Wenn jemand in der Straßenbahn oder im Bus neben mir ein Buch in der Hand hat, lese ich immer unauffällig ein paar Zeilen mit. Manchmal auch mehr, je nachdem, wie spannend oder anregend es ist. Und ob ich die Sprache verstehe.

Vielleicht lese ich auch auffällig mit, und die jeweiligen Hauptleser waren bisher einfach zu höflich, um mir meine Neugier zu verübeln. Das jedenfalls denke ich, als ich die kleinen Geschichten aus Italien zuklappe und merke, dass der Mann neben mir ebenfalls ins Buch schaut. Denn mich stört es nicht.

Er sieht nett aus, alles an ihm ist rund. Die Glatze. Die randlose Brille. Der mächtige Bauch. Er hat freundliche Augen. Ich frage mich, ob er die deutsche (rechte Seite) oder die italienische (links) Fassung gelesen hat. Da er links von mir sitzt, konnte er den Originaltext jedenfalls besser sehen.

Als ich das Buch zuklappe, sieht er auf und sagt in einer Mischung aus Freude und Erstaunen: „Ein Buch!“ Mehr nicht. Ich sage: „Ja. Ein Buch.“ Irritiert, aber auch etwas belustigt. Dem Ton nach hätte er auch sagen können „ein Zauberstab!“ oder „ein Meerschweinchen!“

Alle gucken nur noch aufs Handy

Der Mann – an dem kleinen gelben Schildchen auf seiner Jacke sehe ich, dass er ein Mitarbeiter der BVG ist  – öffnet seine Tasche und redet währenddessen weiter: „Man sieht das nicht mehr oft. Eine junge Frau mit einem Buch im Bus. Alle gucken nur noch auf ihre Handys.“ Er strahlt mich an. „Ich habe auch eins. Heute gekauft.“ Der Mann hält ein Buch hoch, das antiquarisch aussieht, aber sorgfältig in Folie eingeschlagen ist. „Das lese ich heute.“

Es ist irgendeine Fabel, etwas mit einem Lamm, ich habe den Titel vergessen. „Und ein Taschenbuch von Hermann Hesse“, setzt er nach. „Wunderbar“, sage ich und meine es ernst. „Einen schönen Abend wünsche ich Ihnen, mit den Büchern.“ Ich erhebe mich, weil sich der Bus meiner Station nähert. Der BVG-Mann ruft: „Ihnen auch! Und bleiben Sie, wie Sie sind!“

Lächelnd verlasse ich den Bus. Spüre die Freude des Fremden im Rücken. Eine andere Frau, die den Dialog offensichtlich mitgehört hat, grinst und nickt mir zu. Bestimmt hat sie auch ein Buch in der Tasche.