Berlin - Berliner Schülern ist in einem bundesweiten Leistungsvergleich erneut ein schlechtes Zeugnis ausgestellt worden. Die Ergebnisse der Tests mit Grundschülern in den Fächer Mathematik und Deutsch aus dem Jahr 2011 wurden am Freitag von der Kultusministerkonferenz vorgestellt. Die Studie in Nachfolge der sogenannten Pisa-Studien ist eine Erhebung des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen an der Humboldt-Universität.

An dem Vergleich beteiligten sich insgesamt 1300 Grund- und Förderschulen aus allen 16 Bundesländern. Pro Einrichtung wurde zum Ende des Schuljahres eine komplette 4. Klasse getestet. Es nahmen rund 27.000 Kinder teil; die Testzeit betrug pro Fach 80 Minuten.

Neben den Fähigkeiten beim Rechnen und Lesen mussten die Kinder zeigen, wie gut sie die deutsche Orthografie beherrschen und welche Menge an Informationen sie aus gehörten Texten behalten. Für das Fach Mathematik wurden die Bereiche Zahlen und Operationen, Raum und Form, Muster und Strukturen, Größen und Messen sowie Daten, Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit getestet. Zugrunde gelegt wurden bei beiden Fächern jeweils Kompetenzstufen, die von der Mindestanforderung (Stufe 1) über den Regelstandard (Stufe 3) bis hin zu herausragenden Leistungen (Stufe 5) reichen.

Besondere Bedingungen für Grundschüler

Die Autoren räumen für die Berliner Schullandschaft zwei gravierende Besonderheiten ein: Die Schüler werden im Bundesvergleich am frühesten eingeschult. Somit seien die Testpersonen auch am jüngsten. Darüber hinaus gehen die Kinder in Berlin - wie in Brandenburg - sechs Jahre in die Grundschule. Die Experten vermuten deshalb, dass bei ihnen möglicherweise der motivierende Effekt für den „Schlussspurt“ fehle. Ausdrücklich verwiesen wird zudem erneut auf den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsstand. In Berlin ist der Anteil der Hartz-IV-Empfänger besonders hoch.

Das Ranking beschert Berlin in der Gesamtwertung beim Lesen 467 Punkte. Schlechter ist nur Bremen. Bayern als Spitzenreiter kommt auf 515 Punkte. Analog fällt die Reihenfolge bei der Kategorie Zuhören aus. In der Mathematik kommt Berlin nur auf den letzten Platz. Bayern liegt auch da vorn.

Große Schwächen in Deutsch und Mathe

Den Autoren zufolge ist in Berlin der Anteil jener, die den Mindeststandard beim Lesen verfehlten, am größten. Den Regelstandard erreicht nur knapp die Hälfte der Kinder (54 Prozent). Allein beim höchsten Lesestandard können Schüler der Hauptstadt mithalten. Auch beim Zuhören erreichten viele Schüler nicht einmal das unterste Leistungsniveau. In der Mathematik liegen die Berliner Ergebnisse ebenfalls durchgängig unter dem Bundesschnitt. Nicht einmal die Hälfte der kleinen Berliner erreicht den Regelstandard (47 Prozent).

Die Grünen fordern angesichts der Ergebnisse ein „Maßnahmenbündel“. Dass der Wissensstand eines Schülers elf Jahre nach der ersten Pisa-Studie weiter stark von der sozialen Herkunft abhänge, sei ein Skandal, sagte der Bildungsexperte Özcan Mutlu. Der rot-schwarze Senat müsse die Studie ernst nehmen und die Kitas und Grundschulen personell und materiell besser ausstatten.

Die CDU-Schulexpertin Hildegard Bentele verwies auf das Vorbild anderer Bundesländer. Deren pädagogische Konzepte mit klaren Leistungskriterien förderten und forderten am besten. Das relativ schlechte Abschneiden der Berliner Grundschüler werfe daher die Frage auf, inwiefern die bisherigen Reformen aus Abschaffung der Vorschule, Früheinschulung und jahrgangsübergreifendem Lernen tatsächlich zur höheren Leistungsfähigkeit der Grundschüler beigetragen habe. (dapd)