Berlin - Normalerweise würde eine Mathematikerin wie Eva Kreienkamp so eine Rechnung nicht akzeptieren. „1+1 = 1,2“ steht auf dem Stempel, der auf ihrem Schreibtisch im zwölften Stock in der Holzmarktstraße liegt. Das Objekt der Künstlerin Hanne Darboven zeigt der neuen Vorstandsvorsitzenden der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), dass es noch eine andere Zahlenwelt gibt. Die realen Daten geben der 58-Jährigen wenig Grund zur Freude, denn die Corona-Pandemie hat die BVG in eine schwere Krise gestürzt. Mit neuen Ticketangeboten, konsequentem Lüften der Fahrzeuge und dem Verzicht auf Bargeld im Bus soll das größte deutsche Nahverkehrsunternehmen aus dem Tief herauskommen.

Frau Kreienkamp, manche Berliner meiden die BVG, weil sie Angst haben, sich dort mit Corona anzustecken. Wie ist das bei Ihnen?

Ich fahre fast täglich öffentlich.

Wie sind Sie heute ins Büro in die Holzmarktstraße gekommen?

Mit dem Rad ging es zum U-Bahnhof Rathaus Reinickendorf und von dort aus mit der U8 bis Jannowitzbrücke. Ich nutze die BVG auch tagsüber, für Dienstfahrten.

Kleinfamilie mit drei unternehmungslustigen Hunden

Reinickendorf gilt als ein Bezirk, der Radfahrern keine gute Infrastruktur bietet. Was sind Ihre Erfahrungen?

Es ist tatsächlich so, dass Reinickendorf bei diesem Thema noch einige Möglichkeiten hat, sich weiterzuentwickeln. Viele Radwege sind schmale Buckelpisten, die dringend saniert werden müssten.

Sind Sie auch in der Freizeit mit der BVG unterwegs?

Ja, klar. Allerdings gibt es im Augenblick wegen Corona nicht allzu viele private Fahrtanlässe.

Sie haben erzählt, dass Sie in Berlin unter anderem deshalb ein Auto brauchen, um mit ihren drei Möpsen in den Wald zu fahren. Haben Sie dafür inzwischen auch mal die BVG ausprobiert?

Mit dem Bus wäre das schwierig. Es gibt Situationen, in denen ich in Berlin ein Auto brauche.

Haben Sie darüber nachgedacht, Ihr gemeinsames Auto abzuschaffen?

Das Leben findet in verschiedenen Facetten statt. Dazu gehört, verschiedene Verkehrsmittel zu nutzen. Als Kleinfamilie mit drei unternehmungslustigen Hunden nutzen wir auch immer wieder mal ein Auto. Dazu kommt, dass wir in einem Außenbezirk wohnen, der leider noch schlecht versorgt ist, was Carsharing und andere neue Mobilität anbelangt.

Wenn nicht einmal die BVG-Chefin den politischen Appellen folgen und auf ihren privaten Wagen verzichten möchte, warum sollten andere Berlinerinnen und Berliner das tun?

Wir leben in einer Welt, in der beides möglich ist: öffentlich und individuell fahren, je nach Anlass. Da sollten wir eine höhere Toleranzschwelle haben und keine Abgrenzungsdiskussionen führen. Ich hasse es, in der Berliner Innenstadt Auto zu fahren, dort nutze ich BVG und S-Bahn. Aber ich finde es gut, dass ich ein Auto zur Verfügung habe, wenn etwas Schweres transportiert werden muss oder wenn wir in den Berliner Außenbezirken unterwegs sind. Es geht ja nicht darum, dass alle Berliner ihre Privatautos abschaffen. Es geht darum, vernetzte intelligente Systeme zu entwickeln, die dazu beitragen, dass weniger individuelle Autos nötig sind.

144 Millionen Euro fehlten im vergangenen Jahr in der Kasse

Das erste Corona-Jahr 2020 war für die BVG desaströs. Die Zahl der Fahrgäste sank um mehr als ein Drittel. Wie hoch war der Verlust?

