Dass die Berliner so ganz anders wählen als der durchschnittliche Rest der Republik, hat sich wieder einmal bestätigt. Die CDU wurde zwar mit klarem Abstand zur SPD stärkste Kraft und konnte deutlich hinzugewinnen. Von ihrem Triumph auf Bundesebene sind die Christdemokraten in der Hauptstadt aber weit entfernt. Über zehn Prozentpunkte weniger als die Union insgesamt – an diesem enormen Abstand bei den Zweitstimmen hat sich seit der letzten Bundestagswahl 2009 kaum etwas geändert. Und das, obwohl die Berliner CDU inzwischen im Senat mitregiert.

Der Landesvorsitzende und Innensenator Frank Henkel freute sich dennoch, vor allem natürlich über den Erfolg der Bundeskanzlerin. „Das ist ein grandioser Sieg für die Union und für Angela Merkel“, jubilierte Henkel. Dieser Sieg dürfte der CDU auch auf Landesebene neues Selbstbewusstsein geben. Für Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und seine Partei jedenfalls könnte es ungemütlicher werden. Die SPD legte zwar ebenfalls zu, doch weniger deutlich als die CDU.

Wie vor vier Jahren schnitten auch die Sozialdemokraten schlechter ab als ihre Genossen auf Bundesebene. Dennoch war in der Partei am Abend eine gewisse Erleichterung zu verspüren. Denn ganz so schlimm, wie es nach den geplatzen rot-grünen Koalitionsgesprächen auf Landesebene, nach dem Eintritt in die ungeliebte große Koalition mit der CDU und dem Flughafendebakel von vielen befürchtet wurde, kam es nicht. Noch vor wenigen Wochen hatte ein Meinungsforschungsinstitut der SPD in Berlin ein Ergebnis von unter 20 Prozent vorhergesagt.

Zuwachs über Durchschnitt

Der Landesvorsitzende Jan Stöß versuchte dann auch, die für ihn positive Seite des Wahlabends hervorzuheben. „Dass wir bei dem schwierigen Ergebnis im Bund knapp fünf Prozent zulegen konnten, ist immerhin ein Achtungserfolg“, sagte er. Die Zuwächse der Berliner SPD lägen deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Die wichtigsten Themen der SPD – soziale Gerechtigkeit, Arbeit, sichere Renten und Mieten – hätten die Menschen im Wahlkampf bewegt. „Für diesen Kurs der sozialen Gerechtigkeit werden wir auch weiter kämpfen“, sagte Stöß.

Als Gewinner fühlten sich auch die Linken, obwohl sie landesweit knapp unter die 20-Prozent-Marke rutschten. Parteichef Klaus Lederer hatte aber offenbar ein schlechteres Ergebnis befürchtet, anders ist seine Reaktion am Abend nicht zu erklären. „Großartig, ich bin gerade sehr begeistert“, freute er sich. Es habe sich als richtig erwiesen, nicht allein auf einen Sieg der Direktkandidaten in den östlichen Wahlkreisen zu setzen, sondern die Zweistimmen in ganz Berlin nicht aus den Augen zu verlieren und die Linke als Partei für die gesamte Stadt zu positionieren. Auf diesem Wege habe die Linke im Westteil zulegen können, sagte Leder, „was mich ganz besonders freut“. Im Ostteil hingegen rutschte die Linke unter 30 Prozent, vor vier Jahren hatte sie dort noch knapp 38 Prozent erzielt.

Die übrigen Parteien mussten zum Teil erhebliche Verluste hinnehmen. Die FDP stürzte regelrecht ab und verpasste die Fünf-Prozent-Hürde deutlich. 2009 hatten die Liberalen in Berlin noch 11,5 Prozent erzielt. Dass sie an diesen Erfolg nicht würden anknüpfen können, war aber schon seit der Abgeordnetenhauswahl 2011 so gut wie sicher. Damals hatte die FDP klar den Einzug ins Landesparlament verfehlt und sich in den Umfragen seither nicht mehr erholt.

Aber auch die Grünen konnten in ihrer Hochburg Berlin das gute Ergebnis von vor vier Jahren nicht einmal annähernd erreichen. Landeschef Daniel Wesener sprach deshalb auch von einer herben Enttäuschung. Die Grünen hätten es nicht geschafft, mit ihren Themen ausreichend zu punkten. „Das war ein außerordentlich harter Wahlkampf. Einigen Attacken hatten wir Grüne zu wenig entgegenzusetzen. Beides muss uns viel zu denken geben“, sagte Wesener mit Blick auf die Bundespartei.

Aber auch das Berliner Ergebnis beschönigte der Landesvorsitzende nicht. „Alles riecht nach einer Großen Koalition. Das ist bitter, wenn man bedenkt, das Rot-Schwarz in Berlin bislang nur Streit, Skandale und politischen Stillstand produziert hat.“ Zugleich machte Wesener deutlich, dass er den Energie-Volksentscheid am 3. November als eine Art Cance zur Wiedergutmachung betrachtet. „Wir Grüne starten ab heute unsere Kampagne für ein Klimastadtwerk und Netze in Bürgerhand. Wir wollen die rot-schwarze Blockade der Berliner Energiewende brechen“, sagte der Grünen-Chef.

Als besonders bitter bezeichnete Wesener das Abschneiden der Alternative für Deutschland (AfD), die auch in Berlin ein beachtliches Ergebnis erzielte. „Der Erfolg von Gegnern der europäischen Integration, die auch rechtspopulistische Töne nicht scheuen, sollte uns alle besorgt machen.“ Die anderen Parteien, auch die Grünen, müssten gerade in Krisenzeiten besser erklären, warum die Zukunft der Bundesrepublik in Europa liege.

Fraktionschefin Ramona Pop reagierte ebenfalls enttäuscht. „Wir haben viel Unterstützung verloren, viele Wähler verloren“, sagte sie. Die Grünen hätten im Wahlkampf ihre Themen nicht gesetzt, „daraus müssen nun Schlüsse und Konsequenzen gezogen werden“.

CDU-Erfolg in Brandenburg

Im seit dem Mauerfall SPD-regierten Brandenburg zeichnete sich am späten Abend ein Erdrutsch zu Gunsten der CDU ab. Erstmals überhaupt schienen die Christdemokraten fast alle Bundestagswahlkreise direkt zu gewinnen. Allein im Wahlkreis 60, den 2009 noch der bisherige SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier klar gewonnen hatte, kam es zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU-Kandidatin Andrea Voßhof. Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe lag Steinmeier hauchdünn vorn.

Auch bei den Zweitstimmenergebnissen verschoben sich die Kräfteverhältnisse im rot-rot regierten Brandenburg radikal zu Gunsten der CDU. Die Christdemokraten gingen klar als stärkste Kraft aus der Wahl hervor, sie konnten mehr als zehn Prozentpunkte zulegen. Vor vier Jahren war die CDU mit 23,6 Prozent nur auf den dritten Platz gekommen. SPD und Linke lagen mit etwas über 20 Prozent der Stimmen praktisch gleich auf.

Der brandenburgische CDU-Vorsitzende Michael Schierack sprach von einem historischen Ergebnis. „Das ist ein klarer Sieg für den Kurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel“, sagte er.