Darf der smarte Hauptmann Jan Carnitzki in seiner dunkelblauen Luftwaffenuniform mit den gelblichen Kragenspiegeln überhaupt hier sein an diesem Mittwochmorgen? In einem Kursraum vor fast 20 Oberstufenschülern des Barnim-Gymnasiums in Falkenberg? Seit der SPD-Landesparteitag Ende März beschlossen hatte, dass militärische Organisationen nicht an Schulen werben dürfen, wird darüber deutschlandweit debattiert. Viel Schelte hatte die Landes-SPD für diesen Beschluss erhalten, auch von Parteifreunden aus der Bundespolitik.

Jugendoffizier Jan Carnitzki kam durch die Wehrpflicht zur Bundeswehr

Für Jan Carnitzki, 34 Jahre jung und Jugendoffizier der Bundeswehr, stellt sich diese Frage so gar nicht. „Die Karriereberater der Bundeswehr haben das Ziel, Personal für die Bundeswehr zu gewinnen“, erklärt er routiniert. Die vier Berliner Jugendoffiziere hingegen würden von einzelnen Schulen eingeladen, um allgemein über die Sicherheitspolitik und die Bundeswehr zu informieren. Ähnlich hatte es auch Innensenator Andreas Geisel (SPD) vor einigen Tagen formuliert, um die Debatte wieder einzufangen.

Doch interessant ist zu beobachten, wie Jan Carnitzki während seines fast eineinhalbstündigen Gastauftrittes im Politik-Leistungskurs vorgeht und wie er auf die Elftklässler wirkt. Zunächst stellt sich der rhetorisch an der Strausberger Bundeswehr-Akademie für Information und Kommunikation geschulte Hauptmann vor. Er erzählt, dass er am Rathenau-Gymnasium in Grunewald Abitur gemacht hat und danach zunächst als Wehrpflichtiger zu Bundeswehr kam. „Damals musste man als Mann ab einem gewissen Alter zur Bundeswehr gehen“, erklärt er den Schülern die längst ausgesetzte Wehrpflicht. Das sei damals sehr interessant gewesen, weil man in der Kaserne junge Männer unterschiedlichster Herkunft kennengelernt habe. „Teilweise aus höheren Schichten aber auch direkt aus dem Jugendgefängnis.“

Carnitzki spricht auch über Bundeswehr-Einsätze im Inland

Morgens um 4.45 Uhr hätten alle aufstehen müssen, gemeinsam sei man marschiert, habe schießen gelernt. Beruflich habe er ohnehin Interesse an der Flugsicherung gehabt – und bei der Bundeswehr habe er eine Ausbildung zum Fluglotsen machen können. „Zehn Jahre lang habe ich dann den Luftraum zwischen Berlin und Leipzig überwacht.“ Alle Stationen seines bisherigen Berufslebens hat er mit einem Beamer an die Leinwand geworfen. Jetzt ist Afghanistan dran. „In Masar-e Scharif habe ich drei Monate lang afghanische Fluglotsen ausgebildet“, erzählt er dann. „Zusammen mit zwei Belgiern und einem Schweden.“ Er deutet auf ein Foto der internationalen Ausbilder-Crew. „Spannende Zeit“, sagt er. Es klingt abenteuerlich. Er sei aber froh, dass die Zeit vorbei ist. Die Schüler hören ihm sehr interessiert zu.

Nach diesem persönlichen Auftakt kommt Carnitzki auf sein eigentliches Unterrichtsthema zu sprechen. Es geht darum, inwieweit das Grundgesetz auch Bundeswehr-Einsätze im Inneren zulässt. Zunächst spricht der Hauptmann über das Entstehen des Grundgesetzes – und wie es aufgebaut ist. Irgendwann wird deutlich, dass die Bundeswehr eine Parlamentsarmee ist. Das heißt: Abgeordnete müssen militärischen Einsätzen zustimmen.

