Im Aufarbeiten von misslungenen Wahlen haben die Berliner Grünen Übung. Der Stapel der Analysepapiere, warum die Partei mit Renate Künast an der Spitze 2011 den Sturm aufs rote Rathaus vermasselt hatte, umfasste mehr Seiten als das nicht gerade dünne Wahlprogramm. Damals hatte man immerhin noch an Prozenten zugelegt, blieb aber weit hinter der eigenen Erwartung zurück, Klaus Wowereit ablösen zu können.

Diesmal ist ein Verlust von rund fünf Prozentpunkten zu beklagen, in der grünen Hochburg Friedrichshain-Kreuzberg sogar über sechs Prozentpunkte. Und das, obwohl die Berliner Grünen den Wählern aus ihrer Sicht besonders anschaulich die Nachteile einer Großen Koalition im Bund hätten nahebringen können, gegen die sie auf Landesebene in Berlin opponieren. Dass man sich bundesweit eine Niederlage eingehandelt habe, „da muss man nicht drumherum reden“, sagt Grünen-Parteichef Daniel Wesener.

Woran lag es? Wesener (37) glaubt nicht, dass es das falsche Programm war, sondern dass richtige Themen wie die Energiewende oder die Steuergerechtigkeit durch schlechte Kommunikation bei vielen Wählern falsch ankamen: Die Gerechtigkeitsfrage sei bei der grünen Klientel, soweit sie gut verdient, oft nur als Steuererhöhungsdrohung angekommen. Von der Energiewende sei oft nur die Strompreiserhöhung wahrgenommen worden und der fleischlose Veggie-Day sei nicht als Kritik an der Massentierhaltung, sondern als Bevormundung des Verbrauchers aufgefasst worden. Dies sei zudem, wie die Pädophilen-Debatte, vom politischen Gegner in Kampagnen aufgriffen worden, wogegen die Grünen kein Konzept gehabt hätten. „Es war der härteste Wahlkampf, den ich erlebt habe“, sagt Wesener, fügt aber hinzu: „Nicht die anderen sind schuld, diese Niederlage haben wir Grünen selber verbockt“.

Hat das womöglich auch etwas mit der Arbeit der Berliner Grünen zu tun? Fraktionschefin Ramona Pop sieht das Problem vor allem bei der Bundespartei, die sich nicht in derselben Themenbreite wie die Berliner Grünen aufgestellt habe. Die Wähler in Berlin wüssten sehr wohl zu unterscheiden zwischen Bundes- und Landespolitik sagt sie und verweist als Indiz auf die Beliebtheitsskala des Forsa-Instituts. Sie wird derzeit von Ramona Pop angeführt. Auch ihre Kollegin Antje Kapek weist auf die Unterschiede zur Bundespartei hin. In der Berliner Grünen-Fraktion sei anders als im Bundestag der Generationswechsel bereits vollzogen worden, es gebe eine gute Mischung aus erfahrenen Abgeordneten und jungen Nachwuchskräften. Man konzentriere sich in Berlin an den Themenschwerpunkten, die die Menschen interessierten: Wohnen und Mieten, Bildung, Rekommunalisierung und Erhalt der maroden Infrastruktur der Hauptstadt.

Kreuzberg ist errötet

Gegen diese These spricht , dass ein fachlich anerkannter grüner Direktkandidat wie Andreas Otto, der die virulenten Themen Mieten und BER-Desaster vertritt, in seinem Wahlkreis Pankow weit unter den Erwartungen blieb. Dagegen spricht auch, dass die Grünen in ihrem Stammwahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg ihre Führungsrolle eingebüßt haben. Das grüne Kreuzberg ist errötet (siehe Graphik). Die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann sieht als Ursache dafür ebenfalls hauptsächlich den Bundestrend. „Vor allem unser Vorschlag einer Reichensteuer hat bei unseren Wählern eingeschlagen wie eine Bombe“ , sagt Herrmann.

Was kann sie in ihrem Bezirk tun, um die verlorenen Wähler zurückzugewinnen? „Wir wollen zum Beispiel unsere Politik weg vom Auto, hin zum Fahrrad fortsetzen“, sagt Herrmann. Mehr Radwege seien geplant, aber ihr Bau müsse noch schneller gehen.

Diese praktische Politikansatz löst aber nicht das grundsätzliche strategische Koalitionsproblem, Die Grünen-Wähler sind in dieser Frage nicht eindeutig. In Berlin nahmen sie Renate Künast bei der Abgeordnetenhauswahl 2011 übel, dass sie anfangs auch eine schwarz-grüne Koalition ins Kalkül zog. Bei der jetzigen Wahl wurde die beinharte Festlegung der Bundesgrünen auf Rot-Grün aber offensichtlich auch nicht vom Publikum goutiert. Vorläufiges Fazit eines führenden Berliner Grünen: „Unsere Lage ist schwierig“.