2017: Drei Berliner Schriftsteller über Politik und ihr Engagement

An einem Spätsommerabend vor der Wahl kommen drei Schriftsteller ins Haus der Berliner Zeitung, um über Politik, das Land und die Stadt zu reden. Nora Bossong, Aljoscha Brell und Jan Brandt sprechen über die Zeit, in der wir leben. Was bewegt sie? Mischen sie sich als Schriftsteller in die große Politik ein, so wie es Günter Grass einst für Willy Brandt tat? Was sollte sich ändern, was wollen sie bewahren?

Würden Sie eine eigene Partei gründen, welches Thema stünde bei Ihnen vorn? Und welcher Slogan?

Jan Brandt: Die Wohnungspolitik. Ein Jahr lang habe ich eine Wohnung gesucht, 30 angeschaut und bei 20 zugesagt, sie aber nicht gekriegt. Das liegt daran, dass ich Freiberuflicher bin. Am Anfang habe ich noch nach einer Drei-Zimmer-Wohnung gesucht, weil ich den alten Berlin-Mythos im Kopf hatte: große Räume, wenig Miete. Das hat sich grundlegend geändert. Mit der Zeit habe ich gelernt, wie Investoren und Spekulanten mit Wohnraum umgehen. Und was das für diejenigen bedeutet, die in den Wohnungen leben oder eben eine suchen. Die Mietpreisbremse ist praktisch wertlos. Mein Slogan: „Wohnraum für alle. Mitten in der Stadt.“

Nora Bossong: Bei mir wäre es Europa. Wie gehen wir mit den Staaten in der EU um, die nicht mehr die Ideale verfolgen, die ich mit der EU verbinde: Rechtsstaatlichkeit und Demokratie? Wie gehen wir mit der Türkei um? Wie gelingt es uns, eine Balance zu schaffen, diesen Werten treu zu bleiben, ohne dabei das Bild zu stärken, nach dem die Supermacht Deutschland in Europa sagt, wo es langgeht? Slogans fallen mir schwer. Aber wenn, dann: „Mehr Europa wagen.“

Aljoscha Brell: Ich trete Noras Partei bei. Dann sind wir schon zwei. Es gibt einen großen Gap zwischen den sich dramatisch verschärfenden globalen Themen und der innenpolitischen Selbstbeschränkung des Wahlkampfes. In allen Wahlprogrammen findet Europa erst ganz am Ende statt, pflichtschuldig.

Nora Bossong: Dabei hat das doch im französischen Wahlkampf sehr gut funktioniert. Macron hat gewagt und gewonnen. Selbst FDP-Chef Christian Lindner, der sich gerne mit Macron vergleicht, hat das nicht als Thema vorne.

Aljoscha Brell: Und nicht einmal der langjährige Europapolitiker Schulz. Von ihm hätte ich mir dazu viel, viel mehr erwartet.

Nora Bossong: Und wo sind die Grünen? Die könnten doch gerade jetzt eigentlich die Europa-Partei sein. Stattdessen: Klein-Klein.

Da Sie mit der Gründung eigener Parteien für diese Wahl zu spät dran sind: Engagieren Sie sich sonst im Wahlkampf?

Jan Brandt: Nein. Anfang des Jahres, muss ich gestehen, war mein Drang, mich politisch zu engagieren, noch viel stärker aufgrund der Angst, dass Europa durch die Wahl in Frankreich komplett fällt. Hätte Le Pen gewonnen, wäre ich stärker im Zugzwang gewesen. Aber schon damals überwog meine Angst, zu viel Kraft zu verlieren, wenn ich mich einer Partei anschließen würde. Da sehe ich jetzt auch nicht meine Aufgabe als Schriftsteller. Etwas anderes ist es, sich intellektuell oder publizistisch zu engagieren.

Und tun Sie das?

Jan Brandt: Nein, nicht wirklich.

