BVG-Chefin Sigrid Nikutta übernimmt ab 1. Januar 2020 den neu geschaffenen Vorstandsposten Güterverkehr der Bahn.
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BerlinNein, sie und die BVG haben sich nicht auseinandergelebt, erklärte Sigrid Nikutta am Freitagmorgen. „Es ist wie eine Scheidung inmitten einer Liebesbeziehung“, sagte die Vorstandschefin des Landesunternehmenes, am Freitag zu ihrem Wechsel zur Deutschen Bahn (DB), den der dortige Aufsichtsrat tags zuvor besiegelt hatte. Die promovierte Psychologin übernimmt ab 1. Januar 2020 den neu geschaffenen Vorstandsposten Güterverkehr. Gleichzeitig wird sie auch den Vorstandsvorsitz der DB Cargo AG in Mainz übernehmen. „Wir trennen uns, wenn es am Schönsten ist!“ so Nikutta. Auf diese Botschaft kam es ihr an.

Harry Schotter, das aus Vor-Nikutta-Zeiten stammende Maskottchen der Berliner U-Bahn-Bauleute, stand in der Ecke und lächelte. Zu ihrer ersten offiziellen Abschiedsveranstaltung hatte Nikutta am Freitagmorgen in den Raum A1209 geladen, der mit der großen winkenden Playmobil-Figur und den gelben Pappwürfeln wie ein Spielzimmer anmuten würde – wäre da nicht die Tapete.

Der Versammlungsraum, der sich nur wenige Schritte von Nikuttas großem Chefbüro ebenfalls mit Blick auf die Spree erstreckt, leuchtet im „Urban Jungle“-Design, das bei näherem Hinsehen an ineinander verkeilte rote, blaue und schwarze Würmer erinnert. Es ist ein Design ganz nach dem Geschmack von Sigrid Nikutta, die auch einen Schal mit diesem Muster besitzt. „Bei der Bahn überlegt man schon, welchen Schal sie mir schenken“, sagt sie. Vielleicht im knalligen DB-Rot? Sie hoffe, dass ihre Nachfolgerin die innenarchitektonische Gestaltung übernimmt.

Klar ist: Raum A1209 zeigt stellvertretend, dass Nikutta, die schon als Kind gern bestimmen wollte, den größten kommunalen Nahverkehrsbetrieb Deutschlands geprägt hat. Auch wenn sie am Freitag Wert auf folgende Feststellung legte: „Die BVG hat es geschafft, die besten und innovativsten Verkehrsexperten anzuziehen. Hier arbeiten tolle Leute.“

Schwarze Zahlen in der Bilanz

Die erste Frau an der Spitze der mittlerweile 90 Jahre alten BVG habe erreicht, dass das Unternehmen „gut aufgestellt“ ist, sagte die Aufsichtsratsvorsitzende und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), die am Freitag in den zwölften Stock der Hauptverwaltung an der Holzmarktstraße in Mitte gekommen war. „Ich freue mich für Sie, ich bedauere aber auch, dass Sie die BVG verlassen.“ In den mehr als neun Jahren, in denen Nikutta Chefin war, seien aus den roten Zahlen in der Konzernbilanz schwarze geworden, lobte Pop. Die Zahl der BVG-Fahrgäste sei um rund 20 Prozent gestiegen, es werde mehr investiert und es gebe mehr Personal. Mit dem Berlkönig und der App Jelbi zeige die BVG, dass auch ein öffentliches Unternehmen mit digitalen Themen Profil zeigen kann.

Allerdings kam auch zur Sprache, dass der Betrieb vor allem bei der U-Bahn nicht mehr rund läuft. Die Flotte ist überaltert, Fahrgäste klagen über zu kurze Züge und lange Abstände zwischen den Fahrten. Pop sprach von „Altlasten“ vergangener „Sparzeiten“, Spuren der Vergangenheit, die heute noch spürbar seien. Auch sie hätte es besser gefunden, wenn fortlaufend investiert worden wäre. "Nun laufen wir drei bis vier Jahre hinterher."

Die Dynamik, mit der sich Berlin und die Nutzung des Nahverkehrs entwickelt habe, sei 2010 und in den Jahren danach noch nicht absehbar gewesen, fügte Nikutta hinzu. Damals wurde ihr gesagt: „Wir müssen mit dem, was wir haben, auskommen.“

Inzwischen seien die Weichen anders gestellt worden. In den U-Bahn-Werkstätten wurde Personal aufgestockt, die größte Beschaffung neuer U-Bahnen in der BVG-Geschichte wurde vorbereitet – wobei der Auftrag, der an Stadler Pankow gehen soll, aber wie berichtet bisher nicht   abgearbeitet werden darf. Der französische Bahnhersteller Alstom, dessen Deutschland-Ableger von Nikuttas Bruder Jörg geleitet wird, zog gegen die Vergabeentscheidung erst vor die Vergabekammer und dann vors Kammergericht Berlin. Dort wird am 15. November mündlich verhandelt – Ausgang offen. Beobachter halten es für möglich, dass das Verfahren ganz oder teilweise wiederholt werden muss. Sie erwarten aber auch, dass Nikutta schon nicht mehr bei der BVG sein wird, wenn die Richter entscheiden.

Sigrid Nikutta wünscht sich neue Busspuren

Was wünscht sich Sigrid Nikutta für ihre Nachfolgerin? Dass der Senat stärker als bisher den Fokus auf neue Busspuren und weitere Beschleunigungsmaßnahmenlegt, sagte sie. Je schneller die Fahrzeuge ans Ziel kommen, umso besser ist das für die Fahrgäste und die Bilanz.

„Mit Urlaub hat sie es nicht so“, sagen Mitarbeiter von ihr. Nein, sie werde keinen Resturlaub nehmen, teilte die BVG-Chefin folgerichtig am Freitag mit. „Jetzt steht ein intensiver Endspurt an.“ Ab Anfang Januar wird die 50-Jährige im Bahn-Tower am Potsdamer Platz und im Hauptsitz von DB Cargo in Mainz arbeiten.

Anfang 2020 soll eine Personalberatung mit der Suche nach einer Nachfolge beginnen, so Ramona Pop. Sie hofft, dass sie dem BVG-Aufsichtsrat im Juni 2020 einen Namen präsentieren kann. „Frauen an der Spitze von Unternehmen sind uns ein Herzensanliegen“, sagte die Senatorin. „Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt.“ Nicht nur Harry Schotter ist gespannt, ob Pops Wunsch in der männerdominierten Verkehrsbranche in Erfüllung gehen wird.