Berlin - iDer Aufmarsch von Uniformierten ist seit Jahren Alltag am Köpenicker Rathaus. Vereinsmitglieder in historischen Uniformen spielen dort regelmäßig für Touristen die „Köpenickiade“ nach, mit der vor 108 Jahren ein falscher Hauptmann den preußischen Militarismus weltweit lächerlich machte. Der Hauptmann von Köpenick ist der bekannteste Werbeträger des Ortsteils im Südosten Berlins. Diese Popularität weckt ganz offensichtlich Begehrlichkeiten: Am Dienstag kommender Woche um 15 Uhr will vor dem Rathaus das echte Militär aufmarschieren: Gardesoldaten des Berliner Wachbataillons wollen zur „symbolischen Besetzung des Rathauses“ nach Köpenick kommen.

„Wir sehen die Aktion als Öffentlichkeitsarbeit und Werbung für die Bundeswehr und wollen zugleich zeigen, was unsere Garde drauf hat“, sagt die Initiatorin Wencke Sarrach. Die 30-Jährige mit dem blonden Pferdeschwanz ist Hauptmann der Bundeswehr. Sie war eineinhalb Jahre beim Wachbataillon in Berlin stationiert. Bei einem Spaziergang durch Köpenick, wo der falsche Hauptmann allgegenwärtig ist, sei ihr die Idee für diese Aktion gekommen.

Kritik aus dem Bezirksparlament

Soldaten des Wachbataillons treten üblicherweise an, wenn Staatsgäste empfangen werden, am Kanzleramt, am Schloss Bellevue oder am Flughafen. In Köpenick, sagt Hauptmann Sarrach, marschiere sogar die „Crème de la Crème“ des Bataillons auf – das Drillteam der Bundeswehr. Ein solches Team hat nahezu jede Armee der Welt. Die Mitglieder treten unter anderem bei Militärmusik-Festivals und anderen öffentlichen Veranstaltungen auf. Die schwierigen Choreografien und die Waffenshows mit dem Karabiner K 98 K ziehen viele Besucher an.

In Köpenick will man die Drill-Show am Luisenhain gegenüber dem Rathaus aufführen. Zuvor will Hauptmann Sarrach, die eigens dafür aus Stuttgart anreist, den Bezirksbürgermeister Oliver Igel aus dem Rathaus holen. „Aber nicht etwa, um ihn zu verhaften, sondern um ihm Meldung zu erstatten und ihm ein Geschenk zu überreichen“, sagt sie.

Hauptziel der Show bleibt aber die Werbung für den Militärdienst. Denn seit vor drei Jahren die Wehrpflicht abgeschafft wurde, steht die Armee in harter Konkurrenz zu anderen Arbeitgebern. Deshalb wird auch das Karrierecenter der Bundeswehr einen Infotisch aufbauen. Auch die Gardisten sehen sich als Werbeträger, sagt Wencke Sarrach: „Wir wollen Soldaten zum Anfassen sein.“

Nicht jedem im Bezirk gefällt die Militärschau. Die Linksfraktion im Bezirksparlament sieht darin gar „eine geschmacklose Disneyisierung“ der Bundeswehr, wie der Fraktionschef Philipp Wohlfeil sagt: „Es wird bestimmt eine tolle Show, aber sie hat mit der Bundeswehr an sich nichts zu tun.“ Wichtiger als diese „Propaganda“ sei eine kritische Auseinandersetzung: „Besser wäre es, den jungen Leuten zu erklären, dass Bundeswehr auch Krieg und Tod bedeutet.“

Bürgermeister Igel hält das für eine scheinheilige Debatte. Er sagt: „Natürlich kann man zur Bundeswehr kritisch stehen. Aber andererseits ist jeder froh, wenn die Soldaten bei der nächsten Flut wieder Sandsäcke schleppen.“