Berlin - Das Gebäude in der Richard-Wagner-Straße in Charlottenburg ist ein normales Mehrfamilienhaus, stattlicher als die Nachbarhäuser zwar, aber keine Villa wie bei anderen Studentenverbindungen. In einer Hochparterrewohnung hat sich eine Handvoll männlicher Studenten um einen kleinen Bartresen versammelt.

Einer zapft Bier, ein anderer tippt auf einem Laptop. Sie tragen legere Sakkos und darunter eine schmale Schärpe in grün-weiß-blau, den Farben der "Vereinigten Berliner Burschenschaft Thuringia". Alle im Raum tragen sie – nur eine junge Frau nicht, die auf einem Ledersofa sitzt. Gregor, der Bursche hinter der Bar, stellt sie als seine Ehefrau vor. Sie ist Chinesin. Ein paar Meter entfernt stapeln sich auf einem kleinen Tisch Ausgaben der rechten Zeitung "Junge Freiheit".

Die Thuringia ist eine von sieben Burschenschaften in Berlin. Nur männliche deutsche Studenten dürfen Bundesbrüder werden. So nennen sich die Mitglieder, die der Gemeinschaft in der Regel auf Lebenszeit beitreten. Wie fast alle Verbindungen trägt auch sie einen lateinischen Namen. Thuringia deshalb, weil sie 1875 im thüringischen Langensalza gegründet wurde – von einem Sozialdemokraten, wie die Männer betonen. Ihre Nachnamen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Sie haben Angst, in die rechtsextreme Ecke gestellt zu werden.

„So schlimm sind die gar nicht“

Hintergrund dafür ist auch die Debatte um Gesundheits-Staatssekretär Michael Büge (CDU), der Ende 2012 wegen seiner Mitgliedschaft in der Zehlendorfer Burschenschaft Gothia in die Kritik geriet. Ihr wurden wiederholt rechtsextreme Tendenzen vorgeworfen. Büge bestreitet das, kündigte aber an, austreten zu wollen, falls die Gothia den umstrittenen Dachverband "Deutschen Burschenschaft" (DB) nicht verlässt. Bis Ende Januar will er sich entscheiden.

Was machen die Burschenschaften für manche Studenten so interessant? Martin, als Erstsemester einer der Jüngsten bei der Thuringia, ist erst seit drei Monaten dabei. Er studiert Geschichte an der Humboldt Universität. Martin erzählt, er sei von einem Thuringia-Mitglied an der Uni angesprochen worden. "Erst dachte ich, da gehe ich nicht hin", sagt er. Dann sei er doch mal vorbeigegangen – und habe sich wohl gefühlt bei den Burschenschaftern.

"So schlimm sind die ja gar nicht", habe er gemerkt. Er schätze besonders den fächerübergreifenden Austausch unter den Studenten, aber auch mit den Alten Herren, die erfolgreich im Leben stünden. "Man findet hier Freunde, denke ich."

Martin steht vor einer Wand mit Schwarzweißbildern von Ehemaligen. Gegenüber hängt in einem Glaskasten die Gründungsfahne der Burschenschaft, zerfleddert, die Farben in gelbliches Braun übergegangen. Martin wirkt etwas exotisch in der Runde. Denn er ist SPD-Mitglied, seit sechs Jahren schon. Die Jusos, bei denen er qua Alter automatisch auch Mitglied ist, dulden eigentlich keine Burschenschafter in ihren Reihen. Eine Unvereinbarkeitserklärung verbietet das. Martin wirkt etwas unsicher, als es um das Thema geht, er habe Angst, aus der Partei zu fliegen, sagt er.

Fechten keine Pflicht

Nebenan befindet sich ein Zimmer mit Holzparkett, der sogenannte Paukboden. An der Wand das Wappen der Thuringia, umrahmt von einer schwarz-rot-goldenen und einer grün-weiß-blauen Fahne. Hier findet statt, wofür schlagende Verbindungen bekannt sind: das Fechten. "Bei uns ist es keine Pflicht", erklärt Robert, Sprecher der Aktivitas, also der aktiven Bundesbrüder, derzeit 15 an der Zahl.

Er ist Anfang 20 und Burschenschafter in dritter Generation. Wer als "Fux" neu in die Burschenschaft aufgenommen wird, erlerne das Fechten zwar, sagt er. Ob er später allerdings auch an scharfen Mensuren teilnehme, sei ihm freigestellt. Etwa die Hälfte der jetzigen Aktiven habe sich dafür entscheiden.

Mensuren gebe es nur ein paar Mal im Jahr. "Es geht darum, seinen Mann zu stehen, den inneren Schweinehund zu überwinden, den Kopf nicht einzuziehen, wenn man Schläge kriegt", erklärt Gregor. Das Fechten werde in der Außenwahrnehmung aber überbewertet. Mit dem Duell des 19. Jahrhunderts habe es nichts mehr gemein. Heutzutage gehe es nur noch um den sportlichen Aspekt.

Trotzdem bleiben auch bei der Thuringia Verletzungen nicht aus, bei denen das Parkett mitunter rot wird. "Ach, das bisschen Blut gehört dazu. Bei der sterilisierten scharfen Klinge ist es für den anwesenden Arzt danach kein Problem, eine gute Naht hinzubekommen", sagt Gregor.

Auf dem Tisch liegen neben der "Jungen Freiheit" die "Burschenschaftlichen Blätter", eine Art Verbandszeitung der DB, in dem auch die Thuringia Mitglied ist. Damenverbindungen lautet das Titelthema in der vorliegenden Ausgabe, die zu einem großen Teil von österreichischen Autorinnen bestritten wird, durchweg FPÖ-Funktionärinnen, deren Texte vor Nationalismus und teils offener Ausländerfeindlichkeit geradezu strotzen.

Rückwärtsgewandte Themen

Man spiele mit dem Gedanken, aus der DB auszutreten, sagt Robert. "Meine Einschätzung ist, dass der Kurs dort weiter nach rechts geht, angesichts zahlreicher Austritte liberaler Bünde. Und das geht mir zu weit", sagt er mit Blick auf die heftigen Auseinandersetzungen innerhalb des Verbands im vergangenen Jahr. Viele Themen, wie etwa die Debatte um den sogenannten Ariernachweis, seien rückwärtsgewandt, sagt Robert.

Eine Bonner Burschenschaft hatte gefordert, dass neben dem deutschen Pass als Bedingung für die Aufnahme auch die deutsche Abstammung nachgewiesen wird. Norbert Weidner, bis zu seiner Abwahl im November "Schriftleiter" der Burschenschaftlichen Blätter, und früher Mitglied in verschiedenen Neonazi-Organisationen, hatte zudem den NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als Landesverräter und seine Hinrichtung als juristisch gerechtfertigt bezeichnet.

"Es sind einige wenige, die laut schreien und uns in Verruf bringen", sagt Robert. Weidners Äußerungen seien unsäglich gewesen. "Extreme gilt es zu bekämpfen." Robert und seine Bundesbrüder bezeichnen ihre Burschenschaft als liberal, innerhalb des konservativen Spektrums. Sie legen großen Wert darauf, rechts von rechtsextrem zu unterscheiden.

Bis zum Ende des Treffens wirken die Burschenschafter vorsichtig, auch etwas Misstrauen schwingt bei einigen mit. Der Blick in die interne Hauszeitung der Thuringia wird einem von ihnen dann doch zu viel. Sie dürfe nicht mitgenommen werden, sagt er. Man wisse nicht, wie der Inhalt verwendet würde.