Bussi-Bussi-Ba-Ba: Warum sind die Wiener so viel zutraulicher als die Berliner?

Schneider? Schuster?  Reinigung? In Berlin spricht man dort das Allernötigste. Ganz anders in Wien. Und das tut gut, schreibt unsere Kolumnistin. 

Unsere Kolumnistin Eva Biringer
Unsere Kolumnistin Eva BiringerFlorian Reimann

Auf dem Dorf ist natürlich alles ganz anders. Da gibt es einen Schuster und keinen Schneider, weil die Hausfrauen die Knöpfe selbst wieder an den Trachtenjanker nähen, denn sie können es und haben Zeit. In der Stadt können sie es nicht. Oder sie kaufen Zeit, indem sie die Knöpfe an ihre Vintage-Cardigans nähen lassen.

In Berlin nehme ich die Dienste von jemandem in Anspruch, den mein früheres, weniger wokes Ich etwas unsensibel als „chinesischen Schneider“ bezeichnet hat. Er werkelt in der Kopernikusstraße, in einem Raum voller Zeug, von Batterien über Unterwäsche bis hin zu FFP2-Masken. Keine Winkekatzen. Erst neulich brachte ich die Handtasche meiner Freundin hin, deren Reißverschluss mir auf dem Dancefloor kaputtgegangen war. Obwohl ich jahrelange Kundin bin, haben der chinesische Schneider und ich noch nie ein über das Nötige hinausgehendes Wort gewechselt. Selbiges gilt für den Schuster (Frankfurter Tor) und die Reinigung (Warschauer Straße oder Frankfurter Allee, je nach Öffnungszeit).

In Wien hingegen hatte ich nach kürzester Zeit fußläufig drei Dienstleistende an der Hand, die Licht ins Dunkel der großstädtischen Anonymität brachten. Erstens die Dame von der Reinigung, balkanstämmig und stets sorgfältig manikürt, enge Jeans, Föhnfrisur. Einen mich an den Rand der Verzweiflung bringenden Seidenkleid-Curryfleck behandelte sie mit ihrer „Spezialmethode“, die eine „Pistole“ beinhaltete, „könnte klappen, oder auch nicht“, hat geklappt. Zum Dank gab es eine Tafel Bioschokolade, die uns irgendwie näherbrachte.

Nur wenige Meter entfernt befindet sich, zweitens, mein Schuster, der mich, scusi, rein optisch an Jabba aus „Star Wars“ erinnert. Seit meinem letzten abgebrochenen Absatz weiß ich, dass er sich in Tel Aviv immer ein Hotel am Stadtrand nimmt, weil günstiger, und dass eine Reiseversicherung auch nicht immer tut, was sie soll.

Schließlich ist da noch Barta, mein kurdischer Schneider. Barta und ich, wir sind so (hier bitte Ghettofaust einsetzen). Seit meinem zweiten Besuch umarmt er mich zur Begrüßung, zusätzlich zu den lokal üblichen Wangenbussis. Bei meinem dritten Besuch schenkte er mir ein kreuzkümmelfarbenes H&M-Kleid, das eine Kundin nicht abgeholt hatte.

Kurz vor seinem einmonatigen Sommerurlaub – über den toten Wiener August schrieb ich bereits an anderer Stelle – schwärmte er von seinem Heimatdorf, irgendwo im Süden der Türkei, und versprach, mir von dort Feigen mitzubringen. Es dauerte dann aber bis Ende November, bis ich an Knopflöchern scheiterte (immerhin die Knöpfe hatte ich selbst angebracht), da hatte Barta die Feigen vielleicht schon zu Früchtebrot verbacken.

Jedenfalls geleitete er mich dieses Mal in sein Hinterzimmer, was seltsam hätte sein können, es aber nicht war, bot mir den obligatorischen Çay an und zeigte mir dann Handyfotos von seinem Sommerurlaub. Barta im Mietwagen, Barta beim Baden, Barta am Aussichtspunkt, Barta vor dem Logo der Stadt Antalya. Bei seinem Namen muss ich immer an die Songzeile des Rappers Rin denken: „Ich bestell’ mir wieder was von meinem Inder / Hab’ ich Bharta in mei’m Magen, bin ich fitter.“

Wenn ich mich recht erinnere, meinte er, in diesen vier Wochen elftausend Kilometer Auto gefahren zu sein. Dann wollte er wissen, ob ich Familie habe, eine Frage, die mich recht unvorbereitet traf. „Ähm, ich habe Eltern?“ Seine Schwester ist Richterin oder so. Dann verpackte er meinen Cardigan in das schönste Sackerl, das er hatte, und ermahnte mich, ja bald wiederzukommen. Bussi-Bussi-Ba-Ba-Barta.

Auf dem sehr kurzen Heimweg dachte ich über die in der Corona-Pandemie diskutierte Wichtigkeit von weak ties nach, das kurze Bonden mit Fremden, das einen mit dem Gefühl zurücklässt, einen Platz in der Welt zu haben. Auf dem Dorf hat mich nie jemand umarmt, und ob der chinesische Schneider überhaupt einen Führerschein hat? Keine Ahnung.