Politik-Lehrerin lud Bundeswehr an das Barnim-Gymnasium ein

Carnitzki spricht gestenreich und bezieht die Schüler immer wieder ein. Er erläutert, dass die Bundeswehr im Inneren in Katastrophensituationen etwa bei Hochwasser eingesetzt werden könne oder auch wenn es einen inneren Notstand gebe. Aber darf die Bundeswehr auch zur Terrorismusbekämpfung innerhalb Deutschlands eingesetzt werden?, fragt er dann. Dazu erscheinen vorne Bilder des brennenden World Trade Center in New York. Dann folgt das Beispiel eines Flugzeugs, das in Deutschland von Terroristen entführt wird, um es als zerstörerische Waffe zu benutzen. Carnitzki verwendet dafür den englischen Begriff renegade. Anders als in den USA und Großbritannien könne die deutsche Luftwaffe das Flugzeug nicht einfach abschießen. Wieso nicht? „Weil die Würde des Menschen unantastbares Grundrecht ist“, sagt eine Schülerin. „Und weil man kein Menschenleben gegen ein anderes aufwiegen darf“, sagt eine andere. Es wird diskutiert. Hauptmann Carnitzki verweist auf den höchstrichterlichen Beschluss, wonach höchstens das Bundeskabinett einen Abschuss beschließen könnte.

Eingeladen hat den Hauptmann und einen weiteren Jugendoffizier die Politik-Lehrerin Janina Karmoll. „Für mich ist das keine Werbeveranstaltung, sondern eine sachlich fundierte Einführung in das Thema Grundrechte“, sagt die Lehrerin. Generell baue sie auf die Kritikfähigkeit ihrer Schüler. Aus ihrer Sicht betreiben nur die Karriereberater der Bundeswehr tatsächlich Werbung für die Armee. Diese nehmen allerdings in Berlin auch häufig an Jobmessen für Oberstufenschüler teil.

Schüler können Jan Carnitzki auch Fragen zur Bundeswehr stellen

„Wir verweisen auch mal an sie“, sagt Hans Wachtel, der zweite anwesende Jugendoffizier. Ohnehin hat die Bundeswehr ihren Werbeetat nach der Aussetzung der Wehrpflicht deutlich erhöht. Allein im vergangenen Jahr bekamen deutschlandweit 740.000 Jugendliche, die im Jahr darauf volljährig werden, Post von der Bundeswehr an ihre Privatadresse, wie ein Bundeswehr-Sprecher in Köln der Berliner Zeitung mitteilte. Die Postkarte enthielt Informationen zum Arbeitgeber Bundeswehr, Dafür übermittelten die Meldebehörden der Bundeswehr Familienname, Vorname und Anschrift.

In Schulen gilt nach Auffassung der Bildungsverwaltung der Beutelsbacher Konsens, wonach Schüler kontrovers und ausgewogen informiert werden müssen.

Nach seinem Vortrag dürfen die Schüler Fragen an Hauptmann Carnitzki stellen. Es geht um die schlechte Ausrüstung oder die Folgen des Brexit. Die Frage, ob Afghanistan aus seiner Sicht ein sicheres Herkunftsland sei, beantwortet er nicht klar. Recht offen berichtet er hingegen, dass ein Aufenthalt dort Soldaten sehr belasten könne, Ehen daran zerbrochen seien. Und er gibt aus persönlicher Sicht zu bedenken, dass weniger häufige Wechsel des Einsatzortes die Bundeswehr womöglich attraktiver machen könne.

Schüler sind fasziniert vom Besuch der Bundeswehr

Genau diese persönlichen Einsprengsel in seinen Vortrag finden die anwesenden Schüler gut. „Er hat auch viel von sich erzählt“, sagte Schüler Timm. Manipuliert fühle er sich nicht. Und für Schülerin Laura ist die renegade-Frage ein Faszinosum. Sie hat dazu schon das Theaterstück „Terror“ im Deutschen Theater gesehen. Carnitzki hat seine Wirkung nicht verfehlt.

Am Ende überreicht die Lehrerin dem Hauptmann eine Tafel Schokolade als Dank. Sie dutzt ihn.