Über der Berliner Stadtsilhouette im Internet wurde ein dunkler Himmel eingezeichnet. Die Website der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) zeigt, dass der Anschlag an der Gedächtniskirche auch den Nahverkehr in dieser Stadt getroffen hat.

Nachdem am Montagabend der Busverkehr in der City West größtenteils eingestellt worden war, mussten Busfahrgäste am Dienstag weiterhin Umleitungen und Ausfälle in Kauf nehmen. Doch auf der Internetseite heißt es trotzig: „Alle Kolleginnen und Kollegen der BVG werden alles tun, damit unsere Stadt nicht still steht.“ BVG-Vorstandschefin Sigrid Evelyn Nikutta erläutert, wie das Landesunternehmen mit der neuen Lage umgeht.

Wann haben Sie von dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche erfahren?

Ich war in der Stadt unterwegs, als die ersten Meldungen auf meinem Mobiltelefon ankamen. Ich las, dass sich etwas auf dem Breitscheidplatz ereignet hat, und dann rief mich auch schon unser Sicherheitschef an. Da war mir sofort klar, dass etwas Gravierendes passiert sein muss. Er ruft mich nicht nach 20 Uhr an, nur um mir einen schönen Abend zu wünschen.

Wie hat die BVG reagiert?

Die Abläufe sind klar, und sie sind intensiv trainiert worden. Wir sind mit der Polizei und der Feuerwehr auf verschiedenen Ebenen in Kontakt. Die erste Ebene ist unsere Sicherheitsleitstelle, in der auch die Polizei vertreten ist. Als erstes wurden aus allen U-Bahnhöfen Kamerabilder aufgeschaltet, damit wir einen Überblick bekamen, wie die Lage ist. Unsere Sicherheitskräfte wurden informiert, Personal wurde zusammengezogen. Wir haben Busse umgeleitet, der Hardenbergplatz am Bahnhof Zoo wurde nicht mehr angefahren. Unsere Kundeninformation wurde geschaltet, damit die Fahrgäste wussten, dass dieser Bereich nicht mehr angefahren wird. Der U-Bahn-Verkehr lief weiter, auch das in Absprache mit der Polizei. Die Menschen sollten den Ort des Geschehens verlassen können.

Was ist am Tag danach passiert?

Wir sind im Auftrag der Polizei gerade dabei, für die weitere Fahndungsarbeit Videodaten zu sichern. Dabei handelt es sich um die Kamerabilder sowohl aus den umliegenden U-Bahnhöfen als auch aus den Bussen, die am Montagabend in der City West unterwegs waren. Wir gehen davon aus, dass wir aus mehr als 150 Bussen die Festplatten entnehmen und der Polizei übergeben werden. Bei den Videobildern aus der U-Bahn ist es so, dass die Aufnahmen für angeforderte Zeitfenster gespeichert werden und dann verschlüsselt zur Polizei gelangen. Selbstverständlich stimmen unsere Sicherheitsleute sich da ganz eng mit der Berliner Polizei und der Innenverwaltung ab.

Wie sensibilisiert die BVG ihr Personal für Vorfälle wie diesen?

Das ist für uns ein permanentes Trainingsthema. Da geht es auch um viele andere Fragen. Zum Beispiel: Was sind verdächtige Gegenstände? Wie reagiere ich, wenn ich auf einen solchen Gegenstand treffe? Wann ist eine Person verdächtig? Wenn es Auffälligkeiten gibt, melden wir es der Polizei. Sie entscheidet, was zu tun ist. Was die Meldeketten angeht, sind wir sehr schnell. Da sind alle unsere Beschäftigten trainiert, von den Bahnhofsmanagern über Sicherheitskräfte bis hin zum Fahrpersonal.

Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt zeigt, wie verwundbar unsere Gesellschaft ist. Das gilt auch für die BVG. Werden Sie wieder mehr Personal auf den Bahnhöfen stationieren?

Wir haben ja schon Personal auf den U-Bahnhöfen. Die BVG beschäftigt zirka 200 Sicherheitsmitarbeiter, auch mit Hunden. Dienstleister setzen in unserem Auftrag weiteres Sicherheitspersonal ein. Hinzu kommt unser reguläres Bahnhofspersonal, so dass wir auf mehr als 600 BVG-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen, die in unseren U-Bahnhöfen unterwegs sind. Wir sind präsent. Aber unsere Leute werden natürlich nie überall gleichzeitig sein können. Ein hinterhältiger Anschlag wie an der Gedächtniskirche kann überall passieren.

Wie geht es jetzt für die BVG weiter?

Welche Schlüsse wir aus dem Ereignis von Montagabend ziehen, werden wir gemeinsam mit dem Innensenator Andreas Geisel festlegen. Das wird in den kommenden Wochen eine intensive Diskussion geben. Als Teil unserer Gesellschaft müssen wir uns fragen, wie wir mit solchen Situationen umgehen. Meine persönliche Meinung ist: Wir müssen aufmerksam sein, aber wir sollten keine Angst haben.

Sicherheit in der U-Bahn ist schon lange ein Diskussionsthema. Der jüngste Anlass war der Vorfall im U-Bahnhof Hermannstraße: Ein Mann trat eine Frau die Treppe herunter. Fühlen Sie sich angesichts solcher Ereignisse in der U-Bahn sicher?

Ja! In der U-Bahn bin ich nicht allein. Es gibt andere Fahrgäste, und es gibt das Fahrpersonal, mit dem ich sprechen, das helfen und im Notfall die Leitstelle verständigen kann. Es gibt Notrufsäulen und eine Videotechnik, die alles, was passiert, aufzeichnet. Ich persönlich fühle mich in der U-Bahn sicherer als auf einsamen Straßen.

Trotzdem: Nicht nur Fahrgäste, die das Video vom Treter im U-Bahnhof gesehen haben, möchten abends nicht mehr mit der U-Bahn fahren.

Niemand muss Angst in der U-Bahn haben. Unsere objektiven Daten sprechen jedenfalls eine eindeutige Sprache. Mit Ausnahme der Taschendiebstähle gehen bei allen anderen Straftaten die Zahlen zurück, sowohl bei den Gewaltdelikten als auch beim Vandalismus. Die Statistik zeigt auch, dass die BVG in den vergangenen Jahren immer sicherer geworden ist. Die Zahl der Straftaten in unseren Fahrzeugen und auf den Bahnhöfen sinkt – und das, obwohl wir immer mehr Fahrgäste befördern.

Das Gespräch führte Peter Neumann.