Das Burka-Verbot ist hoffentlich vom Tisch. Das ist gut so. Kleidervorschriften haben Jahrhunderte lang in Europa festgelegt, wer was wann und wo zu tragen hatte. Schon im antiken Griechenland immer wieder unter dem Vorwand, sie dienten dazu, die Bürger und Bürgerinnen zum Beispiel vor Verschwendung zu schützen.

Es gibt – da ist die Lage der in der islamischen Tradition sehr ähnlich – keine Vorschrift des Neuen Testaments, dass Frauen Kopftücher zu tragen hätten. Dennoch aber war das Kopftuch in einer Vielzahl christlicher Länder über Jahrhunderte die unverzichtbare Kopfbedeckung für die ältere Frau. Wer bei Wikipedia unter „Schleier“ nachsieht, der stößt auf eine assyrische Rechtsvorschrift, die wohl um 1100 vor u. Z. entstand. Sie legt fest, dass die assyrische Frau einen Schleier – wie immer der auch ausgesehen haben mag – tragen musste, um nicht mit Prostituierten oder Sklavinnen verwechselt zu werden.  Ein Argument, das einem bei islamistischen Kopftuch- oder gar Burka-Propagandisten heute wieder begegnet: Der Schleier signalisiere die Reinheit der Frau.

Dass weder im Koran noch in den Hadithe genannten Mohammed-Anekdoten der Frau das Tragen eines Kopftuchs oder gar einer  Burka vorgeschrieben wird, weist darauf hin, dass der Begründer des Islam mit diesen vorislamischen Bräuchen gerade hatte brechen wollen.  Im Christentum wie im Islam setzten sich – nennen wir sie – heidnische Gewohnheiten fort. Sie wurden erst von den Nachfolgern der Religionsgründer christlich, respektive islamisch legitimiert.

Die Burka ist der Fall einer anonymen Demonstration

Ich mag keine Burka. Ich mag auch sonst keine Vermummten. Ich fand und finde es aberwitzig, auf eine Demonstration zu gehen und sich zu vermummen. Eine Demonstration ist dazu da, etwas zu zeigen, und sie ist dafür da zu zeigen, dass man bereit ist, es zu tun.  Wer sich vermummt, weigert sich zu demonstrieren. Er ist nicht bereit, zu seiner Überzeugung zu stehen.  Die Burka ist der Fall einer anonymen Demonstration. Eine Frau will uns zeigen, dass sie so fromm ist, die Burka zu tragen.

Ich kenne noch eine Zeit, in der man Mädchen in Mitteleuropa riet,  nach unten zu sehen, um den Blickkontakt mit Männern zu vermeiden. Damals gab es längst die Redewendung „auf Augenhöhe“. Den Mädchen wurde aber verboten, sich auf Augenhöhe mit dem anderen Geschlecht zu begeben. Noch älter ist die Genesis-Stelle, an der es heißt „Adam erkannte Eva, seine Frau“. Es wäre dumm, den Zusammenhang von Sehen, Erkennen und Sexualität zu leugnen.

Die Burka soll Männer und Frauen vor diesem Blick schützen. Ein Blick, den die arabische Literatur seit Jahrhunderten so beredt schildert wie wohl keine andere der Welt. Die Burka-Propagandisten wissen, was sie nicht wollen: die Begegnung freier Menschen auf freiem Grund. Dazu gehört das Einander-Erkennen, dazu gehört die Möglichkeit, sich auch anziehend zu finden, und das so sehr, dass man über kurz oder lang beginnt, sich auszuziehen. Es gehört zu der Begegnung freier Menschen auf freiem Grund auch, dass man sich ansehen, dass man sich erkennen  kann, ohne dass gleich die Liebe ausbricht oder auch nur das sexuelle Verlangen. Ja, dass selbst, wenn es bei einem ausbricht, alles davon abhängt, ob es beim anderen auch geschieht. Erst dann begegnet man sich auf Augenhöhe.

Ein Burka-Verbot wäre dennoch völlig überflüssig

Es ist gerade mal ein Monat her, dass in Deutschland das „Nein“ einer Frau „Nein“ heißt. Es bedurfte dazu der muslimischen Täter der vergangenen Silvesternacht.  Die Millionen Fälle bis dahin hatten den Gesetzgeber nicht in Bewegung gebracht. Gewohnheiten haben eine beängstigende Hartnäckigkeit. Die Gewohnheit, Frauen schlechter zu bezahlen als Männer, erfreut sich in Deutschland nach wie vor größter Beliebtheit. Es betrifft Millionen. Trotz Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Ansehen hatten früher nur die Oberen. Inzwischen verlangt jeder Respekt. Das ist nur ein lateinisches Wort dafür. Aber zum Respekt, den man bekommt, gehört der, den man erweist. Demokratie ist ohne das wechselseitige Ansehen nicht zu haben. Im wörtlichen, im übertragenen und im sexuellen Sinne.

Ein Burka-Verbot wäre dennoch eine völlig überflüssige Maßnahme. Der Versuch von Leuten, mit Muskeln zu spielen, die sie nicht haben, die aber, auch wenn sie sie hätten, nichts ausrichten könnten. Nichts gegen den Terrorismus und auch nichts gegen den Islamismus.