Es gibt keinen Verlust, die BVG hat das vergangene Jahr mit einer Null abgeschlossen. Dank des ÖPNV-Rettungsschirms und der Pandemie-Ausgleichsklausel im Verkehrsvertrag mit dem Land Berlin wurde der Fehlbetrag, der sich auf 144 Millionen Euro belief, in vollem Umfang ausgeglichen. Wir haben viel dafür getan, um den Finanzbedarf zu senken. Wir haben gespart, Neueinstellungen wurden verschoben. Unsere Busse haben sogar weniger Sprit verbraucht. Wegen Corona ging der Straßenverkehr zurück, das ermöglichte eine schonende, energiesparende Fahrweise. 

Mit welcher Fahrgastzahl und welchem Verlust rechnet die BVG für dieses Jahr?

Das ist schwer zu sagen, weil sich die Planungshorizonte immer wieder ändern. Ende des vergangenen Jahres waren wir noch zuversichtlich, dass bald viele Menschen geimpft werden. Wir dachten, dass das öffentliche Leben im Frühjahr 2021 wieder beginnt und wieder deutlich mehr Fahrgäste die BVG nutzen. Heute heißt es, dass das wohl erst im Sommer oder Herbst der Fall sein wird. Wenn die BVG 2021 zumindest so viele Fahrgäste befördert wie 2020, rund 728 Millionen, haben wir gut gearbeitet. Derzeit haben wir gerade mal rund 50 Prozent des Fahrgastaufkommens, das vor der Pandemie üblich war. Corona hat uns in eine wirklich schwierige Situation gebracht.

Warum?

Weil sich manche Berliner daran gewöhnt haben, Alternativen zum ÖPNV zu nutzen. Berliner, die uns lange treu waren, sagen jetzt Adieu: In der Pandemie habe ich das Auto wieder entdeckt.

Viele Berufstätige kündigen ihr Umweltkarten-Abo, weil sie im Homeoffice arbeiten. Die Zahl der Abos ist um mehr als zehn Prozent gesunken. Wie groß könnte der Schwund am Jahresende sein?

Da will ich mich noch nicht festlegen. Doch eines steht fest: Wir schauen nicht untätig zu, wie immer mehr Abo-Kunden kündigen. Wir versuchen, mit den Menschen, die es ankündigen  oder schon gekündigt haben, am Telefon intensiv ins Gespräch zu kommen. Von vielen hören wir, dass sie uns weiterhin gewogen sind, dass sich ihr Abo aber einfach nicht mehr für sie lohnt. Damit uns solche Kunden erhalten bleiben, wollen wir möglichst bald neue Ticketangebote schaffen.

Meinen Sie das Homeoffice-Ticket, das die BVG kürzlich für Berlin vorgeschlagen hat? Damit sollen Teilzeitpendler den Nahverkehr innerhalb von 60 Tagen acht, zwölf oder 20 Mal jeweils 24 Stunden lang nutzen dürfen, für Preise zwischen 44 bis 88 Euro. 

Ja, genau. Unter dem Arbeitstitel Homeoffice-Ticket wollen wir eine Lücke schließen, die objektiv da ist. Bisher gibt es Tickets für Gelegenheitsfahrer und Tickets für Vielfahrer, dazwischen haben wir wenig bis gar nichts. Ich weiß, dass Brandenburger Verkehrsunternehmen unseren Plan kritisch sehen. Wir wünschen uns eine wirklich konstruktive Zusammenarbeit mit dem VBB und den Brandenburger Verkehrsunternehmen. Mit ihnen spreche ich jetzt, um für Verständnis für unsere Situation zu werben. Wir befinden uns in unterschiedlichen Gemengelagen zwischen Stadt und Umland. Was in Berlin passiert, ist anders als das, was im ländlichen Raum geschieht.

Welche Tarif-Ideen hat die BVG sonst noch?

Wir denken über eine ÖPNV-Card nach, die wie eine Bahncard funktionieren würde. Die Kundin oder der Kunde zahlt eine Grundgebühr, die sich preislich im Bereich eines Netflix-Abos bewegen würde. Dafür können dann Tickets zum ermäßigten Preis gekauft werden. Allerdings fangen wir jetzt erst einmal mit dem Homeoffice-Ticket an, das es ab August geben soll. Eins nach dem anderen.

Sie haben angekündigt, dass die BVG eine Prepaidkarte herausgeben will.