Aljoscha Brell: Wir machen alle schauderhaft wenig. Und das ist bezeichnend. In meinem Umfeld äußern sich die wenigsten politisch oder engagieren sich gar. Wahlkampf findet als Thema so gut wie nicht statt. Das liegt daran, dass wir im Grunde den gegenwärtigen Status erhalten wollen, weil er für uns gar nicht so schlecht ist. Wir sind eine Generation von Leuten, die einen sehr konservativen Impuls haben. Eigentlich wollen wir die Verhältnisse im Wesentlichen so bewahren. Es gibt ja in meiner unmittelbaren Lebenswirklichkeit nichts, wo ich sagen würde, dagegen müsste ich Opposition machen.

Jan Brandt: Dieses konservative Element, dass du so herausstreichst, teile ich überhaupt nicht. Es gibt viel, was ich ändern möchte, nicht nur in der Wohnungspolitik. Einwanderung, Infrastruktur, Arbeitsmarkt, Massentierhaltung, Waffenexporte. Es gibt genug, was anzugehen wäre und durch diesen Konsens erstickt wird.

Aljoscha Brell: Wenn es diese großen Fragen gibt, die die herrschende Politik unbefriedigend beantwortet: Warum treten wir nicht in eine Partei ein?

Nora Bossong: Welchen Spielraum bietet mir eine Partei, wenn ich dort eintrete? Und trete ich in eine etablierte Partei ein oder in eine der neu gegründeten kleinen wie „Demokratie in Bewegung“. Dort könnte ich vielleicht schnell etwas bewegen, aber was kann diese Partei selbst bewegen? Außer dass sie einen Diskurs über Demokratie ins Laufen bringt – was ja schon mal etwas sehr Begrüßenswertes ist. Ist es da nicht sinnvoller, die Strukturen zu nutzen, die ohnehin schon vorhanden sind? Das Problem von Schriftstellern ist natürlich, dass wir zumindest in einem gewissen Rahmen öffentliche Personen sind und damit leicht vereinnahmt werden.

Dem könnten Sie entgegenwirken, indem Sie Verantwortung in der Partei übernehmen und sich zum Beispiel um eine Kandidatur für den Bundestag bemühen.

Nora Bossong: Für dieses Jahr bin ich dafür wohl etwas spät dran, und ich fühle mich auch in der Beobachterrolle ganz gut aufgehoben. Aber wer weiß, kategorisch würde ich so etwas nicht ausschließen, denn ich finde die Idee, politische Verantwortung zu übernehmen, grundsätzlich richtig, in welcher Form auch immer. Allerdings ist es das eine, über Politik nachzudenken, sie zu beschreiben und zu analysieren. Politik zu machen, das andere.

Aljoscha Brell: Bei mir ist es so, dass es keine Partei gibt, die mir nicht irgendwo ein Stück nahe ist: Ich habe konservative Positionen, sozialdemokratische, liberale und mit Sicherheit auch linke. Ich empfinde es für mich als ganz schwierig, diese Parteien immer als politische Pakete vorgesetzt zu bekommen. Ich würde mir lieber aus den verschiedenen Paketen etwas herauspicken, selbst zusammenstellen.

Jan Brandt: Wenn man schon in eine Partei eintritt, dann in eine, der man nicht nahesteht, um dort wirklich etwas verändern zu können.

Wenn das schon mit dem Parteieintritt nicht funktioniert, warum engagieren Sie sich nicht mit den Ihnen eigenen Fähigkeiten. Im Sommer 1965 ist Günter Grass – damals noch auf eigene Faust – bei 55 immer gut besuchten Veranstaltungen in der Bundesrepublik aufgetreten.

Jan Brandt: Danach ist Grass als Autor völlig gescheitert. Die „Danziger Trilogie“ lag vor seinem politischen Engagement. Später hat er nur noch Murks geschrieben. Wenn man sich politisch voll reinhängt, geht das eben auch zulasten der literarischen Qualität.

Aljoscha Brell: Das ist ein Risiko, das wir eingehen müssten, wenn es uns ernst mit unseren Ansprüchen ist.

