Sigrid Nikutta sucht neue Herausforderungen.
Foto: Volkmar Otto

BerlinDas Echo auf den Wechsel Sigrid Nikuttas von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) zur Deutschen Bahn fällt unterschiedlich aus. „Schade, dass sie geht“, meint Andreas Knie, Mobilitätsforscher beim Wissenschaftszentrum Berlin. Im Bus-, U- und Straßenbahnverkehr hinterlässt die 50-Jährige große Probleme, bilanziert jemand anders, der sie ebenfalls gut kennt. „Mit ihrer Doppelrolle als Vorstandsvorsitzende und Betriebsvorstand war sie überfordert“, sagt er.

Klar ist: Diesmal gelingt Nikutta der Absprung zur Bahn, zu dem sie mehrmals angesetzt hatte. Am Donnerstagnachmittag hat der Aufsichtsrat des Bundesunternehmens die promovierte Psychologin zum Güterverkehrs-Vorstand und zur Chefin von DB Cargo berufen.

Die BVG gilt als Problemfall

Es ist eine Sparte, die rote Zahlen schreibt und Kunden mit mieser Qualität verärgert. Ein Knochenjob wurde Nikutta aber auch vorausgesagt, bevor sie am 1. Oktober 2010 das Zimmer A1210 an der Holzmarktstraße in Mitte bezog. Die BVG galt als Problemfall – trotz opulenter Zahlungen des Landes. Zwar ist sie auch heute mit mehr als 700 Millionen Euro verschuldet. Doch aus den roten Zahlen, 2010 betrug der Konzernfehlbetrag 78 Millionen Euro, sind schwarze Zahlen geworden. 13 Millionen Euro waren es 2018.

Sigrid Nikutta, die in Polen geboren wurde und in Westfalen aufwuchs, spricht überaus vernehmlich. Frauenförderung liegt ihr am Herzen. Sie hat Sinn für Humor, weiß aber auch, ihre Macht einzusetzen. Der U-Bahn-Chef ging vorzeitig.
„Ihr ist es gelungen, die BVG wieder auf einen guten Weg zu bringen“, lobt der SPD-Verkehrspolitiker Tino Schopf. Das BVG-Image sei besser geworden – auch wenn es nicht jeder Fahrgast mag, wenn Klagen über Betriebsprobleme bei Twitter unter „Weil wir Dich lieben“ keck gekontert werden. Unter Nikutta wurde die BVG „innovativer und digitaler“, sagt Henner Schmidt (FDP). Hochautomatisierte Busse kurven durch Berlin, mit dem Berlkönig, einem Mittelding zwischen Sammeltaxi und Rufbus, ist die BVG im Ride Sharing aktiv. Die App Jelbi versucht sich als Plattform für diverse Angebote.

Doch die meisten Berliner interessieren sich nicht für derlei Novitäten. Sie stellen fest, dass die BVG ihr Brot-und-Butter-Geschäft vernachlässigt hat. Die U-Bahn-Flotte ist überaltert, Fahrtausfälle und Verspätungen werden beklagt. „Der massive Investitionsstau ist unter Frau Nikutta nicht rechtzeitig und nicht mutig genug angegangen worden“, so Schmidt. „Mehr Geld für mehr Fahrzeuge hätte es geben müssen“, sagt Oliver Friederici von der CDU. Die Politik habe sich lange auf die wirtschaftliche Gesundung der BVG fokussiert, sagen Kritiker. Diesen Auftrag habe Sigrid Nikutta erfüllt, „das Angebot war egal“. Mal sehen, wie sie sich bei der DB schlägt.