Die Ausschreibung ist abgeschlossen, und wir gehen davon aus, dass die Guthabenkarte vom zweiten Quartal 2021 an gekauft werden kann. Zunächst wird es sie bei den Vertriebsstellen der BVG geben, später auch anderswo – zum Beispiel in Drogeriemärkten. Dort würden unsere Karten neben denen von Apple und Spotify hängen. Man kauft eine Karte und lädt sie auf. Anfangs wird man damit Tickets zu den regulären Tarifen kaufen können. Künftig könnte das Prinzip Best Buy gelten: Für jeden Kunden findet das System für die Abrechnung automatisch den günstigsten Preis. Wer öfter fährt, zahlt weniger. Generell ist es unser Ziel, dass unsere Fahrgäste ihre Tickets kontaktlos kaufen – am besten mit EC- oder Kreditkarte.

Busfahrer nehmen kein Bargeld mehr an

Wann werden Fahrgäste im Bus wieder vorn einsteigen und Fahrscheine kaufen können?

Das wird noch in diesem Frühjahr wieder möglich sein, möglicherweise schon ab Mitte April 2021. Dann soll ein Pilotprojekt beginnen, bei dem wir im gesamten Busnetz die kontaktlose Zahlung testen. Für die Fahrgäste wird das bedeuten, dass sie in allen BVG-Bussen mit EC- und Kreditkarten Fahrscheine kaufen können, später dann auch mit der geplanten BVG-Guthabenkarte. Die nötigen Lesegeräte wurden inzwischen in allen Fahrzeugen installiert. Bargeld wird in den Bussen nicht mehr angenommen, schon um in Corona-Zeiten unnötige Kontakte zu vermeiden. Nach unseren Vorstellungen soll aus der vorläufigen eine dauerhafte Lösung werden.

Busfahrer haben Angst, sich anzustecken, wenn der Vordereinstieg wieder möglich ist.

Wir bemühen uns, die Busfahrerinnen und -fahrer vor Corona zu schützen. Inzwischen haben fast alle Busse im Fahrerbereich eine Schutzscheibe bekommen. Um herauszufinden, wie sich Aerosole in den Fahrzeugen ausbreiten, wurden mit der Technischen Universität Berlin Messungen durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Lüften sehr positiv auswirkt. Dies und das häufige Öffnen der Türen sorgt dafür, dass die Ansteckungsgefahr gering ist, weil die Luft ständig ausgetauscht wird. Der Berliner Nahverkehr ist kein Corona-Hotspot.

Heißt das, dass alle Bahnen und Busse der BVG ab sofort mit geöffneten Fenstern fahren? Fahrgäste werden sich beschweren, dass es zieht.

Die Ansage lautet, dass möglichst viele Fenster geöffnet sein sollen. Und wenn sie jemand während der Fahrt schließt, werden sie spätestens an der Endstation wieder aufgemacht. Uns geht es darum, dass wir in all unseren Fahrzeugen immer eine gute Durchlüftung haben.

Bisher zwei Corona-Tote bei der BVG

Wer ohne medizinische Maske angetroffen wird, muss damit rechnen, dass die BVG 50 Euro von ihm verlangt. Wie viele Vertragsstrafen wurden bisher verhängt? Und wie viele wurden tatsächlich bezahlt?

Vorab möchte ich betonen, dass sich bis auf wenige Ausnahmen alle unsere Fahrgäste an die Regeln halten. Seit dem vergangenen Juli bis Ende Februar dieses Jahres wurden zirka 9.000 Vertragsstrafen gegen Maskenverweigerer verhängt. Rund ein Drittel der Forderungen wurde beglichen. Das ist eine Quote wie beim erhöhten Beförderungsentgelt, das bei Schwarzfahrern erhoben wird.

Wie viele BVG-Beschäftigte sind bislang an Corona erkrankt? Wie viele Todesfälle gab es?

Bislang haben sich von unseren mehr als 15.500 Beschäftigten rund 340 mit Corona infiziert. Das ist vergleichbar mit der Ansteckungsquoute in ganz Deutschland. Leider haben wir auch den Tod zweier Mitarbeiter, die an dem Virus gestorben sind, zu beklagen.

