Bushido gegen Abou-Chaker: Der 86. Verhandlungstag in diesem Chaos-Prozess

Der Prozess zwischen Bushido und den Abou-Chaker-Brüdern ging heute in die nächste Runde, fällt aber immer mehr auseinander. Am Montag wird es chaotisch.

Arafat Abou-Chacker Anfang Oktober auf dem Weg zu Saal 500. Vorgeworfen werden ihm: versuchte schwere räuberische Erpressung, Freiheitsberaubung, gefährliche Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung und Untreue. Nebenkläger ist der Rapper Bushido. 
Arafat Abou-Chacker Anfang Oktober auf dem Weg zu Saal 500. Vorgeworfen werden ihm: versuchte schwere räuberische Erpressung, Freiheitsberaubung, gefährliche Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung und Untreue. Nebenkläger ist der Rapper Bushido. Pressefoto Wagner

Um 9.30 Uhr sollte es losgehen. Als sich um 9.50 Uhr endlich alle Beteiligten im Saal eingefunden hatten, wurde der Prozess unterbrochen, bevor er richtig losging. Der Grund: Keiner der geladenen Zeugen war vor Ort. Also warteten alle bis 10.40 Uhr. Als selbst dann noch keiner der Zeugen anwesend war, wurde der Beginn erneut um knapp 45 Minuten verschoben.

Das Kriminalgericht Berlin-Moabit in der Turmstraße 91: Im Hochsicherheitssaal wird seit mehr als zwei Jahren der Fall des Rappers Bushido gegen die vier angeklagten Abou-Chaker-Brüder verhandelt. Es geht um einen Streit vom 18. Januar 2018, an dem die vier Brüder mit dem Rapper vier Stunden lang in einem Büro eingeschlossen waren und ihn laut Anklage verletzt, genötigt, bedroht und beschimpft haben. Am Montagmorgen sollte der mittlerweile 86. Verhandlungstag beginnen in diesem endlosen Prozess. 

Etwas verspätet erscheinen die vier Angeklagten, sichtlich entspannt, Kaffeebecher in der Hand. Arafat zeigt sich wieder im teuren Look: T-Shirt und Schuhe von Balanciaga und Jacke von Dior. Für die Brüder sind die beiden Sicherheitskontrollen vor dem Saal 500 schon Routine, schließlich kommen sie seit mehr als zwei Jahren regelmäßig in dieses Gebäude. 

Die erste Zeugin an diesem Tag ist eine Rechtsanwältin, die beim damaligen Prozess dabei gewesen sein soll. An einem der Verhandlungstage soll es zu Beleidigungen gekommen sein, von denen sie aufgrund der lange zurückliegenden Ereignisse nicht mehr viel wusste. Nach einer weiteren Unterbrechung und der Anhörung eines zweiten Zeugen wird der 86. Prozesstag der Hauptverhandlung geschlossen. Nebenkläger und Kronzeuge Bushido, bürgerlich Anis Ferchichi, erscheint am Montag nicht.

Ferchichi lebt mittlerweile nicht mehr in Berlin. Der Rapper, seine Frau Anna-Maria und die acht gemeinsamen Kinder sind nach Dubai ausgewandert. Nachdem er als Kronzeuge aus dem Fall entlassen wurde, erscheint er nur noch zu wenigen Verhandlungstagen. Lediglich Steffen Tzschoppe, Bushidos Anwalt, begleitete den Beginn dieses Prozesstages, ging aber nach mehreren Unterbrechungen.

Keine Zeugen vor Ort

Im Grunde geht es an diesem Tag nur am Rande um den Kern des Falles, sondern nur um eine Beleidigung von Nasser Abou-Chaker gegenüber einer Polizeibeamtin. Am 9. März 2016 habe ein illegales Autorennen in Kreuzberg stattgefunden, bei dem Abou-Chakers Auto angehalten worden sei. Nasser Abou-Chaker soll sich aggressiv und respektlos gegenüber der Polizei-Einsatzleiterin verhalten und diese als „Zwitter“ beleidigt haben.

In einem Beweisvideo, das vom Beifahrer aufgenommen wurde, forderte der mittlerweile 52 Jahre alte Angeklagte die Polizeibeamtin dazu auf, ihm ihre Dienstkarte vorzuweisen. Daraufhin soll die Polizistin entgegnet haben: „Sie bekommen meine Dienstkarte nicht, sie gehören zu einer kriminellen Großfamilie!“ Laut Hansgeorg Birkhoff, einem der Rechtsanwälte der Abou-Chakers, soll der damalige Vorfall symbolisch für ein Muster stehen, nach dem die Clanmitglieder ständig vorverurteilt werden. 

Acht weitere Prozesstage bis Ende Januar geplant

Was der heute behandelte Vorfall mit dem eigentlichen Prozess zu tun hat, bleibt unklar. Vielmehr war dieser Prozesstag nur ein weiteres Indiz dafür, dass dieser lange Prozess immer chaotischer wird, immer mehr auseinanderfällt. Trotzdem wird sich die Verhandlung noch einige Wochen, oder besser: Monate hinziehen. Acht weitere Verhandlungstage sind bis Ende Januar 2023 geplant. Fortgesetzt wird der Prozess am 11. November 2022.

Bereits im Sommer dieses Jahres hatte der Vorsitzende Richter Martin Mrosk durchblicken lassen, dass eine Verurteilung schwierig werden könnte. Bisher schweigen alle vier Angeklagten oder äußern sich nur auf dem Gang vor dem Saal. So wie an diesem Montag auch: Er hoffe, sagt Arafat Abou-Chaker, dass „endlich die Wahrheit ans Licht kommt“.  Auf Nachfrage, welche Wahrheit gemeint sei, sagt er: „Nicht seine, nicht meine – nur die Wahrheit.“