Nora Bossong: Grass hat doch keine schlechten Romane geschrieben, weil er für die SPD auf der Wahlkampf-Bühne gestanden hat. Der relevante Unterschied zur heutigen Zeit liegt darin, dass Grass nicht nur für die SPD, sondern mit Vehemenz auch gegen eine CDU angetreten ist, die es heute so nicht mehr gibt. Wir drei könnten uns sicher darauf verständigen, gegen die AfD Wahlkampf zu machen, aber ist die CDU momentan wirklich unser großer Gegner? Die klare Gegnerschaft, die übersichtliche Parteienlandschaft aus CDU/CSU und SPD, dazwischen die FDP, gibt es heute ja nicht mehr. CDU, SPD, FDP und Grüne haben heute längst nicht mehr ein so großes antagonistisches Potenzial.

Aljoscha Brell: Weil es bei den Themen, die uns bewegen sollten, jedenfalls auf dem Papier keine signifikanten Unterschiede zwischen CDU, SPD, Grünen und FDP gibt, verstärkt sich bei vielen von uns das Gefühl: Egal, was wir tun, es verändert sich am Ende des Tages nichts. Das ist natürlich ein Stück weit eine Ausrede, eine wohlfeile Position.

Jan Brandt: Aber es stimmt doch: Politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich wird sich überhaupt nichts verändern. Ob Merkel Kanzlerin bleibt oder Martin Schulz es wird. Beide verkörpern in ihrer Haltung das Gleiche. Eigentlich könnten SPD und CDU fusionieren.

Nora Bossong: Das sollten sie lieber nicht tun. Sowohl Jans Sorge, bei einem politischen Engagement schlechtere Romane zu schreiben, wie Aljoschas Furcht, nichts bewirken zu können, sind doch Scheinargumente. Das Gefühl, die eigene Stimme habe zu wenig Gewicht, ist ja nicht neu, aber die Konsequenz kann doch nicht sein, sich schulterzuckend abzuwenden. Auch das Mantra vom postdemokratischen Zeitalter halte ich für nicht ungefährlich, weil wir uns selber in eine Ohnmachts-Situation hineinreden. Letztlich bedeutet es, die demokratischen Prozesse komplett infrage zu stellen. Und das halte ich für falsch. Das sind ja genau die Behauptungen, mit denen von radikaler Seite gearbeitet wird: Die Fäden würden von unsichtbaren Kräften im Himmel oder in den Chefetagen gezogen. Der Slogan „Merkel muss weg“ kommt doch heute nicht von links, sondern von rechtsaußen.

Sie beherrschen das Wort. Warum setzen Sie es nicht stärker für politische Themen ein?

Aljoscha Brell: Ich bin mit Brecht in der Schule aufgewachsen, mit klaren Antworten. Solche Antworten gibt es nicht mehr, dafür sind die politischen Verhältnisse zu komplex. Allerdings entbindet mich das nicht, etwas zu sagen oder zu tun.

Nora Bossong: Antworten wir oder fragen wir? Letzteres liegt mir näher. Literatur ist ja keine Wahlkampfrede. Es geht darum, Fragen neu zu stellen. Ich äußere mich immer wieder politisch, mal in Artikeln, mal in Essays, auch in den Romanen geht es um gesellschaftliche und politische Fragen. Mit Appellen hadere ich, da sie leicht ins Pädagogisierende kippen können. Um noch einmal auf Grass zu kommen: Ich glaube nicht, dass ein Anspruch auf solche Deutungshoheit noch in unsere Zeit passt.

Jan Brandt: Literatur entzieht sich einer klaren Deutung und braucht das Diffuse. Gesellschaftspolitisches Engagement, auch das publizistische, tendiert in die Richtung, klare Antworten zu haben oder zu finden. Dazu kommt, dass du als Schriftsteller immer eine Einzelperson bist. Du sprichst immer nur für dich selbst. Aber wenn du politisch wirst, musst du in einem größeren Zusammenhang aufgehen, zum Beispiel in einer Partei, um dich wirksam engagieren zu können. Das liegt mir gar nicht. Ich möchte nicht Mitglied eines Vereins werden.

Nora Bossong: Du meinst, unser Einzelgängertum steht dem entgegen.

Sie sind Schriftsteller. Könnten Sie die Figur eines Politikers mit Sympathie zeichnen?