Wo haben sich die beiden Menschen angesteckt?

Sie haben sich im häuslichen Umfeld und nicht  während der Arbeit infiziert.  Und sie haben bei der BVG auch niemanden anders infiziert, wie wir herausgefunden haben. Beides gilt auch für die übrigen Corona-Fälle bei der BVG. Wir haben ein gutes System, mit dem wir Kontakte ermitteln und Ansteckungen verfolgen können.

Serienlieferung der neuen Doppeldeckerbusse beginnt im nächsten Jahr

Befürchtet wurde, dass leere Züge und Bahnhöfe Graffititäter anziehen. Wie hat sich bei der BVG das Ausmaß der Schäden durch Farbschmierereien entwickelt?

Sie sind ja schon in den vergangenen Jahren spürbar gesunken und gemessen an den beschmierten Quadratmetern gingen die Schäden im Vergleich zu früheren Höchstständen auf ein Viertel zurück. Wir sind in der Überwachung besser geworden, und wir beseitigen Farbschmierereien schneller als früher. Unser Ziel ist es, dass Graffiti kein Thema mehr für uns sind. Dennoch bleiben die Kosten zur Beseitigung weiterhin hoch und lagen in den vergangenen beiden Jahren immer noch bei je fast 500.000 Euro. 

Wie hat sich die Zahl der Straftaten, die in der BVG verübt wurden, entwickelt?

Die Kriminalität ging um 13 Prozent zurück. Wenn weniger Menschen unterwegs sind, gibt es auch weniger Straftaten. Das zeigt sich zum Beispiel an der gesunkenen Zahl der Taschendiebstähle.

Seit Herbst bei der BVG

Eva Kreienkamp, 58, ist seit Oktober 2020 Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Die Mathematikerin arbeitete im Management der Allianz-Versicherung, der Berlinwasser Holding und des privaten Bahnbetreibers HKX. Zuletzt war Kreienkamp Co-Geschäftsführerin der Mainzer Verkehrsgesellschaft. 

Schon früh
hat sich Eva Kreienkamp, die eine Mädchenschule der Ursulinen besuchte, als lesbisch geoutet. Sie ist Mitgründerin des Netzwerks „Wirtschaftsweiber“, das sich für mehr Diversität einsetzt. 2019 belegte sie bei „Germany’s Top 100 Out Executives“ den ersten Platz. Eva Kreienkamp lebt mit ihrer Ehefrau im Norden Berlins.

Corona hat dazu geführt, dass viele Busse abends leer durch Berlin fahren. Wäre es nicht besser, sie durch flexible Bedarfsverkehre zu ersetzen, etwa Sammeltaxis oder Rufbusse?

Man kann durchaus über neue Verkehrsangebote nachdenken, die nur bei Bedarf fahren und die man ausschließlich per App bestellen kann. Das Stichwort lautet: On Demand. Wir bereiten eine Ausschreibung vor, um Partner zu finden, die solche Angebote mit uns in den Berliner Außenbezirken gestalten. Doch erst einmal müssen wir dieses Thema bei den Bürgern weiter mental verankern. Gewohnheiten müssen verändert werden. Solange weiterhin die meisten Menschen daran gewöhnt sind, ins Auto zu steigen, lassen sich solche Angebote nicht wirtschaftlich betreiben.

Hat der Nahverkehr durch Corona einen dauerhaften Imageschaden erlitten?

Das will ich nicht hoffen! Unverändert ist Konsens, dass wir den Nahverkehr brauchen – für die Mobilitätswende und um Kohlendioxid reduzieren zu können. Allerdings wird dies immer wieder überlagert durch die Diskussion über mögliche Ansteckungsgefahren. Leider kommen manche Beiträge gerade aus der Politik bei den Bürgern so an, als sollten sie Bahnen und Busse vermeiden. Dabei geht es darum, generell weniger mobil zu sein, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Wie wird sich die BVG verändern?

