Sie steigt und steigt und steigt – die Zahl der Fahrgäste bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). „Sie wird in diesem Jahr einen weiteren Rekord erreichen“, sagte die Vorstandsvorsitzende Sigrid Evelyn Nikutta der Berliner Zeitung. „Im vergangenen Jahr wurden unsere Busse und Bahnen für 1,064 Milliarden Fahrten genutzt, das war schon ein Höchststand. Für dieses Jahr haben wir mit 1,075 Milliarden Fahrten gerechnet, doch so, wie sich die Nachfrage entwickelt hat, werden es sicher mehr als 1,080 Milliarden sein.“ Nicht alle können die Freude teilen. In ihrem jetzigen Zustand lade die BVG trotz absehbarer Dieselfahrverbote nicht zum Umsteigen ein, hieß es.

In einer kleineren Stadt wären mehr als 15 Millionen zusätzliche Fahrgäste ein sattes Plus, sagte Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB. In Berlin sei diese Zahl prozentual wenig beeindruckend. „Sie dürfte sich im Bereich statistischer Schwankungen bewegen.“ Um einen echten Erfolg vermelden zu können, hätte der Anstieg viel größer ausfallen müssen. „Doch auf immer mehr Strecken ist die Kapazität erschöpft, dort könnten die Fahrgastzahlen kaum noch steigen“, so Wieseke. In Stoßzeiten seien viele Fahrzeuge schon voll – für neue Passagiere wäre kaum Platz.

Dieselfahrverbote ab 2019

Im Zeichen des Sparzwangs, den die damalige rot-rote Koalition dem Landesunternehmen auferlegte, wurden notwendige Erneuerungen des U-Bahn-Wagenparks aufgeschoben. Obwohl die Nachfrage schon damals stieg, sank die Zahl der Fahrzeuge.

In einer Zeit, in der in Berlin nun punktuelle Einschränkungen des Autoverkehrs drohen, spitzt sich die Misere weiter zu. Wie berichtet muss der Senat 2019 elf Abschnitte 2019 für Diesel bis Euro 5 sperren. Weitere Fahrverbote gelten als wahrscheinlich. Nicht mehr nur Umweltschützer fordern, den Autoverkehr im Zentrum weiter zurückzudrängen. Doch das heiße auch, dass es passable Alternativen geben muss. Dazu gehöre, dass der Senat die Beschleunigung des Bus- und Straßenbahnverkehrs forciert. Doch die Verkehrslenkung Berlin, die obere Straßenverkehrsbehörde, sperre sich oft dagegen, Busspuren zu verlängern und Ampeln so umzuprogammieren, dass der Autoverkehr dadurch gebremst würde.

BVG-Betriebszeiten werden verlängert

Die BVG tut, was sie kann, sagte Nikutta. „Zum Fahrplanwechsel im Dezember verbessern wir erneut das Angebot.“ 13 Bus- und zwei Straßenbahnlinien werden öfter befahren, Betriebszeiten werden verlängert. Für die nächsten Jahre bereite die BVG den Ausbau der Infrastruktur vor. „In der wachsenden Stadt muss nicht nur das Straßenbahn-, sondern auch das U-Bahn-Netz wachsen“, so die BVG-Chefin.

„Vor einigen Wochen haben wir den Auftrag bekommen, mögliche Verlängerungen der Linien U6 zur Urban Tech Republic TXL, U7 zum BER in Schönefeld und U8 ins Märkische Viertel zu prüfen. Es lässt sich jetzt schon sagen, dass all diese Neubauprojekte grundsätzlich machbar wären.“ Nun müssten aber noch viele Details ermittelt werden, so Nikutta. „Wie hoch wäre der Aufwand, wo gibt es noch Themen, über die gesprochen werden muss?“

Zahl der BVG-Beschäftigten reiche aus

Für die Personalvertreter bei der BVG ist der Mangel an Fahrern ein viel gravierenderes Problem. „Es stimmt, wir stellen viele Kollegen neu ein“, sagte ein Straßenbahner. Doch viele kündigen bald wieder, weil sie den Stress nicht aushalten und anderswo besser bezahlt werden – der Einstiegslohn liegt bei knapp 2100 Euro brutto.

Durch die Personalknappheit fallen Fahrten aus. Einsetzer verkehren schon lange nicht mehr. Von einem „Notfahrplan“, wie er öfter gefordert wird, wollen die BVG-Chefs allerdings nichts wissen. Zwar werde Personal gesucht, doch die Zahl der Beschäftigten reiche aus, sagte Nikutta.

„Wir stellen jedes Jahr rund 500 Busfahrerinnen und Busfahrer ein, anders als früher mehr als wir brauchen. Für unser tägliches Arbeitspensum brauchen wir 2605 Busfahrerinnen und Busfahrer – 4719 stehen bei uns auf der Lohnliste. So ist es auch bei der U-Bahn: Benötigt werden täglich im Schnitt 437 U-Bahn-Fahrerinnen und U-Bahn-Fahrer, 790 sind bei uns beschäftigt.“ Das Personal sei da.