Nora Bossong: Auf jeden Fall.

Jan Brandt: Sympathie? Für mich stellt sich die Frage, ob ich überhaupt Figuren zeichne, die sympathisch sind. Wenn ihr zum Beispiel Trump nehmt, der lässt sich ja nicht erfinden. Der ist ja so krass, dass man denkt, das gibt es gar nicht.

Nora Bossong: Er hat „House of Cards“ überholt.

Jan Brandt: Trump ist eine Karikatur seiner selbst. Aber ich habe mich schon gefragt, was das Narrativ der Ära Merkel ist. Ob es überhaupt Geschichten gäbe, die sich zu erzählen lohnten. Oder Figuren, die da vielleicht im Hintergrund agieren. Ausreichend Stoff ist ja da. Karl-Theodor zu Guttenberg. Oder Christian Wulff. Aber dann auch so etwas wie – das wäre der große Gesellschaftsroman – der Autoskandal, wo man nicht so sehr von den Figuren, sondern vom Auto her erzählen würde, einen Roman vom Gegenstand her aufzieht. Das Auto als Held der Geschichte.

Nora Bossong: Vor ein paar Jahren habe ich einen Roman über Antonio Gramsci, den Mitbegründer der italienischen Kommunisten, geschrieben, der Intellektueller und Politiker war. Würde ich über die heutige Politik schreiben, wäre mir daran gelegen, ein solches Stück nicht in totalen Zynismus abdriften zu lassen. Denn das ist ja das, womit wir es zu tun haben, dem Vorwurf, Politiker seien alle korrupt und die böseren Menschen. Umgekehrt dürfte es natürlich auch keine Verkitschung werden, ein Bundestag, in dem nur Engel herumfliegen. Die Herausforderung wäre, eine kluge Balance zwischen Zynismus und Idealismus zu finden.

Aljoscha Brell: Für mich wäre die Herausforderung, irgendeine Form von Empathie für Politiker zu entwickeln. Es fällt mir wahnsinnig schwer, die Person hinter Angela Merkel oder Martin Schulz wahrzunehmen. Ich fühle, dass mir der Zugang dazu fehlt. Ich stelle mir vor, dass Politiker eine große Hilflosigkeit fühlen müssten. Ob das so ist, weiß ich nicht.

Jan Brandt: Ich bezweifle, dass sich Personen der Zeitgeschichte als Romanhelden eignen, weil die Faktizität die Fiktion vollkommen überlagert. Die taugen nur als Randfiguren. Als Helden brauchst du andere, um eine Geschichte erzählen zu können. Wenn ich da einen Vergleich finden müsste, ist es die Trilogie des deutschen Herbstes von F.C. Delius, in der die „kleinen“ Leute eine große Rolle spielen, die am Rand stehen und doch mittendrin sind, als Passagierin in der entführten „Landshut“ oder als Pressereferent von Hanns Martin Schleyer.

In wenigen Tagen wählen wir und kehren am Wahlsonntag zurück in die Vergangenheit mit ihren Urnen, Schulbänken und Zetteln. Mancherorts wird noch der Anzug angezogen. Das strahlt doch eine Unveränderbarkeit aus, die nicht digital, aber auch nicht bürgerlich ist, sondern durch Sperrholzcharme besticht.

Nora Bossong: Gerade das gefällt mir, weil es nicht auf Glamour und Event ausgerichtet ist.

Jan Brandt: Der Wahlzettel, den man ausklappen muss, wird immer länger und unübersichtlicher, was die Positionen angeht. Das ist ein Ausdruck großer Sinnlosigkeit, weil die meisten Parteien gar nicht in den Bundestag kommen werden. Aber der Charme, bei jeder Wahl die Rückkehr in die alte Schulzeit noch einmal erleben zu können, das hat fast etwas Religiöses, wie ein Kirchgang alle vier Jahre.

Aljoscha Brell: In diesem total analogen Akt äußert sich die Resilienz der Demokratie gegen die Hektik unserer Zeit. Darum mag ich Wahlen. Eine gewisse Feierlichkeit des Wahlaktes wirkt in mir nach.