Wir haben damit begonnen, den Fahrzeugpark zu erneuern. Es wird neue Straßenbahnen und neue U-Bahnen geben. 2022 beginnt die Serienlieferung neuer Doppeldeckerbusse, die aus Großbritannien zu uns kommen. Auf ein Thema wollen wir ein größeres Augenmerk legen: Bei der Sauberkeit können wir noch einiges verbessern. Die U-Bahn muss überall schnelles Internet bekommen. Wir wollen auch mehr Aufenthaltsqualität in Fahrzeugen und an Haltestellen. So ist unser Ziel, dass die geplante neue Straßenbahnlinie zur Turmstraße schön wird. Dort wollen wir nicht nur funktional, sondern auch ins Gefühl investieren. Vielleicht mit künstlerisch gestalteten Haltestellen, vielleicht mit Bäumen, die wir pflanzen. Wir fragen uns: Wo kann die BVG investieren, damit sich auch Menschen, die normalerweise nicht Bus und Bahn fahren, bei uns wohl fühlen? Der Züricher Nahverkehr sollte Vorbild für Berlin sein. Fast jeder nutzt dort Bahn und Bus. Sie sind selbstverständlicher Bestandteil des öffentlichen Lebens.

Können wir auch darauf hoffen, dass die Sitze besser gepolstert werden?

Das vielleicht auch - zu einem späteren Zeitpunkt. Das kann ich jetzt noch nicht sagen.

Bislang haben Sie sich noch relativ selten öffentlich zu Wort gemeldet.  Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Mein Ziel ist es, die BVG weiterzuentwickeln, damit sie ein guter Mobilitätsdienstleister und das Rückgrat des Berliner Nahverkehrs ist. Das bedeutet, erst einmal ins Haus hinein zu wirken, damit wir kontinuierlich gute Qualität liefern und gleichzeitig produktiver sowie effizienter werden. Und immer wenn es was Neues gibt, was unseren Fahrgästen und all den BVG-Beschäftigten nützt, werde ich berichten.

„Als ich klein war, wollte ich ein wichtiger Mensch werden“

Bevor Sie nach Berlin wechselten, waren Sie fünf Jahre lang Co-Geschäftsführerin der Mainzer Verkehrsgesellschaft. Sind Mainzer Fahrgäste anders als die Berliner?

Die Mainzer sind ruhiger, das Publikum dort ist homogener. Berlin ist eine bunte und hoffentlich auch bald wieder sehr lebhafte Metropole. Auch wenn wir hier ein bisschen lauter und manchmal auch ein bisschen ruppiger sind, lasse ich auf  die Berliner  nichts kommen. 98 Prozent halten sich an die Pflicht, Mund und Nase mit einer medizinischen Maske zu bedecken. Die Berliner zeigen ein außerordentlich hohes Maß an Disziplin.

Was war Ihr erster Berufswunsch?

Als ich klein war, wollte ich ein wichtiger Mensch werden. Mein Ziel war immer, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Haben Sie ein Vorbild?

Es gab unterschiedliche Menschen, an denen ich mich orientiert habe. Zum Beispiel die Ursulinen, bei denen ich in der Klosterschule war. Zu meinen Vorbildern zählt aber auch die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein, weil sie gezeigt hat, dass lesbische Paarbeziehungen über viele Jahre funktionieren können. Als ich jünger war, konnte ich dafür noch keine Beispiele finden. Stattdessen war in Boulevardzeitungen von lesbischen Mörderinnen zu lesen.

Wie lange sind Sie mit Ihrer Frau verheiratet?

Wir hatten angesichts der Gesetzgebung die Möglichkeit, uns mehrmals das Ja-Wort zu geben. Inzwischen sind wir 25 Jahre zusammen. Ich bin sehr froh, dass wir jetzt die Ehe für alle haben. Ihr ging ein Kulturkampf voraus, bei dem allen Ernstes behauptet wurde, dass der Untergang des Abendlandes bevorsteht, wenn Lesben und Schwule heiraten dürfen. Es ist ein Kulturkampf, der leider immer noch andauert, wenn man die jüngsten Äußerungen aus dem Vatikan bedenkt.

Das Jahr 2021 war bisher so lala. Was wünschen Sie sich für 2022?

Eine Party wäre gut. Dass wir alle wieder gemeinsam ausgehen und uns bunt unter die Leute mischen können. Wenn Corona endlich vorbei ist, wird in Berlin groß gefeiert. Das wünsche ich mir für das nächste Jahr!